Schülerstudium

"Schule war halt langweilig"

An der Technischen Universität Berlin können Jugendliche den Klassenraum mit dem Hörsaal tauschen

Foto: Massimo Rodari

Schule, Tennis, Kampfsport - und mehr nicht? Das konnte sich Karl Yannick nach einem strengen Jahr im Internat in Schottland beim besten Willen nicht vorstellen. Der Schulunterricht in Deutschland langweilte den 16-Jährigen, die Mitschüler kamen ihm unreif vor und das Arbeitspensum reichte nicht aus. Seine Eltern waren ziemlich genervt - und froh, als sich ihr Sohn beim Schülerstudium der Technischen Universität Berlin (TU) anmeldete. Seit zwei Semestern ist Karl Yannick Koch Schülerstudent und besucht Vorlesungen an der Uni. "Ich muss mich auf Trab halten", sagt er, "man kann ja nicht den ganzen Tag nur rumhängen." Pro Semester sehen das rund 90 Schüler aus Berlin und dem Umland ähnlich. Sie studieren in ihrer Freizeit und sammeln schon während der Schulzeit Scheine für ihr Studium.

Karl Yannick fing bescheiden an, mit jeweils einer Veranstaltung pro Semester. Er belegte Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Entrepreneurship für Existenzgründer, zwei Veranstaltungen aus dem Grundstudium. "Ich bin rein nach Interesse gegangen", sagt Karl Yannick. Zwei Stunden Vorlesung, zwei Stunden Übung und zwei Stunden Tutorium - das passte gerade so in seinen Stundenplan. "Ich hatte Glück, dass die Vorlesungen am Nachmittag anfingen", sagt Karl Yannick.

Scheine sammeln für später

Seine Schule musste die Anmeldung für das Schülerstudium genehmigen, "das gab aber keine Probleme", sagt er. Im Gegenteil: Lehrer und Schulleitung waren begeistert, "dass mal einer was macht". Deshalb stellte Karl Yannick auch seinen Businessplan, eine Aufgabe aus dem Gründer-Seminar, im Unterricht vor. "Der Unterschied zwischen Uni und Schule ist krass. In der Schule benehmen sich die Leute wie im Kindergarten. In der Uni können 400 Leute still sitzen", sagt er. Neider habe er in seiner Klasse keine gehabt, "nur am Anfang, als ich etwas angegeben habe", sagt Karl Yannick. Dass er im Schülerstudium schon jetzt Punkte für das spätere Studium sammeln konnte, war für den Jungen aus Steglitz ein positiver Nebeneffekt. "Ich habe nur eine der beiden Klausuren mitgeschrieben."

Für Lukas Richter ist das Scheinesammeln dagegen ein wichtiger Grund, warum er seit vier Semestern Schülerstudent ist. Sieben Klausuren hat der heute 17-Jährige schon geschrieben, darunter Klassiker wie Analysis oder Lineare Algebra, die jeder Mathematikstudent in den ersten Semestern bestehen muss. Lukas bestand - und nicht nur das: Oftmals erreichte er fast die gesamte Punktzahl. Lukas hat in diesem Jahr Abitur gemacht und will mit dem Mathematik-Studium an der TU beginnen. 70 der 180 erforderlichen Punkte für den Bachelor-Abschluss hat er schon jetzt zusammen - obwohl er bislang noch nicht einmal einen Studentenausweis hat. Die Punkte werden ihm gutgeschrieben. Sobald er eingeschriebener Student ist, kann er die Scheine auch abholen. "Zwei bis drei Semester, länger brauche ich nicht für den Abschluss", sagt er. Er mag nicht viel über seine Erfolge an der Uni reden. "Schule war halt langweilig, da sucht man sich was anderes", sagt er. Weil seine Noten so gut waren, wurde Lukas vom regulären Mathe-Unterricht in der Schule befreit. Sogar die Matheklausuren in der Schule blieben ihm erspart, weil die Uniklausuren angerechnet wurden. Drei Tage pro Woche ging er in den vergangenen Semestern in die Uni, nur an zwei Tagen in die Schule. "Die Schule hat mich nicht ausgelastet", sagt er.

