Absicherungswahn

Abenteuer Kinderparty

Es gibt in der deutschen Sprache einige Wörter, die keine Entsprechung im Russischen finden. Zum Beispiel die Einverständniserklärung. So etwas gibt es im Russischen nicht, weil die Russen nie danach fragen, ob einer einverstanden ist.

- In Deutschland dagegen muss man für alles eine Einverständniserklärung haben. Für wirklich fast alles, sogar für Feste.

Meine Tochter wurde zum Geburtstag ihrer besten Freundin Mari eingeladen. Mari wohnt weit weg von uns in einem Berliner Vorort, dort, wo man direkt aus dem Küchenfenster die echte Natur sehen kann, in einem Häuschen, umgeben von Wäldern, Feldern und frischer Luft. Eine sehr nette Familie, doch Mari hat es nicht leicht: Ihre Mutter ist Lehrerin, ihr Vater - Polizist. Ihr Leben ist ein ständiges Lernen und frische Luft atmen.

Zum Geburtstag der Tochter beschlossen die Eltern, nicht zu Hause zu feiern, sondern mit den eingeladenen Kindern in einen Abenteuerpark zu gehen, damit die Kinder anstatt zu Hause vor dem Computer herumzusitzen etwas fürs Leben lernen und frische Luft atmen konnten. Und was kann für zwölfjährige Mädchen spannender sein, als auf einem Abenteuerparkplatz zu toben? Das einzige Problem dabei: Jedes Abenteuer in Deutschland braucht eine Einverständniserklärung der Abenteuererlaubniserteilungsberechtigten, auf jeden Fall von denen, die für die Kinder verantwortlich sind. Sicherheit wird hier riesengroß geschrieben.

Drang nach absoluter Sicherheit

Dieser Drang nach absoluter Sicherheit, den ich erst in Deutschland kennenlernte, machte mich schon immer sprachlos. Sollte ich auch so handeln? In Russland ist man an so etwas nicht gewohnt. Meine Landsleute ticken anders, sie sind abergläubische Fatalisten, sie glauben an die Macht des Schicksals, sie nehmen es, wie es kommt. Und deswegen explodieren in Russland gelegentlich Atomkraftwerke, Züge entgleisen, Flugzeuge stürzen ab. Hier dagegen fahren sogar korpulente vierzigjährige Männer mit Helm, Brille und Knieschützern Fahrrad. Sollte ich jemals gefragt werden, was aus meiner Sicht typisch deutsch ist, würde ich sagen: Einverständniserklärungen schreiben, mit Helm Fahrrad fahren, eine Vollkasko fürs Leben anstreben, das ist typisch deutsch.

Meine Tochter bekam also zwei Zettel von Mari ausgehändigt, eine hübsche handgeschriebene und lustig bemalte Einladung zu ihrem Geburtstag und eine maschinengetippte Einverständniserklärung für die Teilnahme der Minderjährigen am Besuch des Abenteuerparks, die ich als Erziehungsberechtigter auszufüllen und zu unterschreiben hatte. Darin sollte ich versichern, dass ich bei klarem Verstand und nicht unter Einfluss von Drogen und Alkohol meiner Tochter tatsächlich die Erlaubnis gebe, den Abenteuerpark zu besuchen, und das, obwohl ich die allgemeinen Geschäftsbedingungen gelesen und akzeptiert habe. Mir ist wohl bewusst, dass ein solcher Besuch mögliche Verletzungen, Unfälle und Sachbeschädigungen nach sich ziehen kann, aber es macht mir trotzdem nichts aus, meine Tochter diesem Risiko auszusetzen. Weiter stand da, sinngemäß: Sollten im Abenteuerpark beim direktem Aufprall mit Abenteurern irgendwelche Minderjährige kaputt gehen, so habe ich das zu akzeptieren, da der Abenteuerpark dafür keine Haftung übernimmt.

"Was sind denn das für Geschäftsbedingungen für den Besuch eines Geburtstages", regte ich mich auf. Und was ist das für ein Abenteuer, das sich dermaßen gefährlich anhört? Was machen die Kinder in diesem Park? Springen sie vom Dach? Wer kann das verantworten? Die Wahrheit: Manche Leute drehen durch mit ihrem Sicherheitswahn.

Nichts kann uns etwas anhaben

Nach ihrer Logik müssten die Hebammen allen gebärenden Frauen im Krankenhaus eine Einverständniserklärung unterschreiben lassen: Wenn es zu keinem Kind komme, übernehme sie keine Verantwortung. Die Mutter sollte ebenfalls eine Einverständniserklärung für das zukünftige Baby verfassen - es soll sie aus der Haftung entlassen, wenn es mit seiner Geburt unter Umständen nicht einverstanden ist.

Und jedes Kind sollte ebenfalls sofort nach seiner Geburt eine Einverständniserklärung einfordern: Sehr geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger, wenn in meinem Leben etwas schief geht, kann ich nichts dafür - und die ganze Menschheit unterschreiben lassen. So wird das Zwischenmenschliche in Deutschland ein für alle Male durch das ständige gegenseitige Einreichen von Einverständniserklärungen geregelt und kein Erdbeben, kein Krieg, keine Finanzkrise wird uns etwas anhaben können.

"Meine liebe Tochter", sagte ich zu Nicole. "Ich kann dir leider dieses Papier aus vielen Gründen nicht unterschreiben. Mir macht diese Bescheinigung Angst. Nein, sie sollen diesmal ohne Dich in den Abenteuerpark gehen."

"Ach, Papa", sagte Nicole lachend. "Das ist doch nicht so schlimm, wie es sich anhört, du kennst die doch, die spinnen halt gerne." Und wenn meine Tochter lacht, unterschreibe ich alles.

Unser Autor Wladimir Kaminer Der 41-jährige Schriftsteller ist mit "Russendisko" berühmt geworden. Zuletzt erschien "Es gab keinen Sex im Sozialismus". Kaminer lebt in Berlin und hat zwei Kinder.