Paartherapie

Wenn die Liebe im Dauerstreit ertrinkt

Seit 30 Jahren zeigt Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer Männern und Frauen Wege auf, wie sie wieder zueinander finden

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Oft sind es die kleinen, alltäglichen Dinge, die für Zündstoff in einer Beziehung sorgen und die sich mitunter zur Krise hochschaukeln können. Manche Paare geraten dann in einen Strudel der Dauernörgelei, andere sprechen irgendwann gar nicht mehr miteinander. Beides, so Wolfgang Schmidbauer, ist Gift für eine Partnerschaft. Der Psychoanalytiker ist einer der bekanntesten Paartherapeuten Deutschlands und befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit Problemen in Partnerschaften. Er hat auch zahlreiche Bücher zum Thema geschrieben. Vor Kurzem erschien "Paartherapie - Konflikte verstehen, Lösungen finden" (Gütersloher Verlagshaus, 19,95 Euro). Annette Kuhn sprach mit dem 69-Jährigen über Hintergründe von Beziehungskonflikten und die Möglichkeiten der Paartherapie.

Berliner Morgenpost: Zu welchen Zeitpunkten ihrer Beziehung driften Paare besonders häufig auseinander?

Wolfgang Schmidbauer: Die Praxis bestätigt hier die Scheidungsstatistik: Gefährlich ist das Eindringen Dritter, wozu auch die Geburt eines Kindes zählt. Wenn das Paar solche Krisen überwunden hat, kann es nochmals gefährlich werden, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Berliner Morgenpost: Scheidung statt Silberhochzeit: Gerade in langjährigen Beziehungen sind immer mehr Trennungen zu verzeichnen. Woran liegt das?

Wolfgang Schmidbauer: Wenn Paare die Kinderphase überstanden haben oder nicht mehr berufstätig sind, müssen sie an sich wieder mehr miteinander unternehmen, mehr gemeinsame Zeit genießen können. Dann macht es sich bemerkbar, wenn sie sich nichts mehr zu sagen haben. Meist ist es die Frau, die ihren Mann gerade noch ertragen konnte, so lange er morgens zur Arbeit ging und sie die Kinder versorgen musste.

Berliner Morgenpost: Wann ist eine Paartherapie sinnvoll?

Wolfgang Schmidbauer: Ich rate zur Paartherapie, wenn deutlich ist, dass die Beziehung die Lebensqualität der Partner beeinträchtigt.

Berliner Morgenpost: Was sind Alarmzeichen?

Wolfgang Schmidbauer: Die kleine Rache an kleinen Lieblosigkeiten - quasi nach dem Motto Nachlässigkeit gegen Nachlässigkeit.

Berliner Morgenpost: Was können Paare tun, um aus solch einer vergifteten Atmosphäre wieder herauszufinden?

Wolfgang Schmidbauer: Wenn die Atmosphäre schon vergiftet ist, scheint es mir zu spät zu sein.

Berliner Morgenpost: Was war die ungewöhnlichste Konstellation, die Sie als Paartherapeut erlebt haben?

Wolfgang Schmidbauer: Das war vielleicht der Mann, der in der zweiten Sitzung ohne Vorankündigung seine Geliebte und in der dritten seine Ehefrau mitbrachte, weil er sich nicht zwischen beiden entscheiden konnte. Ich habe ihm das natürlich auch nicht abnehmen können.

Berliner Morgenpost: In welchem Alter sind Paare bereit, eine Paartherapie wahrzunehmen?

Wolfgang Schmidbauer: Die unter 30-Jährigen kommen eher selten - da lösen die Paare ihre Konflikte noch schneller durch eine Trennung. 60- bis 70-Jährige kommen öfter. Die meisten Paare liegen vom Alter dazwischen: Ohne eine ausgeprägte Verlustangst trennt sich ein Paar eher, als therapeutische Hilfe zu suchen. Oft ist es auch sehr nützlich, wenn zumindest ein Partner erlebt hat, dass Therapie nützlich sein kann, emotionale Konflikte zu lösen.

Berliner Morgenpost: Und wie sieht es mit dem sozialen Hintergrund aus?

