Internet

Kaffeeklatsch 2.0 - die jungen Alten gehen online

Googeln, mailen, skypen, chatten: Die Zahl der Senioren im Internet steigt. Fünf Berliner "Silver Surfer" erzählen, wie sie ihr Leben im Netz organisieren

Sie sind überall, die Jungen mit ihren Laptops. Sie sitzen auf den niedrigen Sitzpolstern an der Tür, an den ungebeizten Holztischen, an den Bistrotischen an der Wand. Der Ort: das St. Oberholz, ein Café am Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte. Hier treffen sich junge Hauptstädter, für die Arbeit und Freizeit ineinander übergehen, die ihren Laptop immer dabei haben, meist in einer Tasche aus dünnem Neopren. Der Laptop ist für sie Werkzeug und Statussymbol in einem, ein Utensil, das wie die Hornbrille zum Outfit gehört. Es scheint cool zu sein, hier mit Macbook, weißen Kopfhörern und dem Latte Macchiato im Glas zu sitzen, konzentriert auf den Rechner zu schauen, als sei das, was da auf dem verspiegelten Bildschirm passiert, tatsächlich Arbeit.

An dem langen Holztisch neben der geschwungenen Treppe sitzen vier, die hier nicht hinpassen. Sie sind alt. Sie haben angegraute Haare, tragen keine Turnschuhe und keine lederne Umhängetasche. Sie haben zwar ein Notebook dabei, aber es ist ein längst überholtes Modell: doppelt so dick wie das des jungen Mannes mit den Rastalocken auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches, mindestens vier Zentimeter, ziemlich klobig.

"Guck mal hier", sagt Karl-Heinz Mützlitz, genannt "Mausepaul", und zeigt auf den Bildschirm vor ihm. Ein Freund hat neue Fotos hochgeladen, bei Feierabend.de. Das ist das Seniorennetzwerk im Internet, über das sich die vier kennen gelernt haben. Interessiert schauen die drei Frauen herüber, geben Kommentare zu dem Foto ab, nippen an ihrem Latte. Während die Jungen hier im Café für sich alleine surfen, ist das Internet für die vier Alten ein gemeinsames Erlebnis. Ein Erlebnis, auf das sie stolz sind. Sie sind alle über 65, Mausepaul ist sogar schon 77 Jahre alt. Sie sind das, was die Werbung gerne "Silver Surfer" nennt: Senioren, die im Internet surfen und die sich über dieses Medium Welten erschließen, zu denen sie sonst nie einen Zugang gefunden hätten.

Die Senioren gehören zu der Gruppe, deren Internetkonsum immer noch beständig wächst. 49,6 Prozent der Über-50-Jährigen sind der Studie (N)ONLINER Atlas 2010 zufolge inzwischen im Netz unterwegs. Die Aktivsten sind dabei die der 50- bis 59-Jährigen, von denen 71,8 Prozent surfen. Bei den Über-70-Jährigen sind es rund ein Viertel, immerhin. Google Maps, E-Mail, Chat und Online-Banking, dazu Facebook und Skype - nach und nach entdecken die Alten das Netz, mit einem großen Unterschied: Der praktische Nutzen steht immer im Vordergrund - egal, ob es um die Organisation einer Wanderung an der Mosel geht, um die Bestellung einer neuen Waschmaschine oder das Skypen mit dem Enkel, der hunderte Kilometer entfernt wohnt. "Die Senioren haben eine sehr rationale, abgeklärte Herangehensweise an das Internet", sagt Hendrik Speck, Professor für Interaktive Medien an der Fachhochschule Kaiserslautern.

Das Internet als Lebenshilfe

Mausepaul würde nie stundenlang im Netz surfen, ohne nach einer konkreten Information zu suchen. "Das Internet ist für mich inzwischen die beste Möglichkeit, mein Leben zu organisieren", sagt der 77-Jährige aus Spandau, der früher bei einer Spedition gearbeitet hat. Er ist Leiter der Regionalgruppe Berlin-Mitte von Feierabend.de, die sich mindestens einmal pro Woche trifft.

Über die Gruppe hat er auch Barbara Martin kennengelernt. Sie wickelt alle ihre Bankgeschäfte online ab. "Meine Bank kenne ich nur noch aus dem Internet", sagt die 67-Jährige aus Friedrichshain. Noch vor wenigen Jahren konnte sie mit Computern nichts anfangen. Heute geht sie nur noch selten in eine Buchhandlung. "Die Bücher bestelle ich mir bei Amazon." Wenn sie einen neuen Fernseher braucht, vergleicht sie vorher die Preise im Internet, liest sich Bewertungen durch. "Da bin ich ganz anders informiert, wenn ich in den Laden gehe", sagt sie.

