Familienunternehmen

Omas Pantoffeln sind noch nicht tot

| Lesedauer: 8 Minuten
Patrick Goldstein

Filzpantoffeln - in rot und gelb und orange, kariert natürlich. Und so bequem und schön, dass man sich fragt, wie man bisher ohne auskommen konnte. Günter Jünemann näht solche Hausschuhe. Sein Sohn Reno wird das Geschäft übernehmen: in vierter Generation. Doch nun droht die Tradition zu enden.

In der Nacht kamen die Bomber und am Morgen war die Pantoffelwerkstatt seiner Familie unter Trümmern begraben. "Da konnte man nicht lange jammern", sagt Günter Jünemann, der 1945 sechs Jahre alt war. "Also haben mein Vater, meine acht Geschwister und ich uns daran gemacht, alles wieder auszubuddeln." Irgendwann stießen die Kinder auf die verloren geglaubte Stanzmaschine, ein Stück von der Größe, Schwere und Beweglichkeit eines Nilpferdes. Und so erbebt das eiserne Ungetüm noch heute Tag für Tag in jener unterirdischen Werkstatt an der Torstraße, wo Günter Jünemann mit seinem Sohn bei Neonlicht und Klebstoffgeruch in dritter und vierter Generation Pantoffeln näht.

Ob es einmal für "Jünemanns Pantoffeleck" eine fünfte Generation geben wird? Sie wissen es nicht. Günter Jünemann und sein 37 Jahre alter Sohn Reno nennen vielerlei Gründe, warum die hundertundein Jahr währende Familientradition abzureißen droht. Sie scheinen gut vorbereitet auf die Frage. Sie scheinen sich damit viel zu beschäftigen.

Sportlicher Siebzigjähriger

Der jungenhaft-schlanke 70-Jährige, der in der Freizeit zu orthopädischen Latschen gern den meeresblauen Trainingsanzug anlegt, und sein nicht minder sportlicher Nachfolger, dessen Arbeits-T-Shirt stellenweise aussieht, als hätte er 90 Minuten als Torwart bei einer verregneten Partie hinter sich: wie sie da im Zwölf-Quadratmeter-Souterrain-Büro zwischen Stapeln von Ordnern, Spinnweben, Werkzeug, Pantoffeln und einem aufgeklappten Laptop sitzen, das in diesem Ambiente wirkt wie ein Ufo, mögen sie die letzten zwei Berliner sein, denen das seit 20 Jahren vom Aussterben bedrohte Geschäft mit den eleganten Haus-Slippern überhaupt noch etwas bedeutet.

"Machteburch", sagt Günter Jünemann, wenn er die Stadt nennt, in der sein Großvater Bernhard daheim ein erstes Paar Pantoffeln fertigte. Sein Sohn Otto führte das Geschäft seit 1927 nicht in Magdeburg, sondern Berlin fort. "Die Adressen wechselten, aber immer waren es kleine Werkstätten in Mitte, Friedrichshain, Prenzlauer Berg", sagt Günter Jünemann. 1939 kommt er als neuntes von bald zwölf Kindern auf die Welt. "Wir haben nicht viel gesehen von unseren Eltern" erzählt der Senior. "Erzogen wurden wir Jüngeren von den älteren Geschwistern."

Otto braucht seine Kinder fürs Geschäft. Neun Jahre Schule gewährt er ihnen, doch schon in den darauf folgenden drei Jahren Berufsschule schreibt er den Jungen häufig Entschuldigungszettel, um sie in die Werkstatt zu bekommen. Nach und nach brechen die Kinder aus. Eine Art Rebellion gegen die Eltern? "Rebellion nicht", sagt Günter Jünemann und lächelt. "Aber von dem, was wir bei unseren Eltern verdienten, konnte man keine Familie gründen. Also haben sich meine Geschwister andere Berufe gesucht."

Schlangen bis auf die Straße

Er dagegen blieb. 1957 starb der Vater, Mutter Editha übernahm, Günter an ihrer Seite. 1968 dann wurde er der Chef. "Ich habe mit acht Jahren gesagt, dass ich mein Leben lang Pantoffeln machen möchte - und dabei ist es geblieben", sagt Jünemann. Vorn im Verkaufsraum der Werkstatt geht die Türklingel, Reno legt dem Vater beruhigend die Hand auf den Arm, und eilt selbst zur Kundin, die da eingetreten ist. Eine in eleganten Trenchcoat gehüllte Enddreißigerin mit schmaler Brille - Stammkundin seit 2003 - lässt sich aus dem wandhohen Regal ein paar Pantoffeln reichen, die hier selten mehr als elf Euro kosten. Es gebe, erklärt sie froh, einen neuen Mann in ihrem Leben und der bekomme jetzt gleich mal ein paar rote Pantoffeln geschenkt.

