Partnerschaft

Vernetzte Gefühle

Der ältere Herr und seine Begleiterin sitzen auf der Terrasse eines Cafés eng beieinander. Die beiden kommen gar nicht dazu, ihre Flasche Wasser zu leeren. Sie reden pausenlos. Er hält dabei zärtlich ihre Hand und schaut ihr tief in die Augen. Werner hat Ines vor anderthalb Jahren kennen gelernt - nicht etwa altmodisch beim Tanztee, sondern ganz modern im Internet.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich mich in meinem Alter noch einmal glücklich verlieben würde", sagt Werner Jendrny. Sein ergrautes Haar ist zu einer kurzen Igelfrisur frisiert. Durch eine schmale Brille blicken blaue Augen. "Mit der Sehhilfe sind die Tränensäcke nicht so deutlich wahrnehmbar", sagt der 73-jährige Zehlendorfer und lacht. Am liebsten tanzt er Rock'n' Roll, das kann er nun wieder zu zweit machen, wenn auch etwas langsamer. Nach einem Herzinfarkt im September 2007 habe er sich eigentlich damit abgefunden, seinen letzten Lebensabschnitt allein zu verbringen und beschlossen: "Ich gehe nicht mehr auf die Jagd. Ich lasse mich finden."

Gefunden hat ihn schließlich Ines von Kuhlberg, Nickname "Astrofee", beim 50plus-Treff, einem Dating-Portal für Senioren. Allerdings zunächst ohne Hintergedanken, wie die 65-Jährige beteuert. Denn Werner Jendrny alias "Froggy" ist seit 1992 trockener Alkoholiker und moderiert auf dem Portal ein Sucht-Forum. Die Altenpflegerin hatte sich im Herbst 2007 ins Forum geklickt, weil sie damals einen Betroffenen betreute. "Er antwortet auf die Fragen sehr offen. Seine direkte Art finde ich toll", schwärmt die Neuköllnerin, die mit ihren rot geschminkten Lippen und der Sonnenbrille im blondierten Haar so gar nicht dem klassischen Bild einer Seniorin entspricht.

Auf der Suche nach der späten Liebe

Die Silver-Surfer machen sich wie ihre Kinder und Enkel die Kommunikationsmöglichkeiten des Internets zunutze. Denn mit der Rente fällt für die Partnersuche einer der effektivsten Orte für das sich Kennen- und Liebenlernen weg - der Arbeitsplatz. Hinzu kommen mit den Jahren bisweilen Krankheiten, die die Mobilität einschränken. Und ab einem gewissen Alter verkleinert auch der Tod den Kreis potenzieller Partner. Doch es gibt einen Ort, an dem die unfreiwilligen Senioren-Singles zueinander finden können: Das Netz bietet mittlerweile viele Partnerbörsen speziell für ältere Menschen.

Nutzer solcher Portale wie 50plus-Treff, Romantik-50plus oder Lebensfreude50 erstellen sich ein individuelles Profil mit Nickname, Alter, Wohnort, Interessen und Foto. Registrierte Mitglieder können in den Steckbriefen der anderen stöbern, sich über das Portal Nachrichten schreiben, in Foren miteinander diskutieren und gemeinsam chatten. Sie nutzen dabei die gleichen Technologien wie die jüngeren Generationen in ihren Social Networks auf Facebook und MySpace. Nur die Zielgruppe ist eine andere. Nach 1964 geboren dürfen die Nutzer zum Beispiel von 50plus-Treff nicht sein, sie müssen dies bei ihrer Anmeldung sogar versichern. Nach oben gibt es keine Altersgrenze. Und so chatten dort selbst über 80-Jährige und nennen "PC und Internet" als ihre Hobbys. Im Beruf habe er sich immer um den Computer drücken können, erzählt der pensionierte Polizeibeamte Werner Jendrny. "Dann ging mir aber ein Licht auf: Was machst du, wenn du mal krank wirst? Du musst dein Gehirn trainieren." Beim Einrichten seines ersten PCs half ihm ein Freund. Im Jahr 2000 besuchte er das erste Mal Dating-Portale. Einer seiner Bekannten hatte damals auf diesem Wege eine Partnerin gefunden. Heute ist Jendrny mit seiner Flat von morgens bis abends online - wenn er nicht gerade seine Freundin besucht.