Diese praktischen Vorteile werden in Zukunft noch mehr Senioren schätzen lernen, glaubt Hendrik Speck von der FH Kaiserslautern - gezwungenermaßen. "Viele Dienstleistungen werden ins Netz verlagert", sagt er. So schließt die Post nach und nach ihre Filialen und bewirbt mit viel Aufwand den Online-Brief. Die Bahn überlegte vor zwei Jahren, ob sie für die Beratung am Schalter eine Servicepauschale von 2,50 Euro verlangen sollte, Unternehmen wie die Gasag bieten spezielle Tarife für Kunden an, die sich online registrieren. "Die Senioren haben auf Dauer gar keine andere Möglichkeit, als diese Entwicklung mitzumachen", sagt Hendrik Speck. Dazu kommen die Distanzen: Wenn die Kinder oder Enkel weit weg wohnen, ist das Internet oft die einzige Möglichkeit, um regelmäßigen Kontakt zu halten - schließlich schreiben die Jüngeren praktisch keine Briefe oder Postkarten mehr, auch die Zahl der Festnetzanschlüsse geht zurück. Die Telekom hat beispielsweise inzwischen nur noch 25,5 Millionen Festnetzkunden. "Die alten Kommunikationsmittel werden von den Jüngeren nicht mehr bedient", sagt Henning Speck. Also Internet - oder gar kein Kontakt. Das gilt sogar im Großraum Berlin: Rosi Jonack wohnt in Schöneiche, bis zum Alexanderplatz sind es 24 Kilometer. Es gibt eine Straßenbahn, doch die fährt nachts nicht, "da komme ich hier gar nicht mehr raus", sagt Rosi Jonack. Deshalb ist sie den Großteil des Tages online und hat dort schon viele Bekanntschaften geschlossen. "Ohne Internet wäre ich viel einsamer", sagt sie. Sie trifft sich mit ihren Internet-Bekannten im Café oder geht mit ihnen bummeln. "Aber auf der Straße hätte ich die nie kennengelernt", sagt sie. Noch wichtiger ist das Internet für Ältere, die nicht mehr gut laufen können und deshalb ihre Wohnung nur noch selten oder nie verlassen. "So eine kennen wir auch", sagt Mausepaul. Einmal im Monat besucht er die Dame zu Hause, es gibt Kaffee und Kuchen. Derzeit ist der Rechner der alten Frau kaputt - und damit der Kontakt nach draußen gekappt. "Da fahre ich morgen hin und spiele ein neues Betriebssystem auf den Rechner", sagt Mausepaul.

Auch an anderer Stelle kümmern sich die Senioren um ihre Bekannten. Zweimal pro Woche verabreden sie sich abends zum chatten. "Das ist toll für die, die beim letzten Treffen nicht dabei waren", sagt Mausepaul. Wenn jemand länger nicht beim Chat erscheint, schaut er schon mal bei demjenigen zu Hause vorbei. "Da kann ja sonst was passiert sein", sagt Mausepaul. Für viele Jüngere ist das vermutlich unvorstellbar - bei einem der Facebook-Freunde zu Hause vorbei zu fahren, weil er oder sie drei Tage nicht im Chat war.

Facebook? "Das ist mir zuviel"

Mit der Oberflächlichkeit von Sozialen Netzwerken wie Facebook kommen die Feierabend-Nutzer deshalb nicht zurecht. "Ich will die Menschen dann auch im wirklichen Leben treffen", sagt Mausepaul. Das Internet ist für ihn nur der Anfangspunkt einer Bekanntschaft, mehr nicht. Aus dem Grund ist Ingrid Aosak bei Facebook wieder ausgetreten. Sie fand ihren Enkel auf der Freundesliste eines Bekannten wieder. "Er sagte, hier sei jeder mit jedem Freund", sagt Ingrid Aosak. "Da bin ich gleich wieder raus." Freund sein mit jedem? "Das war mir zuviel", sagt die 71-Jährige. Sie schaut irritiert durch ihre Brille.

Ingrid Aosak versteht nicht, wie man 500 Freunde bei Facebook haben kann. "Das sind doch keine Freunde", sagt sie. Natürlich nicht. Ingrid Aosak hat den Großteil ihres Lebens nur Radio und Fernsehen genutzt. Das Internet ist ein Medium, das sie sich erst spät angeeignet hat. "Die Alten beurteilen das Netz immer von der Warte ihrer eigenen Lebenserfahrung aus", sagt Hendrik Speck. Deshalb kann Ingrid Aosak mit Facebook nichts anfangen.

Mausepaul hat über das Internet nicht nur viele Freunde, sondern auch seine Lebenspartnerin gefunden. Seit zwölf Jahren ist er mit Karin Wendehak zusammen. Sie nennt sich "Mausepauline". Das, was sie zusammen brachte - das Netz - macht auch heute noch den Großteil ihres Lebens aus. "Ich weiß gar nicht, was wir ohne Internet heute machen würden", sagt Mausepauline und lacht. "Wahrscheinlich krank werden", meint Mausepaul. Dazu haben die beiden bisher keine Zeit. "Bei uns ist online und offline zu viel los", sagt Mausepauline.

Ich weiß gar nicht, was wir heute ohne Internet machen würden Karin Wendehak, Rentnerin aus Spandau

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