Familiengründung

Wenn aus Eltern Großeltern werden

| Lesedauer: 9 Minuten
Susanne Frömel

Wenn Menschen Eltern werden, verschiebt sich die gesamte Statik in der Familie. Das Kind hört auf, Kind zu sein, und aus einer blühenden Frau wird plötzlich eine Großmutter. Nicht alle Familien kommen mit dieser neuen Situation klar. Doch es gibt Möglichkeiten, die Konflikte zu meistern.

Das sonntägliche Frühstück ist so etwas wie eine Tradition geworden in der Familie S. Mutter S. bäckt frische Muffins, eine Angewohnheit, die sie nach einem mehrjährigen USA-Aufenthalt beibehalten hat, und macht Spiegeleier. Der Vater bedient die Kaffeemaschine, deren Betrieb so kompliziert ist, dass nur Pensionäre oder Italiener die Geduld haben, sich damit auseinanderzusetzen.

Sohn Torsten bringt von unterwegs die Brötchen mit, und Schwiegertochter Simone trägt jede Woche eine kleine Probe einer neuen Marmeladensorte bei sich, ein Hobby, das sie in den letzten Jahren intensiviert hat, wohl als Ausgleich zu dem stressigen Alltag in der Bank. Sie sitzen auch diesmal beieinander und reden über die Ereignisse der vergangenen Woche. Es ist wie immer. Und trotzdem ist etwas anders.

"Ihr benehmt euch irgendwie verspannt", sagt Mutter S., "Mütter spüren so etwas." Torsten lächelt Simone verliebt an, streichelt ihren flachen Bauch und sagt, weil sein Vater ein wenig schwer von Begriff ist: "Ihr werdet Großeltern."

Freut ihr euch denn gar nicht?

Ein kleiner Satz. Sie hatten oft darüber gesprochen. Wie leer das Haus jetzt sei. Wie schön es wäre, ein bisschen Gekicher und Jauchzen in den Garten zu bringen. Trotzdem wirkt die Botschaft bei den Eltern wie ein Fausthieb. Über das Gesicht der Mutter schiebt sich ein kleines Lächeln, das verzweifelt versucht, sich in der erschlaffenden Gesichtshaut festzuhalten. Der Mund des Vaters formt ein "Oh".

"Freut ihr euch denn gar nicht?" Simone hat keinen Applaus erwartet, aber wenigstens so etwas wie Lachen. Glück. Die Mutter erringt als Erste die Fassung zurück. "Doch, natürlich, sehr sogar", sagt sie. "Das kommt nur etwas überraschend."

Natürlich ist es keine Überraschung, wenn die eigenen Kinder sich fortpflanzen. Im Grunde - machen wir uns nichts vor - ist es der einzige Grund, weshalb sie da sind. Trotzdem sind die Menschen der westlichen Zivilisation die einzigen Lebewesen auf diesem bunten Planeten, für die der Akt der Fortpflanzung ein schwerwiegendes psychologisches Moment in sich trägt.

Danach kommt der Tod

Es hat etwas mit der Spiegelung der eigenen Lebenspläne zu tun. Und mit dem Status, den jeder Einzelne in der Gesellschaft hat. Eltern zu werden, bedeutet, dass man kein Kind mehr ist, und zwar so sehr, dass es für jeden sichtbar wird. Großeltern zu werden bedeutet, dass man nicht mehr unbedingt Mama und Papa ist, sondern meist nur noch Oma und Opa. Die wahrscheinlichste Statusänderung danach ist eine finale: der Tod.

Der Mensch ist ein fühlendes Wesen, vertrackter noch: er ist ein sich ständig selbst analysierendes Geschöpf. Rückt er vom Kind zum Elternteil auf, wird er automatisch das eigene Erleben spiegeln. Wie waren meine Eltern zu mir? Warum durfte ich nie Kettenkarussell fahren? Soll ich meinen Kindern auch erlauben, mit dem Nachbarjungen zu zelten? Unweigerlich gerät ein Prüfungsprozess in Gang, der die Beziehung mit den eigenen Eltern seziert.

Das kann entspannend sein, wenn das Verhältnis offen und kommunikationsintensiv ist und wenn beide Parteien sich immer bemüht haben, die andere zu verstehen und als eigenständig zu betrachten. Meist ist leider das Gegenteil der Fall. Mit der Statusänderung von "Kind" zu "Eltern" treten Spannungen auf, die vorher nicht offenbar waren. "Warum verwöhnt ihr ihn so? Zu mir wart ihr nie so großzügig" oder "Ich möchte nicht, dass ihr euch in unsere Erziehung einmischt, wir haben da einen etwas anderen Erziehungsansatz als ihr" sind Klassiker einer Neuordnung, in der die Karten vollkommen neu verteilt werden.

Angst vorm dominanten Vater

Sehen wir uns Torsten S. an. Er ist Ingenieur in einer Firma für einen neuartigen, umweltfreundlichen Baustoff. Er verdient ein sechsstelliges Gehalt im Jahr, ist, wie sein Vater sagt, "ein Prachtkerl", sportlich, loyal, liberal, weltgewandt. Was sind seine Ängste? Da wäre zum Beispiel die Dominanz des Vaters. Die Enttäuschung etwa über schlechte Noten, die er wochenlang so gekonnt vor sich hertragen kann, dass Torsten schon in der achten Klasse später zu Bett ging, um noch ein wenig zu lernen. Oder die Art, wie er mit Problemen umgeht - gar nicht nämlich, er schweigt sie aus.