Beim ersten Treffen der beiden in den Neuköllner Gropius-Passagen nur eine Woche nach dem ersten Kontakt im Internet vertieften sie zunächst das Fachgespräch über Alkoholismus. Doch dabei blieb es nicht. "Wir haben drei Stunden lang ohne Pause geredet und dabei festgestellt, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben", erzählt der Vater zweier Töchter. Er arbeitet noch hin und wieder als Pförtner in einem Altenheim, Ines von Kuhlberg leitet eine kleine private Pflegeeinrichtung. "Es ist nicht leicht, einen Mann zu finden, der Verständnis für meinen Beruf hat", sagt die "Astrofee", die in ihrer wenigen Freizeit am liebsten Horoskope erstellt.

Seit dem Treffen waren sie ständig in Kontakt, telefonisch und per Mail. Morgens hatten beide die erste Begrüßungspost im Account. Abends wünschten sie sich eine gute Nacht, immer mit passendem Smiley versehen. Für das nächste Treffen kaufte sich Ines von Kuhlberg extra ein neues Kleid: "Weil er erzählt hatte, dass er keine Hosen mag. Ich wollte, dass er merkt, dass er mir wichtig ist." Bei dem Date wurden die Lebensverhältnisse geklärt, dass sie zweimal geschieden wurde, er noch verheiratet ist, sich aber eine neue Partnerin wünscht. "Von da an waren wir ein Paar", sagt der Romantiker, der stundenlang mit seiner Ines im Arm auf der Parkbank sitzen und den Sternenhimmel beobachten kann.

Die Kontaktaufnahme im Internet habe ihre Vorteile, sagt Ines von Kuhlberg. Man könne spezifisch auf die Suche gehen und Unstimmigkeiten eher ausschließen, meint die dreifache Mutter und zweifache Großmutter. Voraussetzung sei allerdings, dass die Beteiligten ehrlich zueinander sind. Lügner gebe es aber auch im Netz. Die gebürtige Königsbergerin wurde vor ihrer Bekanntschaft mit Werner bereits einmal enttäuscht. "Der Heiratsschwindler hatte sich im Internet zehn Jahre älter gemacht und sich als wohlhabend ausgegeben. Doch wenn es ans Bezahlen ging, war immer nur ich an der Reihe." Sie trennte sich noch rechtzeitig.

Nach ihren gescheiterten Ehen denkt das Paar nicht ans Heiraten. Auch wenn beide den Segen ihrer Familien längst haben. Die fanden es nicht ungewöhnlich, dass Ines und Werner im Internet zueinander fanden. Gleich zwei der Töchter von ihr haben selbst gute Erfahrungen mit dem Online-Dating gemacht, sie leben seit Jahren in intakten Beziehungen mit ihren einstigen Internet-Bekanntschaften. Ihre Pflegetochter Diana half ihr sogar beim Einrichten ihres Profils. "Sie sind auch glücklich, dass wir nicht allein sind", sagt der dreifache Großvater Werner Jendrny. Er lernte die Kinder seiner Lebensgefährtin nach nur wenigen Wochen beim Weihnachtsfest kennen.

Das Internet hält jung

Aber nicht jeder der älteren User träumt von der letzten großen Liebe. Viele wünschen sich in erster Linie Gesellschaft. Die Internet-Anbieter haben sich darauf eingestellt und so bieten die meisten Portale für Freundschaft und Freizeitgestaltung. Nicht nur digital in Foren und Chats werden Kontakte geknüpft, die Nutzer begegnen sich auch im realen Leben. In sogenannten Regionalgruppen von 50plus-Treff gehen sie zum Bowlen und Brunchen oder machen Ausflüge.

Wegen der freundschaftlichen Kontakte sind Ines von Kuhlberg und Werner Jendrny immer noch auf ihrem Portal aktiv. "Das macht unser Leben abwechslungsreich und hält jung. Das Internet ist ein Fenster, aus dem jeder schauen sollte", betont "Froggy", der seinen Spitznamen von einem Auto abgeleitet hat: dem Austin Healy Mk1 mit seinen Froschaugen-förmigen Scheinwerfern - seiner anderen großen Liebe.

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