Konstantin Skudler

Aus dem Leben eines Hochbegabten

| Lesedauer: 8 Minuten
Tina Epking

Schon mit fünf Jahren konnte Konstantin Skudler die Fibel seiner älteren Schwester lesen - sogar dann, wenn er das Buch falsch herum hielt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt merkten seine Eltern, dass ihr Sohn anders war als andere andere Kinder seines Alters.

- Bei der Suche nach möglichen Ursachen stießen Jörg und Christiane Skudler aus Johannisthal im Inter auf ein Wort: Hochbegabung. Gehört hatten sie davon bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Sie wussten nur, dass Konstantin hervorragend mit Zahlen umgehen konnte und ein erstaunliches Gedächtnis hatte. Mittlerweile ist Konstantin zehn Jahre alt und gekürter Gedächtnisweltmeister. Im Juli wird er bei den Deutschen Meisterschaften im Gedächtnistraining in Hamburg antreten.

Konstantins Familie macht kein Aufheben um sein "Anderssein". Seine Schwester Friederike guckt verständnislos, als sie gefragt wird, wie es denn sei einen hochbegabten Bruder zu haben. "Ganz normal", sagt die Zwölfjährige und zuckt die Schultern. Auch Jörg Skudler geht entspannt mit der Begabung seines Sohnes um. Als er erzählt, dass Konstantin eine Zeit lang parallel Kindergarten und Schule besucht hat, damit er sich nicht langweilte, erwähnt er, dass der Weg nur 200 Meter lang war. "Das waren 300, Papa", quatscht Konstantin dazwischen. "Eine typische Eigenschaft Hochbegabter übrigens, dass sie alles besser wissen müssen", scherzt sein Vater.

Der Umgang scheint unkompliziert, einfach ist das Leben mit einem hochbegabten Kind dennoch nicht. Jörg Skudler beschreibt das so: "Ein hochbegabtes Kind ist spannend, aber eben auch sehr, sehr anstrengend. Konstantin plappert ständig, und wir müssen über sehr viele alltägliche Dinge diskutieren. Er hinterfragt alles."

Während sein Vater auf einem Stuhl im Kinderzimmer sitzt und spricht, spielt der Zehnjährige mit seinen Stofftieren, hampelt auf der Couch herum, redet mit seiner Schwester. Wenn er zu laut wird, macht Friederike geräuschvoll "Pssst". Der zierliche, blonde Junge will ständig beschäftigt werden, doch seine Familie scheint das ganz gut im Griff zu haben. "Wenn wir Konstantin genug fordern, dann ist er viel ausgeglichener und gelassener." Deswegen hat er viele Hobbys, spielt Schach und Fußball, geht zum Karate, singt im Chor und besucht am Wochenende Kurse bei der Hochbegabtenförderung und der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK). Außerdem gibt es Regeln. Hausaufgaben müssen zum Beispiel gemacht werden, auch wenn sie dem Zehnjährigen zu einfach sind.

Hochbegabung früh erkannt

Konstantin ist eine Ausnahme. Auch, weil seine Hochbegabung so früh bemerkt wurde. Denn nicht alle Eltern bekommen mit, was mit ihrem Kind los ist. Meistens fallen Hochbegabte erst dann auf, wenn sie in der Schule Ärger machen, weil sie schlechte Noten haben, stören oder aufsässig werden. "Die wenigsten Eltern können eine Hochbegabung deuten. Sie denken einfach, ihr Kind begreife schnell", sagt Jutta Billhardt, Vorstand der Hochbegabtenförderung in Berlin und selbst Mutter zweier hochbegabter Söhne. Auch im Kindergarten oder der Schule wird die Begabung der Kinder oft nicht erkannt. "Besonders schwierig wird es dann, wenn sie im Kindergarten lieber rechnen als mit Bauklötzen zu spielen. Oftmals hält die Erzieherin dann, dass sie das doch noch nicht bräuchten", sagt Billhardt.

Auch Konstantin mag Zahlen. Schwimmen zu gehen war mit ihm schon anstrengend, als er noch ganz klein war. Stundenlang lief er an den Schränken entlang, las die Nummern der Schränke, stockte bei der 99. "Die 100 habe ich nicht erkannt, deswegen habe ich immer wieder neu angefangen zu zählen", sagt er. Mittlerweile ist das anders. Für die Gedächtnisweltmeisterschaft in Bahrain im letzten Jahr lernte er innerhalb einer halben Stunde 513 Binärzahlen - also, Zahlen, die sich aus 0 und 1 zusammensetzen - in der richtigen Reihenfolge auswendig.