Das Schülerstudium richtet sich nicht nur an Kinder wie Karl Yannick und Lukas, denen alles zuzufallen scheint. "Die Kinder müssen weder hochbegabt sein noch ein langes Bewerbungsschreiben abgeben", sagt Claudia Cifire, Projektleiterin an der TU. Deshalb spielen auch die Vornoten keine Rolle: "Es liegt im Ermessen der Schule, ob sie ein Kind freistellt oder nicht", sagt Cifire. Der Schülerstudent muss den verpassten Stoff allein aufarbeiten und aufpassen, dass er den Anschluss an die Klasse nicht verliert. Das war jedoch weder bei Karl Yannick noch bei Lukas ein Problem. Auch Jana Dmitrieva, Schülerin aus Neukölln, fiel es nicht schwer, ihre Noten zu halten. "Mein Schulleiter hat mir vorher ziemlich strenge Vorgaben gemacht. Er meinte, wenn ich mich nur eine Note verschlechtere, ist Schluss", sagt sie und lacht. Die Noten der 17-Jährigen wurden sogar besser, als sie Schülerstudentin wurde. Jana hat unter anderem Biochemie und Toxikologie gehört. "Darunter waren auch Vorlesungen für Hauptstudiums-Leute", sagt sie. "Da habe ich am Anfang sehr wenig verstanden." Es dauerte etwas, bis sie sich an die Fachbegriffe gewöhnte und daran, dass an der Uni jeder für sich selbst wiederholt und kein Lehrer aufpasst, ob alle mitkommen. "Der Stoff wird hier viel schneller vermittelt als in der Schule. Wenn man da nicht mitkommt, merkt man es sofort", sagt Projektleiterin Claudia Cifire.

Aufgeben kam nicht infrage

Marcel Padilla-Pagel ist genau das passiert, als er in der Analysis-Vorlesung saß: "Ich habe nichts verstanden", sagt der 17-Jährige aus Charlottenburg. Auch die Hausaufgaben fielen Marcel schwer. "Mindestens die Hälfte musste richtig sein, damit ich am Ende des Semesters zur Klausur zugelassen wurde", sagt Marcel. Drei Punkte, fünf Punkte, ein Mal auch zehn Punkte - was der Professor ihm zurückgab, war weit davon entfernt, gut genug für die Klausur zu sein. "Das war schon sehr frustrierend", sagt Marcel. Er hatte immer davon geträumt, Mathematik zu studieren. "Ich konnte es nicht glauben, dass ich das nicht konnte." Marcel sprach ältere Studenten an und übte, jeden Tag. "Ich wollte pro Tag mindestens einen mathematischen Satz verstehen", sagt Marcel. Ans Aufgeben dachte er nicht. Er bestand die Klausur, obwohl fast die Hälfte des Kurses durchfiel. "Das war ein riesiges Erfolgserlebnis." Daran will Marcel im kommenden Semester anknüpfen - auch wenn es anstrengend wird.

Für Jana war das Schülerstudium auch deshalb eine Hilfe, weil sie nun weiß, was sie nach der Schule studieren möchte. Aus dem großen Angebot das richtige Fach auszuwählen - das ist für begabte Schüler wie sie eine große Herausforderung. "Das merken wir immer wieder: Diese Schüler könnten theoretisch alles studieren, weil sie die richtigen Noten mitbringen", sagt Claudia Cifire von der TU, "sie wissen aber oftmals nicht, welches Fach es sein soll." Jana will Biochemie studieren. "Vorher hatte ich nur so eine Ahnung", sagt sie.

Die Koordinatoren an der TU hoffen nun, dass die Schülerstudenten auch an ihren Schulen für das Programm werben. "Wir würden uns wünschen, dass sie mehr davon berichten, wie es in der Uni ist", sagt Claudia Cifire. Das schlägt auch Wolfgang Bohm-Autzen vor. Er ist pädagogischer Koordinator an der Hildegard-Wegscheider-Schule und hat schon mehrere Schüler an die TU geschickt. "Die gehen später ganz anders an das Studium heran", sagt Bohm-Autzen.

Marcel Padilla-Pagel hat während seiner Zeit an der TU nicht nur viel für sein Mathematik-Studium gelernt. "Ich bin jetzt viel zufriedener mit mir und meinem Leben", sagt der Schüler. Er ist stolz, dass er nicht aufgegeben hat - auch, weil er sonst seine jetzige Freundin nie getroffen hätte. "Ich habe sie im Hörsaal kennengelernt", sagt Marcel.

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