Erziehung

Wenn Kinder "Ja, gleich" sagen

Es fängt beim Aufstehen - ja, gleich - an, erlebt bei Hausaufgaben und Zimmeraufräumen - ja, gleich - einen gereizten Nachmittag und erschöpft sich beim Gerangel ums gemeinsame Abendessen und Zubettgehen - ja, gleich! Kindern meinen damit "irgendwann mal" oder "am liebsten gar nicht". Aber ihre Eltern sind meist auch nicht verlässlicher.

Es gibt keine andere Antwort, nur diese eine. Buchmacher würden eine entsprechende Wette gar nicht annehmen. Man kann ja auch nicht darauf wetten, dass es nachts in Berlin dunkel wird. Es wird hier immer dunkel, das ist ein Naturgesetz. Und ebenso verhält es sich mit der Antwort eines Kindes auf eine unliebsame Aufforderung. Was sagt ein Fünfjähriger, der ins Bett geschickt wird? Was ein Siebenjähriger, dem aufgetragen ist, den Müll zur Tonne zu bringen? Was ein Neunjähriger, der sein Computerspiel beenden soll? Er sagt – genau: „Ja, gleich.“

Diese Dialoge gehören zu den verlässlichsten Ritualen und den nervigsten Dauerkonflikten familiärer Alltagsorganisation. Es fängt beim Aufstehen – ja, gleich – an, erlebt bei Hausaufgaben und Zimmeraufräumen – ja, gleich – einen gereizten Nachmittag und erschöpft sich beim Gerangel ums gemeinsame Abendessen und Zubettgehen – ja, gleich!

Andererseits: Über ein Kind, das sich in seinem vierten Lebensjahr nicht die Antwort „Ja, gleich“ aneignete, würde man sich doch wohl Sorgen machen: Hat es denn gar keinen eigenen Willen?

Es gibt also kein Entrinnen für den Erwachsenen. Er fordert auf und mit stoischem Gleichmut sitzt das Kind weiter über der Beschäftigung, bei der es so überflüssigerweise gestört wird. Es bastelt weiter, es malt weiter, es spielt weiter sein Computerspiel. Wenn es dabei „Ja, gleich“ murmelt, bedeutet das nichts anderes als: Nein. Nicht jetzt. Und am besten: gar nicht. Nur ist es natürlich geschickter, die klare Ansage zu vermeiden, um möglichst keinen Ärger zu provozieren.

Unlust zum Konflikt

„Eine naturwüchsige Kompromissformel“ nennt der Familientherapeut Wolfgang Bergmann das „Ja, gleich“ oder auch: „die faulste Lösung“. Es erleichtert das kindliche Ausweichmanöver, wenn die Aufforderung vom Erwachsenen zwischen Tür und Angel respektive von Küche zu Kinderzimmer erfolgt. Ein Erwachsener, der seinem Wunsch Nachdruck verleihen will, sollte präsent sein. Das erhöht seine Erfolgschancen erheblich.

Ein abwesender Erwachsener erhöht die Ausweichchancen des Kindes. Es ignoriert die von irgendwo aus der Küche kommende Aufforderung mit seinem „Ja, gleich“ und wenn es gut läuft, wird die Frage zwar noch mal wiederholt, danach aber ist Ruhe. Dann bringt der Erwachsene, der nicht streiten will, den Müll selbst weg. Oder denkt sich, dass zehn Minuten länger am Computer ja soooo schlimm nicht sind. Er lässt seine Anweisung mit derselben Unlust zum Konflikt wie das Kind verpuffen.

