Karriere als Kind

Schüler und Schauspieler - wie das zusammen geht

Wenn Kinder für Film und Fernsehen schauspielen, drohen sie unter dem Stress zu leiden oder abzuheben. Bei Jakob Knoblauch war das anders. Am Filmset lernte er, dass er sich in der Schule Mühe geben sollte. Sein Nebenjob ist aber ein Job für die ganze Familie.

Foto: Massimo Rodari

War es dieser geheimnisvolle Blick aus orientalisch anmutenden, dunkelbraunen Augen oder war es die Präsenz, wenn er den Raum betritt, die ihm ohne großes schauspielerisches Vorleben eine der Hauptrollen im Kinofilm „Die Rote Zora“ bescherten? Jakob Knoblauch lächelt kurz, dann sagt er bescheiden: „Eher meine Bass-Gitarre.“

Der heute 16-Jährige spielte in der Junior Jazz Band des Wilmersdorfer Goethe-Gymnasiums, als ihn vor zwei Jahren eine seiner Mitmusikerinnen ansprach. Ihr Vater war als Regisseur für die Verfilmung des Buchklassikers „Die Rote Zora“ von Autor Kurt Kläber damit beschäftigt, Jugendliche für die Hauptrollen zu casten. „Ich bin einfach mal mit“, erzählt Jakob. Er bekam einen Text, den er auswendig lernen und vorspielen musste. Nach dem ersten Termin ging es Schlag auf Schlag. Mehrere Castings musste der damals 14-Jährige hinter sich bringen, bis fest stand, er spielt die Rolle des Branko.

Für viele Jugendliche ist es ein Traum, bei einem Film fürs Kino oder Fernsehen mitzumachen, aber auch in der Werbung wird eine Menge verdient. „Wir haben mehr als 1200 Bewerber pro Jahr“, sagt Jacqueline Rietz von der Potsdamer Agentur Heyroth & Rietz, bei der Jakob unter Vertrag ist. „Zuerst waren wir ganz baff, als wir von dem Schauspiel-Angebot an Jakob hörten“, erinnert sich seine Mutter Ingrid Knoblauch. Dann tagte der Familienrat, sagt die Sprachlehrerin und betont „man muss sich genau klar machen, was auf das Kind und die Familie zukommt“. Die Castings dauern schnell ein, zwei Stunden, die Kinder müssen sich darauf vorbereiten, „das sind Stunden, die von Freizeit und Schule abgehen“. Außerdem sollte immer ein Elternteil dabei sein, „das haben wir auch so gemacht“.

Die Mutter reiste mit ans Set

Für Jakob haben die Erfahrungen als Jungschauspieler sein „Leben total verändert“. Die Arbeit am Set habe ihm zum ersten Mal vor Augen geführt, wie anders das Leben außerhalb der Schule ist. „So konsequent und verantwortungsvoll an einem Projekt zu arbeiten, das war etwas ganz Neues“ erzählt Jakob, und dass ihn diese Erfahrung motiviert habe, sich danach mehr um die Schule und seine Ausbildung zu kümmern.

Zweieinhalb Monate dauerten die Dreharbeiten für den Film an der Küste von Montenegro. Im Herbst 2006 ging es los. Jakobs Mutter begleitete ihren Sohn zu den Dreharbeiten. „Das war eine Grundvoraussetzung für uns, Jakob diese Chance zu ermöglichen“, sagt Ingrid Knoblauch. Die Produktionsfirmen unterstützen gerade bei langen Drehs, wenn Mutter oder Vater mit am Set sind. „Eltern haben eine klar stabilisierende Wirkung“, sagt Ingrid Knoblauch. Für die Familie war das damals durchaus eine Belastung. Schließlich gab es noch einen jüngeren Bruder, um den sich Jakobs Vater in Berlin kümmern musste, während Jakob die zwei Monate mit seiner Mutter an der kroatischen Küste verbrachte.

Unterricht beim Privatlehrer

Und der lange Unterrichtsausfall? „Es gab einen Privatlehrer, der in den Drehpausen, nach den Drehs und am Wochenende mit uns lernte“, erzählt Jakob. Zwar hatte er nicht so viel Unterricht wie auf dem Gymnasium, aber dadurch, dass die jungen Schauspieler oft Einzelunterricht erhielten, war es sehr effektiv. Zusätzlich wurden die fünf jugendlichen Schauspieler von einem erfahrenen Kindercoach während der gesamten Drehzeit betreut.

