Kinder und Bücher

Wie Kreuzberg zum Ort für einen Kinderkrimi wurde

Andreas Steinhöfel wollte eigentlich Regisseur werden. Stattdessen wurde, anfangs eher aus Verlegenheit, Schriftsteller. Es ist sein Anspruch, Kinder zu unterhalten, nicht zu langweilen, wie es, seiner Ansicht nach, viele Kinderbücher tun. Rico und Oscar, seine beiden Romanhelden erfüllen diesen Anspruch.

Foto: M. Lengemann

Er sucht etwas im halbleeren Kühlschrank. Kehrt ohne etwas an den Küchentisch zurück. Seit Januar hat er nicht mehr richtig eingekauft. Außer Milch für den Kaffee. Den braucht er, auch wenn er nur kurz in seiner Berliner Wohnung ist.

Länger als ein paar Tage war er nicht hier in den vergangenen Monaten. Lesereisen, Termine, Ehrungen. Dieses ständige Unterwegs liegt Andreas Steinhöfel nicht: "Das reicht jetzt mal mit der Fahrerei." Der Kinder- und Jugendbuchautor mag es ruhiger. Aber Ruhe sieht sein Leben zurzeit nicht vor.

Spätestens seit einem dreiviertel Jahr nicht mehr, nachdem sein Buch "Rico, Oskar und die Tieferschatten" und ein paar Monate später die Fortsetzung: "Rico, Oskar und das Herzgebreche" erschienen sind. Und nachdem er diverse Preise, darunter den Internationalen Buchpreis Corine und dann den Erich-Kästner-Preis, bekommen hat. Andreas Steinhöfel ist ein gefragter Mann, aber das verleitet ihn nicht zu Allüren.

Studentenleben ohne Ende

Klar freut er sich über seinen Erfolg, aber er stellt sein Leben deshalb doch nicht gleich auf den Kopf. Auch nicht seine Kreuzberger Dachgeschosswohnung: Eine dünne Staubschicht bedeckt Grünpflanzen und Fenster. Jede Menge Büchertürme und Schuhe stehen auf dem Boden. Aus der Zeit gefallen wirkt das Ganze. Aus der Studentenzeit.

Als Student begann auch seine Schriftstellerkarriere. Fast zufällig. 1991 war das, Steinhöfel 29 Jahre alt. Da hatte er ein Kinderbuch gelesen, den Titel weiß er heute nicht mehr, aber dass es schlecht war, grottenschlecht, daran erinnert er sich. Dann hat er sich hingesetzt und selbst eines geschrieben, "aus Jux" und das Manuskript an den Carlsen Verlag geschickt.

Gehört hat er nichts. Erst mal zumindest. Er hat sein Studium beendet, Anglistik und Medienwissenschaften, weil er Regisseur werden wollte, und als Fahrer bei einer Produktionsfirma angefangen. Da kam der Anruf. Der Carlsen Verlag wollte "Dirk und ich" drucken. "Gut, dachte ich damals, dann machst du eben Schriftsteller", sagt Steinhöfel heute lakonisch. Es sei einfach ein Impuls gewesen. Ein guter, wie sich nach 18 Jahren und fast 20 Werken längst gezeigt hat, darunter auch "Die Mitte der Welt".

Preise werten Kinderliteratur auf

Steinhöfel ist der erste Kinderbuchautor, der den Erich-Kästner-Preis bekommen hat - für sein Gesamtwerk. Das hat ihn gefreut, weil so ein Preis auch die Kinderliteratur insgesamt aufwertet. "Viele denken, Schreiben für Kinder ist einfach." So eine Ansicht ärgert ihn, "weil das bedeuten würde, Kinder sind einfach. Wir machen hier kein Larifari, wir wollen, dass Kinder genauso anspruchsvoll unterhalten werden wie Erwachsene."

Noch aber führten die Kinderbuchautoren ein Nischendasein, würden in der Schriftstellerszene nicht richtig ernst genommen werden. Dabei, davon ist Steinhöfel überzeugt, würde mancher Kinderbuchautor, wenn er denn Belletristik schreiben würde, 90 Prozent der Erwachsenen-Schriftsteller abhängen. Jutta Richter sei so eine - und ihr Buch "Der Hund mit dem gelben Herzen" ist daher auch heute Steinhöfels Lieblingskinderbuch.

Ein Kinderbuch braucht eine Seele

Was seinen eigenen Erfolg ausmacht? "Ich glaube, ich habe einfach diesen Zugriff auf den emotionalen Aspekt von Kindheit. Es ist wichtig, in dieser Gefühlwelt noch fischen zu können, in der man selbst einmal war." Nur so bekomme ein Kinderbuch seine Seele. Er mag nicht all die pädagogisierenden und formelhaften Bücher. Und er mag nicht dieses Überdeutliche, "nie würde ich einer Figur einen Namen wie Frau Rotznase geben".

Bei ihm darf es nur einen Tick weiter gehen, als die Realität hergibt. Ein Tick Übertreibung. Ein Tick Absurdität. So wie bei seiner neuen Hauptfigur Rico. In "Rico, Oskar und die Tieferschatten" geht es um zwei Jungen, einen mit ADHS und Tiefbegabung, Rico, und einen mit viel Angst und Hochbegabung, Oskar. Zwischen den so unterschiedlichen Jungen entwickelt sich eine Freundschaft und schließlich geraten sie auch in ein gefährliches Abenteuer, aus dem letztlich der Tiefbegabte den Hochbegabten befreit.

