Entwicklung

Jungs in der Krise

"Die Jungenkatastrophe" und "Jungen in der Krise" - so lauten nur zwei Buchtitel aus der jüngeren Zeit. Doch tatsächlich: Im Vergleich zu ihren weiblichen Spielkameraden schneiden die heutigen Jungen oftmals schlechter ab. Das belegen wissenschaftliche Studien.

So sind nach der bundesweiten KiGGS-Studie (Kinder- und Jugendgesundheits-Survey) Jungen deutlich krankheitsanfälliger als Mädchen: Sie leiden häufiger unter Atemwegserkrankungen, haben häufiger Sprachstörungen und motorische Probleme. Jungen stellen drei Viertel der unter 13-Jährigen, die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt werden. In Lesekompetenz und Rechtschreibung sind laut PISA-Studie Mädchen weit voraus, in Deutsch und Englisch haben sie ebenfalls einen Vorsprung. Auch in Mathematik und in den Naturwissenschaften werden die Mädchen besser. In Berlin wechseln weniger Jungen auf das Gymnasium: Während es im Bundesschnitt knapp 50 Prozent sind, sind es in der Hauptstadt nur rund 40 Prozent. Dazu kommt die Kriminalstatistik: Etwa drei Viertel der Jugendstraftaten werden von Jungen begangen. Gleichzeitig sind sie häufiger Opfer von Straftaten als Mädchen.

Für die Probleme der Jungen gibt es viele Erklärungsansätze. Die Gene und die Biologie, die Schule, die Eltern, die geringe Zahl der männlichen Erzieher in Kindergärten - all das wird als Grund angeführt. Dazu kommen tradierte Rollenmuster, weniger Spielflächen und die Unfähigkeit vieler Jungen, über ihre Gefühle zu sprechen. "Die Debatte wird leider zu oft ideologisch geführt", sagt Regina Frey vom Genderbüro Berlin. Dazu gehört auch: Es wird pauschal von DEN Jungen und DEN Männern gesprochen. "Dabei entwickelt sich jedes Kind anders", sagt Katharina Debus von Dissens e.V., einem Berliner Verein zur Förderung der Jungenarbeit.

Zu wenige männliche Erzieher?

Erst kürzlich machte Familienministerin Kristina Schröder (CDU) die geringe Zahl der männlichen Erzieher in Kindergärten und Kitas für die Identitätsprobleme der Jungen mitverantwortlich. Gegenüber einem Männermagazin sagte sie: "In den Kindertagesstätten gibt es fast ausschließlich Erzieherinnen, in den Grund-, Haupt- und Realschulen unterrichten immer noch deutlich mehr Lehrerinnen als Lehrer." Mit rund fünf Prozent männlichen Erziehern steht Berlin im Bundesvergleich noch ganz gut da. Bremen und Hamburg haben allerdings jeweils fast zehn Prozent männliche Erzieher, das ergab eine Studie des Aktionsrates Bildung. Familienministerin Schröder will den Erzieherberuf attraktiver machen und Arbeitslose zu Erziehern umschulen. Genderexperten dagegen halten das Geschlecht des Erziehers oder Lehrers in diesem Fall für überschätzt: "Wir brauchen Lehrerinnen und Lehrer, die ihre eigenen Rollenvorstellungen reflektieren", sagt Regina Frey. "Gender-Kompetenz" nennt sich das dann im Fachjargon.

Doch viel schlimmer als die geringe Zahl männlicher Erzieher sei die breite Spanne an Stereotypen, die in der Erziehung von Mädchen und Jungen verwendet werden - und das oftmals unbewusst. "Das kann man schon an Kleinigkeiten sehen", sagt Bernhard Könnecke von Dissens e.V.: "Wer etwas zu heben hat, fragt automatisch nach einem starken Mann."

