Familien- und Bildungsökonomie

Frühe Förderung rechnet sich für sozial Schwache

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Foto: Krauthoefer

In Köpfe zu investieren ist eines der beliebtesten Schlagwörter der Politiker. Aber wann bringt es wirtschaftlich gesehen am meisten, Geld in Bildung zu stecken? Und sind Gebühren für Kitas gerechtfertigt? Ein Gespräch mit Katharina Spieß, Professorin für Familien- und Bildungsökonomie an der Freien Universität Berlin.

Morgenpost Online: Frau Spieß, Sie sind Bildungsökonomin. Was haben Kinder mit Wirtschaft zu tun?

Katharina Spieß: Die Bildungsökonomie hat sich ursprünglich nicht so stark mit der frühen Kindheit beschäftigt, sondern sie fing oft in der Schule an. Was passiert mit den jungen Menschen, gibt es Schulabbrecher, wie steigen die in den Arbeitsmarkt ein? Man konnte aber nicht richtig erklären, warum es Bildungsungleichheiten gibt und woher die kommen. Dann haben sich Ökonomen vor allem aus den USA zusammen mit Psychologen angeschaut, was mit der Entwicklung von Individuen über den Lebensverlauf passiert. Zeitgleich hat die Hirnforschung viele spannende Ergebnisse über die Bedeutung der frühen Jahre erzielt. Man weiß, dass das kindliche Gehirn sehr formbar ist und dass Ungleichheiten nicht schon ab der Geburt bestehen. Die Frage ist, warum schafft es der eine und der andere nicht.

Morgenpost Online: Es gibt also keine Begabungen von Geburt her?

Spieß: Natürlich gibt es bestimmte Dispositionen, eine genetische Ausstattung. Aber das für Deutschland wichtigste Merkmal, nämlich dass der Bildungshintergrund der Eltern extrem entscheidend ist für die Bildungskarriere der Kinder, lässt sich nicht über Genetik erklären. Die frühe Kindheit ist entscheidend für die Ausformung des Gehirns, welche Synapsen sich verknüpfen und welche nicht mehr.

Morgenpost Online: Und, lohnt sich die Investition in kleine Kinder?

Spieß: Die Analysen, die es bisher vor allem aus Amerika gibt, zeigen insbesondere für benachteiligte Kinder ein extrem positives Kosten-Nutzen-Verhältnis. Die Ergebnisse sind unterschiedlich. Manchmal ist die Spannbreite 1:17, wie bei der berühmten Perry-Preschool-Studie. Ein investierter Dollar kommt also mit 17-fachen Nutzen zurück. Andere Untersuchungen kommen zu einem Nutzen von 1:2.

An der Perry-Schule in Michigan begann vor 47 Jahren das wohl wichtigste Experiment zu Langzeiteffekten frühkindlicher Bildung: Dafür wurden 123 Kinder mit einem niedrigen IQ aus einem Problemviertel ausgewählt. Die eine Hälfte kam ins Vorschulprogramm der Perry-Schule, die andere nicht. Später schnitten die Kinder mit vorschulischer Bildung in Schule und Ausbildung erheblich besser ab und wurden viel seltener straffällig.

Morgenpost Online: Wie lässt sich das bildungsökonomisch berechnen?

Spieß: Man rechnet gegen, wie sich die Quote der Schulabbrecher verringert, wie viele Kinder mehr das College besuchen, die dann ein höhere Erwerbseinkommen haben, mehr Steuern bezahlen. In hoch belasteten Gebieten wird oft berücksichtigt, dass Jugendliche weniger kriminell werden. In Deutschland haben wir wegen fehlender Daten keine solchen Analysen. Denn sie müssen Karrieren über 20 oder 40 Jahre verfolgen. Aber wir haben natürlich Hinweise. Ich unterscheide immer zwischen den Eltern-induzierten Kosten-Nutzen-Strömen und den Kinder-induzierten. Eltern-induziert wäre zum Beispiel, was es der Volkswirtschaft bringt, wenn durch den Kita-Ausbau mehr Mütter erwerbstätig sein können.

Morgenpost Online: Das ist das Argument von Familienministerin von der Leyen.

Spieß: Darauf wird sie immer wieder festgenagelt. Aber die Eltern-Seite ist nicht alles, obwohl der Nutzen durch zusätzliche Steuereinnahmen natürlich sehr kurzfristig anfällt. Der Kind-induzierte Nutzen von Kitas entsteht nicht im Hier und Heute. Frühkindliche Investitionen amortisieren sich erst nach 20 oder 40 Jahren. Das entspricht nicht dem Wahlzyklus eines Politikers. Wir haben nachgewiesen, dass Kinder, die in einer Kita waren, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium besuchen.

Morgenpost Online: Kann man in der Grund- und Oberschule aufholen, was man in der frühkindlichen Förderung verpasst?

Spieß: Ja, aber es ist aufwendiger. Wenn sie es Hänschen nicht beigebracht haben und es Hans beibringen müssen, kostet es die Volkswirtschaft einfach mehr.

Morgenpost Online: Brauchen wir also eine Kita-Pflicht?