Diese Botschaft kommt an, auch bei Hauptschülern. Für manche ist es das erste Buch überhaupt. Und wenn Steinhöfel bei einem Besuch in einer Hauptschule angesprochen wird: "Ey, Alter, bei mir ist voll wie bei Rico in der Birne, woher weißt du das?", dann ist es das größte Kompliment, das sie Steinhöfel machen können.

Bücher - nah an der Wirklichkeit

ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ist ein sperriger Begriff für das, was Steinhöfel seinen Rico viel geschmeidiger beschreiben lässt: Die Bingokugeln in meinem Kopf setzen sich mal wieder in Bewegung. Und Rico "leidet" auch nicht wirklich unter ADHS, sondern er lebt eben damit.

Wie Steinhöfels Lebenspartner Gianni, dem das Buch gewidmet ist. "Es hat locker zwei Jahr gedauert, bis ich Gianni überhaupt richtig verstanden habe, weil er eine Unterhaltung auf drei Ebenen führen kann, der ist immer auf drei Schienen gleichzeitig", sagt Steinhöfel. Seinen Freund hat er in eine Kinderfigur übertragen, daraus ist Rico geworden. Und in Ricos Gegenpol, Oskar, steckt eine Menge Steinhöfel: "Ein bisschen besserwisserisch, ein bisschen in der eigenen Welt gefangen" - so sieht er sich.

Auch die Höhenangst teilt er mit Oskar: Als der Morgenpost-Online-Fotograf ihn auf der Dachterrasse seiner Wohnung in der Dieffenbachstraße auf der Schornsteinleiter ablichten will, erzählt Steinhöfel von seiner ersten Nacht in der Wohnung. Da hat er geträumt, dass er sich von hier oben, vom fünften Stock, hinunterstürzen würde. Aber das blieb zum Glück nur ein Traum.

Manchmal ist ihm Berlin zu wuselig

Die Dieffenbachstraße ist Steinhöfels zweite Heimat geworden. Eigentlich kommt er aus Nordhessen, und dorthin zieht er sich auch zurück, zum Schreiben und zum Wandern, zur Gartenarbeit. Wenn ihm Berlin wieder einmal zu wuselig wird. "Von meiner Mentalität bin ich eher ein Kleinstadttyp."

In Biedenkopf an der Lahn ist er aufgewachsen und auch zum Studium in Hessen geblieben, darum hat ihn Berlin anfangs überfordert, "die Stadt ist uferlos". 1992 kam er hierher, der Liebe wegen. Drei Jahre lang hat er sich kaum rausgetraut aus der Wohnung. Es waren vor allem die Lust auf Kunst und die Museen, die ihm Berlin schließlich näher brachte.

Inzwischen lebt er gern in Kreuzberg. Er mag die vielen verschiedenen Lebensentwürfe, die Offenheit, das Bunte. Gerade die Dieffenbachstraße scheint wie ein Symbol dafür zu stehen: Am einen Ende das Urban-Krankenhaus, ein grauer Betonklotz, am anderen Ende ein Spielplatz, auf dem Multikulti tatsächlich funktioniert. Dazwischen Cafés, Restaurants, ein Fahrradladen, Krimskrams, Feinkost.

Freie Worterfindereien

Hier, in der "Dieffe" wohnt auch Rico. In der Nummer 93, aber die gibt es nur im Buch. "Weil ich nicht will, dass hier Kinderhorden durch die Gegend rasen und Rico suchen" Und weil er nicht will, dass sich Menschen aus seinem Haus im Buch wiederfinden. Außerdem erfindet Steinhöfel viel zu gern, auch Wörter: Müffelchen (für Schnittchen), Fundnudel, tiefbegabt. Und Rico lässt er Fremdwörter auf ganz eigene Weise erklären. Depression, zum Beispiel, "ist, wenn alle Gefühle im Rollstuhl sitzen".

Das Schreiben macht Steinhöfel ganz offensichtlich Spaß und es ist auch "ein Stück weit bezahlte Therapie" für ihn. In seinen Büchern setzt er sich auch mit seiner eigenen Kindheit auseinander, vor allen Dingen mit seinem Vater. Den bezeichnet er als finster und übel.

Bücher gaben ihm Halt

Halt boten ihm in seiner Kindheit seine Mutter und die Bücher, die er sich aus der kleinen Bibliothek auslieh. Mangels Auswahl las er immer wieder "Jim Knopf", sein Lieblingsbuch. Zu Hause bekam er nur "Was ist Was"-Bücher: Eins zum Geburtstag, eins zu Weihnachten.

Zum Lesen hatte ihn seine Mutter gebracht. Schon als Andreas Steinhöfel und seine beiden jüngeren Brüder ganz klein waren, las sie ihnen jeden Abend etwas vor. "Das ist ganz wichtig, um bei Kindern die Lust aufs Lesen zu wecken", glaubt Steinhöfel. Wenn Kinder erst in der Schule ein Buch in die Hand bekommen, dann sei es schon zu spät, dann können sie damit oft nichts mehr anfangen.

Aber auch in Zeiten von Twitter und Facebook müsse man doch lesen und schreiben können, sagt er. Mit Hand und Stift und nicht nur mit SMS-Daumen. Wie als Beweis liegen auf der alten Kommode neben der Wohnungstür gleich fünf Antwortbriefe an Schulklassen. Handschriftlich adressiert und mit Motivmarken frankiert. All die Fanpost und Anfragen beantwortet Steinhöfel noch immer persönlich, auch wenn er dafür eigentlich gar keine Zeit hat. Auch wenn er längst einmal wieder richtig einkaufen müsste.

Nächste Folge: Julia Boehme - die Erfinderin der Conni-Bücher