Der Pons-Verlag veröffentlichte vor kurzem Diktat-Übungshefte für Mädchen und für Jungen. Erwartungsgemäß geht es bei den Mädchen um Ponyhof, Feen und Hexen, während die Jungen über Roboter, Dinosaurier und Astronauten schreiben sollen - auch das Stereotype, denen nicht allen Mädchen und nicht allen Jungen gerecht werden. Sinn machen dagegen nach Ansicht der Genderforscher so genannte "individualisierende Angebote", die sich weder speziell an Jungen oder Mädchen richten. "Da geht es um das arbeiten in kleinen Gruppen", sagt Katharina Debus von Dissens e.V. Das nehme den Jungen auch den Zwang zum Schauspielern, den beim Frontalunterricht viele verspüren.

Familienministerin Schröder schlägt daneben in einigen Fächern getrennten Unterricht vor. Damit macht das Berliner Gymnasium "Graues Kloster" seit Jahren gute Erfahrungen. Ab der siebten Klasse wird Sport getrennt unterrichtet, manchmal auch Englisch und Physik. "In Englisch sprechen die Jungen angstfreier, wenn die Mädchen nicht dabei sind", sagt Andreas Trampf-Jahning, stellvertretender Schulleiter.

Keine Förderung für Jungen

In Physik dagegen seien die Mädchen deutlich interessierter, wenn ihre männlichen Klassenkameraden nicht beim Experimentieren zuschauen. Erst in den höheren Klassen bekomme er von den Englisch-Lehrern eher negative Rückmeldungen. "Die sagen, dass sie die Jungen im Unterricht als Korrektiv und als Argumentationshilfe brauchen", sagt Trampf-Jahning. Auch die Hildegard-Wegscheider-Schule hat mit besonderer Förderung gute Erfahrungen gemacht - allerdings bei den Mädchen. In einer Kooperation mit der TU will die Schule Mädchen stärker für naturwissenschaftliche Fächer interessieren. "Wir sind immer noch dabei, die Mädchen zu fördern", sagt der Pädagogische Leiter der Schule, Wolfgang Bohm-Autzen. Fördermaßnahmen für Jungen gibt es dagegen bislang nicht. Die Berliner Werner-Stephan-Oberschule ist eine der wenigen, die eine Jungenberatung anbieten. Dennoch ist die Sensibilität dem Thema gegenüber an den Schulen gestiegen. Das Landesinstitut für Schule und Medien in Berlin-Brandenburg hat kürzlich eine Fortbildungsreihe erarbeitet. Auch gibt es in der Hauptstadt seit 2003 das so genannte Gender Budgeting, bei dem die angemessene Aufteilung der Mittel für Männer und Frauen überpüft wird. "Dabei kam zum Beispiel raus, dass es viel mehr Platz für Jungen zum Spielen gibt", sagt Regina Frey, die die Senatsverwaltung beim Gender Budgeting berät. Frey meint in erster Linie die Fußballplätze. "Es ist sehr schwierig, eine für Frauen und Männer ausgewogene Planung bei den Spielplätzen zu machen", sagt Frey. Der Bezirk Lichtenberg-Hellersdorf fördert deshalb nun den Ausbau von Sporthallen.

Auch die städtischen Bibliotheken sind sich mittlerweile der Problematik bewusst. So veranstalten sie Lesungen mit jungen Autoren, um mehr Jungen zum Lesen zu bewegen. "Lesen gilt halt irgendwann als uncool", sagt Katharina Debus von Dissens e.V. Das hat zur Folge, dass die Lesekompetenz in der Pubertät abnimmt. Es sei wichtig, dass Kinder und Jugendliche herausfinden, was ihnen in ihrer Freizeit Spaß macht - unabhängig davon, ob es ein Mädchen- oder ein Jungenhobby ist. Jugendbildungsstätten wie zum Beispiel die am Fehrbelliner Platz sind inzwischen dazu übergegangen, getrennte Gruppen für die Freizeitgestaltung zu bilden - damit sich keiner durch die Erwartungen des anderen Geschlechts unter Druck gesetzt fühlt.

Infos: http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/jungenfoerderung.html