Und das ist nicht einmal immer schlecht. Langmut kann auch Einsicht in die Bedürfnisse des Kindes zeigen. „Wir müssen los, zieh dich an!“, sagt der Erwachsene. „Ja, gleich“, antwortet das Kind – und spielt weiter. Der Erwachsene will schon darauf pochen, dass Einkaufen auf dem Programm steht. Aber: Muss das wirklich sein? Und unbedingt sofort? Bergmann rät, bisweilen kurz innezuhalten, eben darüber nachzudenken und den Blick darauf zu lenken, dass das Kind vielleicht gerade etwas tut, was ihm wirklich wichtig ist. Verwundert beobachtet der Therapeut, was fürsorglich-ehrgeizige Eltern alles anstellen, um ihr Kind frühzeitig mit Intelligenztests und Kreativkursen zu fördern – sehen sie es aber einfach so spielen, während sie einen anderen Zeitplan haben, sind sie betriebsblind. Sie verstehen nicht, so schreibt Bergmann in seinem Buch „Warum unsere Kinder ein Glück sind“, dass „durch nichts und keinerlei Tätigkeit die Intelligenz eines Kindes, sein Lebensmut und seine Kreativität derart gefördert wie durch ein intensives Spiel.“ Gut, geht man also ein bisschen in den Garten, bis das Kind so weit ist.

Trotzdem ist das notorische „Ja gleich“ aus Kindermund frustrierend und anstrengend.

Nur: Wer hat's denn erfunden, besser gesagt: Woher kennen Kinder diese faule Formel überhaupt? Oft sicher von anderen Kindern. Ganz bestimmt aber: von ihren Eltern und anderen Erwachsenen. Sobald ein Kind spricht und auf diese Weise Wünsche äußert, wird es mit eben dieser Antwort vertröstet. Das Kind fragt: „Spielst Du mit mir Lego?“ Und der Erwachsene sagt: „Ja, gleich, wenn ich meinen Kaffee ausgetrunken habe.“ „Wollen wir basteln?“ „Ja, gleich, ich hänge nur noch die Wäsche auf.“ Und so geht es immerfort weiter. Auch für ein Kind ist das frustrierend.

Vereint sind große und kleine Menschen ebenfalls beim Motiv der windelweichen Antwort: Wer „Ja, gleich“ sagt, hofft immer, der Kelch werde an ihm vorübergehen, egal ob er 3 oder 43 Jahre alt ist. Was wiederum oft ja nur zu verständlich ist. Müll wegzubringen, ist nicht verlockend, der 20. Aufforderung zum Bauklötzchenspiel nachzukommen, auch kein reines Vergnügen. Wenn man nicht drei Jahre alt ist, ist Turmbau, erneuter Turmbau und abermaliger Turmbau nicht exakt das, was ein normaler Erwachsener immer schon, immer wieder und zwar täglich tun wollte.

Mal ein „sofort“ ausprobieren

Andererseits: Schneller als ihm klar und lieb ist, wird der Erwachsene gar nicht mehr gefragt, ob er mitspielt. Es ist vorbei. Er muss nicht mehr die Tasse Kaffee oder Hausarbeit vorschützen. Er hat seine Schuldigkeit als Geselle im Kinderzimmer getan und wird umstandslos gegen Freunde ausgetauscht. Da ist es vielleicht doch besser, sich zu überwinden und Spielangebote anzunehmen, solange man noch gefragt ist. Oder aber deutlich zu sagen, wenn man gerade nicht schon wieder einen Turm bauen möchte. Eine freundliche, aber klare Absage ist für alle Beteiligten hilfreicher als das fiese „Ja, gleich“.

Die Überwindungserfahrung ist übrigens auch Kindern zuzumuten. Ein liebe- und vertrauensvolles Verhältnis vorausgesetzt, sagt Bergmann, dürfe der Erwachsene auch mal „stinkautoritär“ sein. Dann sei der Nachwuchs – „Hier stehst Du, da der Müll, ihr seid eine sinnvolle Einheit!“ – eben zum Abtransport des Abfalls zu verdonnern.

Bergmanns Erfahrung lehrt, dass der Auftrag zwar vermutlich widerwillig angegangen wird, sich aber schon auf dem Rückweg von der Tonne eine gewisse Zufriedenheit beim jungen Ja-Gleich-Sager breit macht. Seine eigene Faulheit und Unlust überwunden zu haben, vermittelt ja auch in späteren Jahren des Lebens nicht selten ein überraschend angenehmes Gefühl. Es lohnt sich immer wieder, es auszuprobieren. Gleich? Nein. Sofort!