Spielstraßen

Vorfahrt für Kinder

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Christine Eichelmann

Foto: David Heerde

Vor 30 Jahren wurden in Berlin Spielstraßen eingeführt - als sicherer Ort zum Toben. Doch die wenigsten Eltern würden ihre Kinder wirklich dort spielen lassen. Denn die Realität sieht oft anders aus

Ein Dorfplatz könnte kaum beschaulicher sein. Bänke unter Eichenlaub bieten ein schattiges Plätzchen. Das Restaurant nebenan hat einen Sandkasten auf den Vorplatz gestellt, darin lassen die Zwillinge Felina und Felix Schütz (27) ihre Babys Johanna und Hennri (beide elf Monate) spielen. Eine Kindergartengruppe stromert an Kreidezeichnungen auf dem Pflaster vorbei. Die wenigen Autos, die vormittags hier vorbeifahren, drosseln das Tempo - Schwellen und raumgreifende Pflanzungen zwingen sie dazu.

Nein, die Kinder einfach laufen lassen gehe auf gar keinen Fall, ist die Erzieherin vom Kinderladen "Zum Zinzenprinzen" trotzdem ganz erstaunt über die Frage. Es ist eben doch kein Dorfplatz, sondern Berlin, Ortsteil Moabit. Und auch Felix Schütz, der wie seine Zwillingsschwester in Moabit wohnt, kann sich nicht vorstellen, dass seine Tochter später einmal mit dem Laufrad auf der Straße fahren wird. Zwar ist die Elberfelder Straße nicht nur hier an der Einmündung der Dortmunder Straße verkehrsberuhigt. Fußgänger und Autofahrer müssen gegenseitig Rücksicht nehmen, Kinderspiele sind überall erlaubt. Das blaue Verkehrszeichen mit weißen Abbildungen aller gleichberechtigten Straßennutzer lässt keinen Zweifel daran, dass Schrittgeschwindigkeit gefordert ist. Das allerdings ist in den im Volksmund "Spielstraßen" genannten verkehrsberuhigten Bereichen meist reine Theorie. Und das seit 30 Jahren - solange nämlich gibt es die "Verkehrsberuhigten Bereiche" schon.

Umstrittene Idee

"Eltern halten ihre Kinder zurück, damit sie nicht auf die Straße laufen. Dass jemand dort spielt, habe ich überhaupt noch nie gesehen", sagt der Wirt des Restaurants an der Ecke und fügt hinzu: "Nachmittags ist ja auch ganz schöner Verkehr." Und Michaela Gohlisch vom Kinderladen "Die frechen Spatzen" schräg gegenüber weiß aus Erfahrung: "Schritt fährt hier niemand." Das hatten sich die Stadtplaner in den 80er-Jahren anders vorgestellt. Gleich kiezweise wurde damals in Moabit im Rahmen eines Bundesforschungsprojektes verkehrsberuhigt. Kurz zuvor, am 21. Juli 1980, hatte die Regelung Eingang in die Straßenverkehrsordnung (StVO) gefunden. Die Idee, Kindern mehr Raum zu geben, war aber weder neu noch unumstritten. "Polizei gegen Spielstraßen" überschrieb die Berliner Morgenpost am 13. Juni 1958 die Nachricht, dass von den damals existierenden 19 auch offiziell so betitelten "Spielstraßen" Westberlins zwölf wieder aufgehoben werden sollten. 1949 als Ersatz für fehlende "Tummelplätze" in der Trümmerstadt eingeführt, waren diese Vorgänger des heutigen Modells mal durch Tempobeschränkungen, mal durch ein Fahrverbot gekennzeichnet. Verrufen waren sie bei Anwohnern, die sich vom Kinderlärm gestört fühlten, bei Geschäftsleuten, die um ihre Kunden bangten und auch bei der Polizei. Letztere kritisierte die bleibenden Gefahren für die jüngsten Straßennutzer.

Dennoch flossen im ehemaligen Bezirk Tiergarten zwischen 1980 und 1986 insgesamt zwölf Millionen Mark in das Pilotprojekt. Südlich der Straße Alt-Moabit sowie nördlich der Turmstraße wurde straßenzugweise das Niveau von Bürgersteigen und Fahrbahn angeglichen, wurden Bäume gepflanzt und Straßenmündungen verengt. Zwischen Stromstraße und Beusselstraße entstand das größte verkehrsberuhigte Wohngebiet in der Berliner Innenstadt. Die von Tiefbauamtsleiter Johann Anton Schilcher eingeführten Schwellen hießen fortan "Moabiter Kissen".

Von ihren Eltern sei sie als Kind zum Ballspielen extra auf die Straße geschickt worden, erinnert sich eine 33-Jährige, die mit Freundinnen vor einem Café an der Oldenburger Straße sitzt. Sie ist hier aufgewachsen und wohnt mit ihren beiden Kleinkindern noch immer im Kiez. Funktioniert habe das Modell Spielstraße schon früher kaum, erinnert sich die Mutter, die ihren Namen nicht nennen möchte: "Wenn hier jemand Tempo 30 fährt, ist das schon langsam." Auch von Ärger mit Autofahrern, die - wie in der StVO vorgesehen - hinter Fußgängern oder Radfahrern zurückbleiben mussten, weiß ihre Freundin Nicole Martin zu berichten: "An Kreuzungen ist das hier eher noch gefährlicher als anderswo." Wegen der abgesenkten Bürgersteige erkenne ihr dreijähriger Sohn nämlich gar nicht, wo die eigentliche Fahrbahn beginne.

Schritttempo fährt kaum einer

Mit ihren Erfahrungen stehen die drei Moabiterinnen nicht allein. Im ehemaligen Sanierungsgebiet Klausener Platz in Charlottenburg erinnern leuchtend grüne Warnmännchen an den Straßenrändern an das Schrittfahrgebot in dem ebenfalls flächendeckend verkehrsberuhigten Kiez. Ohne Erfolg: "Ich würde meine Kinder nie auf der Straße spielen lassen", sagt Janina von Königsmarck aus dem Spielzeugladen an der Nehringstraße. "Die Autofahrer achten doch nicht auf Kinder."

Dennoch, auch in Berlin gibt es positive Beispiele. Die Gartenstadt Düppel in Zehlendorf wurde schon verkehrsberuhigt geplant - und es gibt genügend Eltern, die das Recht zum Spielen für ihre Kinder täglich aktiv einfordern. "Ich habe aber das Gefühl, die meisten fahren schon von allein ganz langsam", sagt Anja Ring. Obwohl sie an der Durchgangsstraße der Siedlung wohnt, lässt sie Sohn Jakob (8) bedenkenlos auf der Straße kicken.

Und dennoch: Wie gering allgemein die Akzeptanz der verkehrsberuhigten Zonen bei Autofahrern ist, belegt die Statistik der Polizei. "Motorisierten Verkehrsteilnehmern fällt es nach wie vor schwer, sich mit Schrittgeschwindigkeit fortzubewegen", so Polizeisprecher Thomas Goldack. Die in diesem Bereich festgestellten Geschwindigkeitsüberschreitungen seien proportional weitaus höher als auf anderen Straßen. Dass die blauen Schilder seit Ende der 80er-Jahre nur noch selten aufgestellt werden, liegt aber auch an den knappen Kassen. Wegen der nötigen Umbauten "ist die Einrichtung von verkehrsberuhigten Bereichen recht kostenintensiv", informierte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Juli 2009 das Abgeordnetenhaus. Deshalb würden in Wohngebieten Tempo-30-Zonen bevorzugt.