Wolfgang Schmidbauer: Es sind keineswegs nur Akademiker in der Paartherapie. Wichtiger ist die Bereitschaft, Konflikte wahrzunehmen und sie zu besprechen. Paare mit Gewaltproblemen kommen meist nach dem Vorgespräch nicht mehr.

Berliner Morgenpost: Wie sieht eine Paartherapie konkret aus?

Wolfgang Schmidbauer: Ich mache in der Regel drei Vorgespräche - mit dem Paar und mit jedem Partner einzeln - und dann zwischen zehn und zwanzig gemeinsame Sitzungen, von denen jede eine knappe Stunde dauert.

Berliner Morgenpost: Was kann eine Paartherapie überhaupt leisten - was müssen die Paare selbst tun?

Wolfgang Schmidbauer: Der Therapeut sollte die Einsicht in die Probleme erarbeiten; diese Einsicht dann umzusetzen, also die konkrete Lösung liegt bei den Klienten. Der Paartherapeut unterstützt sie dabei mit Ermutigung und begleitenden Gesprächen.

Berliner Morgenpost: Gibt es Zahlen über die Erfolgsquote der Paartherapie?

Wolfgang Schmidbauer: Es gibt Zahlen, wonach 60 bis 70 Prozent der Behandlungen erfolgreich sind. Ich persönlich mache keine Statistik, ich finde, die einzelnen Fälle sind zu unterschiedlich und Erfolg ist nicht einfach zu definieren. Er sollte nicht danach beurteilt werden, ob ein Paar zusammen bleibt. Es kann auch ein Erfolg sein, wenn es sich ohne größere gegenseitige Beschädigungen trennt und die Kinder möglichst wenig unter dieser Trennung leiden.

Berliner Morgenpost: Wer gibt den Anstoß zu einer Paartherapie - eher die Frau oder der Mann?

Wolfgang Schmidbauer: Meist ist es die Frau; wenn der Mann die Paartherapie wünscht, ist es meist auch indirekt ihr Werk, weil er durch die Therapie eine drohende Trennung aufhalten möchte. Das liegt wohl daran, dass Frauen stärker beziehungsorientiert sind und sich auch eher vorstellen können, dass Gespräche helfen. Männer sind eher handlungsorientiert, können sich oft vor der Therapie gar nicht vorstellen, was das bringen soll, sind aber in der praktischen Arbeit oft rasch überzeugt, wenn es mir gelingt, sie ins Boot zu holen.

Berliner Morgenpost: Was können Paare in Sachen Beziehungspflege tun, bevor es zur Krise kommt?

Wolfgang Schmidbauer: Da gibt es viele schöne Ratschläge von A wie Ausgehen über B wie Blumen mitbringen bis Z wie Zusammen einen Tanzkurs oder einen Sport anfangen. Aber kein Rat von außen kann es ersetzen, den Partner und seine Wünsche wahrzunehmen; am gefährlichsten ist daher immer der Rückzug.

Berliner Morgenpost: Ist es gut, wenn Paare auch mal eine Auszeit nehmen - allein in den Urlaub fahren oder eine Zeit lang getrennt wohnen?

Wolfgang Schmidbauer: Die "Auszeit" kann okay sein, ist aber oft ein verleugnetes Ende. Viel wichtiger ist, dass Paare von Anfang an auch getrennte Räume in ihrer Beziehung haben. Wenn er leidenschaftlich klettert und sie lieber am Strand liegt, sind getrennte Urlaube von Anfang an sinnvoll.

Berliner Morgenpost: Sie arbeiten seit mehr als 30 Jahren als Paartherapeut. Was haben Sie in dieser Zeit beobachtet: Geben Paare heute schneller ihre Beziehung auf?

Wolfgang Schmidbauer: Paare trennen sich heute eigentlich schwerer und haben mehr Ängste davor als in den achtziger Jahren, in denen die Folgen der 68er noch stärker spürbar waren und viel häufiger sexuelle Freiheiten und offene Ehen eingeklagt wurden. Die Paare heute haben stärkere Nähebedürfnisse und spinnen sich in einen Kokon ein, der dann - auch ausgeprägter als früher - auf bedrohliche Weise Risse bekommt, wenn ein Kind kommt oder Dritte in die Beziehung eindringen.