Die Erwachsenen-Hauptrollen waren mit Ben Becker, Dominique Horwitz und Mario Adorf hochkarätig besetzt. „Die wurden meistens nur für ein, zwei Tage eingeflogen“, erinnert sich Jakob. „Cool“ sei es gewesen mit den Berühmtheiten, und er habe viel gelernt, einfach dadurch, dass er dabei war.

Mario Adorf, der den alten Fischer Gorian spielte, bei dem die Kinderbande eine zeitlang Unterschlupf findet, habe eine „unglaubliche Professionalität“ an den Tag gelegt. Gefallen hat Jakob Knoblauch auch die Stimmung am Set. Als sehr angenehm empfand er, dass alle Beteiligten sich um die jungen Schauspieler bemühten, denn mit hoch motivierten, positiv gestimmten Kindern und Jugendlichen gingen die Dreharbeiten besser von der Hand.

Er amüsiert sich, wenn er erkannt wird

Worüber sich Jakob und seine Eltern im Vorfeld überhaupt keine Gedanken gemacht hatten, war der Werberummel, der einem Filmstart vorausgeht. Zusammen mit den erwachsenen Stars ging es zur Premiere in Hamburg über den roten Teppich, es folgten zahlreiche Interviews für Radio, Print und Fernsehen. Eine Zeit lang war „Die Rote Zora“ ganz oben in den Filmnews und gehörte im vergangenen Jahr zu den erfolgreichsten Kinofilmen im deutschsprachigen Raum.

„Da muss man schon sehr aufpassen, dass das Kind nicht abhebt“, sagt Mutter Ingrid Knoblauch. Sie ist froh, dass Jakob nur amüsiert reagierte, wenn er auf der Straße erkannt wurde. Nach dem Film dann seien über die Agentur zahlreiche weitere Angebote gekommen. Welche er davon annimmt, entscheidet Jakob stets zusammen mit seinen Eltern. Die Verträge werden zwischen der Produktion und den Eltern abgeschlossen, und dabei kommt der Agentur eine wichtige Rolle zu, denn sie muss die mitunter völlig unerfahrenen Eltern bei den Vertragsverhandlungen optimal beraten.

Die Gage wird für die Ausbildung angelegt

Bislang machte Familie Knoblauch mit der Schauspielerei von Jakob eine positive Erfahrung. Er begegnet dem Erfolg mit einer gesunden Portion Skepsis und verliert nicht die Bodenhaftung. Das Geld, das er verdient hat, „ist angelegt für die Ausbildung“. Seit der „Roten Zora“ hat er verschiedene kleine Rollen in Film- und Fernsehproduktionen erhalten, demnächst wird er in der ZDF-Serie der „Der Kriminalist“ und dem Fernsehfilm „Masserberg“ zu sehen sein. Aktuell ist er im Kino in zwei Einstellungen von Julie Delpys „Die Gräfin“ dabei.

Die Familie setzt auf „Klasse statt Masse“ und fährt gut damit. Jakob will die Schauspielerei weiter verfolgen, aber nicht als einzige Option für seine Zukunft. In der Schule nimmt er an einer Theater-AG teil, seine weiteren Hobbys sind Rudern und Literatur. Gerade liest er „Der Fremde“ von Albert Camus, und natürlich hört er gerne Musik – von Jazz über Beatles bis zu hartem Rock. In zwei Jahren will Jakob sein Abitur machen, seine Leistungsfächer sind Deutsch, Geschichte, Mathe und Philosophie. Am Wochenende erkundet er wie viele Jugendliche mit seinen Kumpels die neuesten Clubs von Berlin.

Jugendlichen, die von einer Filmrolle träumen, rät Jakob, realistisch zu bleiben. „Selbst wenn man Talent hat: Es kommt sehr auf Glück und Zufall an.“ Stimmt: Hätte er nicht Bass-Gitarre in der Schüler-Jazzband gespielt, er wäre nie zum Film gekommen. Bass-Gitarre spielt er übrigens immer noch.

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