Online-Versteigerung

Warum der Verkauf von Babysachen nicht lohnt

Viele Eltern versteigern gebrauchte Kindersachen im Internet, um zu sparen. Nicht nur Gitterbetten und Kinderwagen kommen unter den Hammer. Auch gebrauchte Pixibücher und Schnullerketten finden den Weg ins Netz. Liebstes Versteigerungsobjekt aber ist die Garderobe des Nachwuchses. Doch das kostet viel Zeit - und bringt meist wenig.

Foto: M. Lengemann

Jrgen456* (*alle Namen geändert) hat heute Pech. Niemand will seine gelbe Plastikrassel kaufen. Und auch der „Traum Baby Sonnenhut“ von casSandra77 wechselt nicht den Besitzer. Gabygo3 dagegen ist das „Hemdchen für kleine Prinzen“ gerade losgeworden – für einen Euro. Dafür hat sie das Oberteil gewaschen und gebügelt, sie hat es auf ihren Badezimmerfliesen ausgebreitet und fotografiert, sie hat das Bild hochgeladen, einen Text dazu gedichtet und eine Online-Anzeige gestaltet. Und neben alldem muss sie es jetzt natürlich auch noch zur Post bringen.

Ist es schon die Krise oder noch der Geiz, die Millionen junger Eltern ins Volkshobby Online-Versteigerung treibt? Reflexartig folgt mittlerweile auf nahezu jedes entrümpelte Kinderzimmer eine virtuelle Anzeige. Nicht nur Gitterbetten und Kinderwagen, Autositze und Tragetücher kommen unter den Hammer. Auch gebrauchte Pixibücher, Conny Kassetten und Schnullerketten finden den Weg ins Netz. Liebstes Versteigerungsobjekt aber ist und bleibt die abgelegte Garderobe des Nachwuchses.

Auch Anja Brauer aus Mitte, zweifache Mutter und passionierte Ebay-Nutzerin, hielt den Weiterverkauf der Babykleidung von Nesthäkchen Sofia zunächst für eine prima Idee, um die Haushaltskasse aufzustocken. „Ich habe ein paar Bodys eingestellt und mehrere kleine Sets.“ Zwei ihrer Angebote gingen für zwei Euro weg, immerhin. „Aber dann hat mich die Käuferin noch dreimal kontaktiert, weil sie angeblich irgendwo ein klitzekleines Loch gefunden hat.“ Nach ausgiebiger Auseinandersetzung per E-Mail war Anja schließlich so entnervt, dass sie noch ein Teil gratis hinterherschickte. „Seitdem verkaufe ich nichts mehr. Es lohnt sich einfach nicht.“

Stundenlohn lag bei 20 Cent

Zumal die einzelnen Umsätze von Anjas Päckchen weiter im einstelligen Euro-Bereich dümpelten – und ihr Stundenlohn, das hatte sie spaßeshalber mal ausgerechnet, bei knapp 20 Cent lag. „Im echten Leben würde man dafür nicht mal vom Stuhl aufstehen.“ Im Internet aber gilt eine andere Logik. Dort, so das digitale Versprechen, findet doch jeder Topf seinen Deckel und jedes wertlose Nischenprodukt seinen dummen Abnehmer. Und so scheuen sich Eltern auch nicht, auf Plattformen wie Ebay oder Kijiji alles anzubieten, was nur im entferntesten den Anschein der Wiederkäuflichkeit erweckt: ausgewaschene Jäckchen genauso wie fadenscheinige T-Shirts, labberige Söckchen oder vor Bärchen strotzende Schlafanzüge. Rund 350.000 aktive Artikel umfasst die Rubrik „Baby“ beim Marktführer Ebay ständig, darunter mehr als 140.000 Kleidungsstücke.

Das klingt zunächst mal nach grandioser Auswahl, ist aber bei näherem Hinsehen vor allem eins: eine gigantische Ansammlung von Ladenhütern. Viele Teile stoßen – wie Gabys Hemdchen – nur auf minimales Interesse; ein großer Teil findet gar keine Käufer. Je nach Suchbegriff liegt die Verkaufsquote zum Teil unter 50 Prozent. Kein Wunder: Das Überangebot erschlägt sich selbst – und seine potenzielle Kundschaft gleich mit.

Privatkunden inserieren kostenlos

Dieser Zustand ist von Betreiberseite offenbar gewollt. Für Ebay, das bei Endpreisen unter 50 Euro satte acht Prozent Provision kassiert, scheint sich das Geschäft mit dem schwer verkäuflichen Kleinkram in der Masse trotzdem zu rechnen. Jedenfalls hat sich das Unternehmen vor einem Jahr sogar entschlossen, die Hürden für private Verkäufer weiter zu senken. Für eine Standardanzeige mit einem Bild werden seitdem keine Einstellgebühren mehr fällig.