Spieß: Nur im letzten Vorschuljahr ist fast jedes Kind in Deutschland im Kindergarten. In den Jahren davor sind die Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern oder Migranten-Familien nicht mit dabei. Dabei zeigen Analysen, dass gerade benachteiligte Kinder besonders vom Kita-Besuch profitieren. Gebührenfreiheit scheint nicht zu helfen, weil bei diesen Gruppen die Kosten ohnehin meistens übernommen werden. Eine Kita-Pflicht könnte helfen. Aber ich als Ökonomin setze auf positive Anreize.

Morgenpost Online: Wie könnten die aussehen?

Spieß: Amerikanische Studien belegen, dass es hilft, wenn die Leute etwa in Form eines Gutscheines mitgeteilt bekommen, dass dieser subventionierte Kita-Platz für sie persönlich und ihr Kind bereitsteht.

Morgenpost Online: In Berlin gibt es den schon.

Spieß: Ja, Berlin ist da weiter als andere. Aber die Leute müssen immer noch zum Jugendamt gehen.

Auf der anderen Seite des sozialen Spektrums machen sich viele bildungsorientierte Eltern Gedanken: Muss mein Kind schon mit drei Englisch lernen lassen? Das ist letztlich eine pädagogische Frage. Gehirnforscher sagen, das kindliche Gehirn könnte eigentlich drei Muttersprachen unterbringen. Jetzt macht die Kita-Szene daraus, man müsse jetzt drei Sprachen an das Kind heranbringen. Das ist der falsche Ansatz. Alles muss in die kindliche Lebenswelt passen. Es gibt keine Kosten-Nutzen-Analysen darüber, ob sich Englisch oder andere zusätzlichen Lernangebote später auszahlen. Ökonomisch nachgewiesen ist allerdings, dass Familien-integrierende Ansätze noch mehr bringen.

Morgenpost Online: Was heißt das?

Spieß: Wir brauchen Familienzentren. Die klassische Kita versteht sich nicht als Dienstleistungszentrum. Sie sollte jedoch stärker im Verbund arbeiten mit Kinderärzten. Für erwerbstätige Eltern ist es eine Katastrophe, wenn das Kind krank wird. Oder die Logopädin und die Ergotherapeutin kommen mit in den Kindergarten, die Musikstunde oder der Sportkurs werden integriert. Das entlastet das Zeitbudget von Familien und verhindert für das Kind, ständig hin- und hergefahren zu werden. Für die Eltern von benachteiligten Kindern ist ein solcher Ansatz besonders wichtig. Es kann auch Kurse über kindliche Ernährung oder Erziehung in der Kita geben oder Deutsch-Kurse für Mütter mit Migrationshintergrund. Sie kommen an diese Familien über die Kita viel besser heran, als wenn Sie die Frauen schriftlich auffordern, doch mal einen Deutschkurs zu besuchen.

Morgenpost Online: Erzieherinnen verdienen recht wenig, und die Anforderungen steigen extrem an, wenn umgesetzt wird, was Sie sagen.

Spieß: Natürlich müssen die Erzieherinnen dafür qualifiziert werden, wie sie in Teams arbeiten. Aber es tut sich viel in Deutschland. Die Fachhochschulstudiengänge in Kleinkindpädagogik sprießen überall aus der Erde. Aber vor allem ist das eine Frage der Quantität. Das Zeitbudget ist zu klein.

Morgenpost Online: In vielen Berliner Kita-Gruppen ist eine Erzieherin für 15 Kinder da. Lassen sich die Pläne so umsetzen?

Spieß: Der Betreuungsschlüssel ist suboptimal. Eins zu zwölf sollte die absolute Obergrenze sein. Deshalb muss man mehr in diesen Bereich investieren. Der bildungsökonomische Nutzen ist massiv mit der Qualität der Kitas verbunden. Wenn man den Beruf Erzieherin aufwertet, würden auch noch mehr Personen in diesen Bereich gehen und auch länger bleiben. Erzieherinnen haben mit die höchste Fluktuation aller Berufsgruppen. Dabei ist die Stabilität der Bezugsperson für die Qualität fast das Wichtigste.

Morgenpost Online: Sie sind im Berliner Familienbeirat. Wie bewerten Sie die Bemühungen des Senats, die Qualität der Kitas zu verbessern?

Spieß: Positiv ist, dass Berlin schon lange Kita-Gutscheine vergibt und den Weg hin zu Eltern-Kind-Zentren beschreiten will. Berlin könnte nachlegen bei den Bedarfskriterien, wann man also einen Platz bekommt. Wenn es Beitragsfreiheit geben soll, bräuchte man die eher in den ersten Lebensjahren als in den letzten Kita-Jahren. Das bringt ökonomisch nur schöne Mitnahmeeffekte. Das ist nicht sinnvoll, ich hätte das Geld stärker in die Qualität gesteckt. Berlin bräuchte eine neutrale Instanz zur Qualitätsprüfung der Kitas. Auch Eltern brauchen einen Indikator, wie gut die jeweilige Kita ist. Bisher gibt es das gar nicht. Alle Analysen zeigen: Eltern überschätzen in der Regel die pädagogische Qualität ihrer Kita. Deswegen brauchen wir eine Art Gütesiegel für Eltern, damit die ihre Kita bewerten können und nicht nur nach Lage und Öffnungszeiten gehen.