Was wird er für ein Großvater sein? Fordernd und herrisch, wie als Vater? Wird er dem Enkel sagen, dass er ein Taugenichts ist, und anschließend zwei Wochen nicht mit ihm sprechen, so wie damals, als Torsten eine Vier in Mathe nach Hause brachte? All das kommt jetzt wieder hoch. Obwohl er geglaubt hatte, die negativen Gefühle im Griff zu haben, fühlt sich Torsten S. plötzlich wütend, auch wenn noch gar nichts geschehen ist.

Die Großmutter fühlt sich alt

Und was ist mit Torstens Mutter, einer Frau, die so gefühlig ist, dass sie nicht einmal die Tagesschau ansehen kann, ohne in Tränen auszubrechen? Die Nachricht, dass sie Großmutter wird, schnürt ihr die Kehle zu. Nicht, weil sie sich plötzlich unendlich alt fühlt (obwohl sie sich tatsächlich alt fühlt, fortan ist sie "Oma", doch sie verwirft den Gedanken, sich "Inge" nennen zu lassen, schnell wieder, das wäre ja zu lächerlich), sondern weil sie mit dem Satz "Ihr werdet Großeltern" so mir nichts, dir nichts aus der ihr angestammten Rolle geworfen worden ist.

Ihr Sohn wird jetzt seine eigene Familie haben, das bedeutet, dass sie ihre Rolle als Mutter abgeschlossen hat. Wird sie noch zu etwas nütze sein, wird sie gebraucht werden, außer, um gelegentlich auf das Kind aufzupassen, wenn die Eltern ausgehen wollen? Sofort fängt sie an, Pläne zu machen, Strategien zu entwickeln, das Loch zu stopfen. "Den Kinderwagen kaufen natürlich wir", sagt sie, "das ist ja wohl Sache der Großeltern. Und ich kann euch die gesamte Babyausstattung stricken. Dann trägt das Baby nicht diesen neumodischen Kram voller Chemie. Ist ja auch viel gesünder."

Immer bleibt man das Kind

Der Haken an dem Verhältnis zu den Eltern ist, dass man einfach nicht herauskommt. Egal, wie sehr man sich anstrengt, man bleibt doch immer das Kind. Der einzige Unterschied ist, dass man den Einfluss, den die Eltern der werdenden Eltern auf das künftige Enkelkind haben werden, steuern kann. Es geht da nicht nur um Erziehungsfragen. Sondern vor allem um das Gefühl, von den eigenen Eltern als Erwachsener wahrgenommen zu werden. Torsten und Simone fühlen sich wie Primaner, denen die Lehrer gerade sagen, dass sie keine Ahnung haben.

Haben sie ja auch nicht. Aber sie würden es gerne versuchen. "Es gibt ja auch ökologisch korrekte Labels", sagt Torsten darum vorsichtig, "du musst dir nicht so viel Mühe machen." Und Simone fügt hinzu: "Das mit dem Kinderwagen ist sehr lieb, aber wir haben Freunde, die ihren nicht mehr brauchen, den würden wir gerne übernehmen."

Die Stimmung ist natürlich im Eimer. Torstens Mutter beginnt, geräuschvoll mit der Kaffeetasse zu klappern. "Dürfen wir denn gar nichts tun?", fragt sie mit überquellenden Augen. "Doch, natürlich", sagt Torsten, "ihr dürft Großeltern sein." Wenn er nur wüsste, was das bedeutet.

Neue Rollen lernen

Einfluss

Der Einfluss der Großeltern auf die Enkel nimmt zu. Laut dem Generationen-Barometer 2009 des Instituts für Demoskopie Allensbach sagen immerhin 65 Prozent der heute 16- bis 29-Jährigen, ihre Großeltern hätten sie geprägt oder ihnen etwas beigebracht. Von der Generation 60-plus sagen das hingegen nur 46 Prozent.

Rollen

Die Berliner Diplom-Psychologin Sabine Deitschun gibt Tipps zur neuen Rollenverteilung innerhalb der Familie: "Großeltern haben weniger Alltags- und Verantwortungsdruck als Eltern. Das ermöglicht ihnen, eine andere Rolle einzunehmen als die Eltern, mehr Geduld zu haben und einen entspannteren Blick auf die Kinder. Sie könnten überlegen, was sie anbieten wollen."

Konflikte

"Die Gefahr, dass alte Konflikte hochkommen, ist da. Das ist aber auch eine Chance, darüber zu sprechen. Das Verhältnis kann sich verbessern, wenn jeder sich auf seine Rolle besinnt und den anderen in seiner akzeptiert."

Erziehung

"Mit Erziehungstipps sollten sich Großeltern zurückhalten und ihren Kindern zutrauen, dass sie das schaffen. Die Regeln bei Oma und Opa können jedoch andere sein als bei den Eltern. Kinder kommen damit gut klar und profitieren davon."