Der Zehnjährige besucht die sechste Klasse des wissenschaftlich-mathematisch ausgerichteten Heinrich-Hertz-Gymnasiums in Friedrichshain. Er hat einen Intelligenz-Quotienten von 140. Von Hochbegabung spricht man ab einem IQ von 130. Man geht davon aus, dass etwa zwei Prozent aller Menschen hochbegabt sind.

Viele davon werden nie entdeckt. "Es gibt allerdings auch mehr ehrgeizige Eltern als hochbegabte Kinder", sagt Jutta Billhardt. Bei der DGhK und bei der Hochbegabtenförderung wird deswegen vor dem Beitritt ein Intelligenztest zumindest empfohlen.

Auch die Skudlers ließen für Konstantin ein Gutachten erstellen, damit er schon mit fünf in die zweite Klasse eingeschult werden konnte. Auf den ersten Blick unterscheidet sich Konstantin nicht von durchschnittlich Begabten in seinem Alter. Allerdings nur so lange bis er zeigt, wie er puzzelt. Dazu ordnet er die Einzelteile neben den schon zusammengesteckten Teilchen ordentlich an, schaut eines an, das noch nicht eingefügt ist, nimmt es, steckt es an die korrekte Stelle. Kein Ausprobieren oder Rumgefummel. Konstantin weiß vorher, wo das Teil hingehört. "Die Zahl auf der Packung stimmt nicht, es sind 1530 Puzzleteile und nicht 1500", sagt er und freut sich. Er hat das mal schnell überschlagen.

Trotz seiner Begabung gehört er bei den Zeugnissen nie zu den besten Zehn seiner Klasse. Er hat zwar fast nur Einser und Zweien, in Kunst aber eine Drei. "Einserschüler sind in der Regel nicht hochbegabt", sagt Jutta Billhardt dazu. "Meist versuchen Hochbegabte mit dem geringsten Einsatz das größtmögliche Ergebnis zu erreichen". Häufig sind Hochbegabte sogar schlechter als andere Schüler. Manchmal, wenn es ihm zu langweilig wird in der Schule, dann stört Konstantin den Unterricht, wird vorlaut, sagt Sätze wie: "Warum kapiert ihr das nicht?" zu seinen Mitschülern.

Fähigkeiten sind sehr verschieden

Was sind seine Lieblingsfächer?

"Mathe, Geo und Sport", antwortet Konstantin. Er spielt gern Basketball und Fußball. Dabei haben viele Hochbegabte Probleme mit der Feinmotorik. Konstantin nicht. Den typischen Hochbegabten gibt es ohnehin nicht, sind doch die jeweiligen Fähigkeiten grundverschieden. Konstantin zum Beispiel ist besonders begabt, wenn es um logisches und abstraktes Denken geht, interessiert sich aber auch für viele andere Themen.

Das Interesse allein genügt allerdings nicht. "Viele von den Schülern sind ein bisschen faul. Sie mussten ja nie lernen zu lernen", sagt Markus Reisch, der Bio-Chemiekurse bei der Hochbegabtenförderung gibt. "Sie müssen hier auch mal erfahren, dass es Grenzen gibt, dass sie zwar sehr viel, aber auch nicht alles können." Viele der Kinder lesen sehr viel, haben als Startseite Wikipedia.de auf ihrem Rechner, wollen im Sommer lieber etwas über Bakterien lernen als ins Freibad zu gehen. Das ist zwar beeindruckend, zugleich aber nicht immer leicht für das Umfeld.

Geholfen hat Jörg und Christiane Skudler vor allem, dass die Schule auf Konstantins Bedürfnisse eingeht, etwa mit der frühen Einschulung. Anderen Eltern kann Jörg Skudler nur raten, dem Kind neue Anreize zu bieten, mal eine Matheolympiade oder einen Kunstwettbewerb vorzuschlagen, den für Hochbegabte typischen Wissensdurst zu stillen.

Konstantin weiß in der Regel sehr genau, was er wissen und machen möchte. Auf die Frage, was er mal werden will, hat er aber nicht direkt eine Antwort. Er überlegt kurz, dann sagt er: "Gedächtnisweltrekordler. Bei der Weltmeisterschaft will ich den Rekord brechen. In fünf Minuten muss man sich dafür so viele Zahlen wie möglich merken. Der Weltrekord ist 146, mein persönlicher 100." Konstantin kann das schaffen. Er mag schließlich Herausforderungen.