Es gab Zeiten, da hat Reno dort vorn gestanden und konnte kaum über den heute arg abgewetzten Ladentisch gucken. "Vor Weihnachten standen die Kunden draußen bis zur nächsten Ecke", erinnert er sich an ostdeutsche Verhältnisse. "Meine Mutter holte die Pantoffeln aus dem Regal. Ich stand daneben, wickelte die in Zeitungspapier ein, und schon kam der Nächste dran."

Der Laden ist Familie

Der Laden, die Werkstatt, das bedeutete: Familie. "Wenn ich aus der Schule kam", sagt Reno Jünemann, "führte mich mein erster Weg nicht nach Hause, sondern ins Geschäft, wo drei Tanten und der Papa standen. Oft hab ich mich dazugesetzt und kleine Zettel auf die Sohlen geklebt, auf die dann Preis und Schuhgrößen gestempelt wurden. Ich bin richtig hineingewachsen in diesen Beruf." An einem dieser Nachmittage beschloss er, auch einmal Pantoffelmacher zu werden. Wie sein Vater.

Unglücklicherweise aber war Reno ein großartiger Schüler. "Mit der Note Eins ist er von der Schule abgegangen", nickt Günter Jünemann und zieht die Mundwinkel herunter. Während er in der Werkstatt arbeitete, habe seine Frau daheim mit Reno und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder gelernt. "Und unterwegs, ob mit dem Wartburg oder auf 36-stündiger Zugfahrt nach Moskau: immer das Spielerische mit dem Lehrreichen verbunden", sagt der 70-Jährige. "Mal Suchspiele, mal Kettenrechnen. Für richtige Antworten gab's am Ende einen Groschen. Die Jungs haben sich über das Geld gefreut und ich darüber, dass sie so helle sind."

Der gute Schulabschluss aber wurde Reno hinderlich. "Ein Lehrer wollte, dass er eine Militärlaufbahn einschlägt, ein anderer sagte, er soll Pädagoge werden", grinst der Vater, und sein Sohn ergänzt: "Reden Sie solchen Leuten mal aus, dass Sie Pantoffelmacher werden wollen." Zum Schluss bekam er doch noch die staatliche Zustimmung, die Lehre zum Orthopädieschuhmacher machen zu dürfen. 1991 schloss wendebedingt sein Arbeitgeber, und Reno Jünemann unternahm den längst vorbestimmten Schritt: Einstieg in den Familienbetrieb. "Manchmal fragen mich Leute, ob das nicht langweilig ist: immer nur Pantoffeln", sagt er, "aber es gibt doch kaum Berufe, in denen ständig etwas Neues passiert. Ein Gehirnchirurg hat auch den ganzen Tag nur Gehirn vor sich."

Arbeiten im Ufo

Inzwischen sind Vater und Sohn Kompagnons. Eine Angestellte kümmert sich um den Verkauf, den Rest machen die Jünemanns. Der Ältere bändigt die Stanzmaschine, der Junior verarbeitet die fertigen Sohlen, bis ein Schuh daraus wird. Dazu dröhnt der metallicblaue Kassettenrekorder, den sich Reno Jünemann als Teenager vom Jugendweihe-Geld für 299 D-Mark im Intershop kaufte.

Der Senior findet, dass Reno noch jemanden brauchte, weil nun noch der internationale Versand dazu gekommen ist. Wenn es nach ihm ginge, würde in der Werkstatt pünktlich um sieben Uhr angefangen und man hätte auch nicht unbedingt den Auftrag einer Berliner Modeschöpferin übernommen, für die die Jünemanns jetzt Designerpantoffeln herstellen, die mal Löcher im Stoff haben, mal wie Ballettschuhe mit Bändern verziert sind. "Aber Reno übernimmt nun mal den Betrieb. Also entscheidet er."

Steht das Ende bevor?

Und dann schweigen die Jünemanns, aus dem Nachbarraum plappert das Radio und irgendwie ist man wieder bei der Frage angekommen: Wie lange noch? "Meine kleinen Töchter wollen lieber Tierärztinnen und Kindergartenerzieherinnen werden", sagt Reno Jünemann nüchtern. "Es ist doch gar nicht klar, ob es uns in 20 Jahren überhaupt noch geben wird. Seit 2007 sind wir erst richtig schuldenfrei." Der Senior neben ihm schweigt und verschränkt die Arme. "Es wäre zwar nicht das erste Mal, dass in dieser Familie die Frauen an den Maschinen stehen", sagt Reno Jünemann. "Aber ich kann ja meine Kinder nicht zwingen, unser Geschäft fortzuführen."

Vor bald 20 Jahren hatte Günter Jünemann seinen Sohn ins Gebet genommen und ihn gefragt, ob er diesen Familienbetrieb dereinst wirklich übernehmen will. So eindeutig und spontan wie Reno wird in der Familie Jünemann diese Frage wohl zukünftig keiner mehr antworten.