Sprich: Wer seine braune Cordlatzhose nicht verkauft kriegt, hat immerhin kein Geld verschwendet. Höchstens seine Zeit. Zeit aber ist für viele Internetnutzer immer noch keine gültige Währung. Zeit hat man, und zwar reichlich. Die Galerieansichten zehntausender schlecht ausgeleuchteter Strampler bezeugen es: Wenn Mama nicht gerade mit der Digicam rumhantiert, dann sitzt sie vor dem Rechner. Die Versteigerungsorgie dient als elterliche Beschäftigungstherapie – und als Simulation von Werktätigkeit. Wer einen kleinen Onlineshop sein eigen nennt, der hat immer was zu tun. Ständig muss hier getippt, da geguckt, dort gecheckt werden.

Und endlich dürfen auch die brachliegenden kreativen Talente ausgelebt werden. Da trifft graphische Extravaganz, die sich im Gebrauch möglichst vieler Schriftfarben und -größen spiegelt, auf Werbetexte, die vor falschen Superlativen nur so strotzen. Kein Oberteil, das nicht „supersüß“, „obersüß“ oder „superobersüß“ ist, und natürlich „alles wie neu nix dran“.

Käufer müssen zwischen den Zeilen lesen

Trotzdem bringt der verbale und optische Überschwang in der Regel wenig. Die wählerische Kundschaft lässt sich von den blumigen Lobpreisungen nicht beeindrucken, sondern liest, wenn überhaupt, zwischen den Zeilen. Kleidung, die „noch gut genug für den Kindergarten ist“, würde eine erfahrene Ebayerin wie Anja nie kaufen. „Das heißt nichts anderes als: fleckig, alt, durchgescheuert.“ Sprich: maximal für ein Schattendasein in der Wechseltasche geeignet.

„Hat nicht jeder“ ist dagegen ein beliebtes Synonym für „schon lange aus der Mode“; „ungewöhnlicher Schnitt“ meint meistens „passt irgendwie nicht“. Und bei Verkäufern, die nicht mal den obligatorischen „Nichtraucherhaushalt ohne Tiere“ fehlerfrei schreiben können, klickt Anja ohnehin gleich weiter.

Sie hat sie ihr eigenes Suchsystem entwickelt: Akribisch rechnet sie die ausgewiesenen Portokosten nach, schaut nach Versandrabatten – und sucht nur noch nach Markenware. Wie übrigens der Großteil aller Ebay-Käufer. Die billige No-Name-Variante bleibt massenhaft liegen, weil Eltern gleich gezielt nach Hello Kitty, Esprit, Mexx, Petit Bateau, Ralph Lauren oder Tommy Hilfiger Ausschau halten. Sogar das Edellabel Burberry findet sich unter den 20 meistgesuchten Begriffen in der Rubrik „Baby“. Privatverkäufer, die diese Marken zu niedrigen Einstiegsgeboten einstellen, bleiben nicht ganz so oft auf ihren Kleiderpaketen sitzen. Armani-Blusen und Dior-Hütchen gehen deutlich besser als die von Topolino und TCM. Im Verhältnis zu den, wie lapradamama123 treffend schreibt, „horrenden!!! neupreisen!!!“ bleibt aber auch im Luxussektor die Gewinnmarge überschaubar.

Missmut eint alle Verkäufer

Und so eint am Ende alle der Gram. Vom Gedanken dauergepeinigt, dass das alles „ja mal viel Geld gekostet hat“, ärgern sich sowohl die C&A- als auch die D&G-Verkäufer insgeheim über jedes Kleidungsstück, das weit unter seinem ursprünglichen Preis den Besitzer wechselt. 1…2…3…vorbei der Traum vom fetten Reibach. Glücklich macht Ebay irgendwie nicht.

Gegen den nagenden Missmut hat Anja übrigens ein einfaches Mittel gefunden. „Was wir nicht mehr brauchen, geben wir an andere weiter.“ Persönlich – und kostenlos. Und siehe da, wer verschenkt und verleiht, der kriegt auch geschenkt und geliehen. Auf diesem Wege ist die großzügige Kleinfamilie mittlerweile nicht nur zu Dreirad, Roller und Laufrad gekommen. Regelmäßig kommen auch Säcke voller Kleidchen ins Haus, von den Töchtern der Nachbarinnen, die die Rosalila-Glitzer-Phase bereits hinter sich gelassen haben. „Manchmal weiß ich gar nicht mehr, wohin mit dem ganzen Zeug.“

Dann packt Anja die Sachen einfach ins Auto – und bringt sie zur Kinder-Kleiderkammer der Caritas in Wedding. Das gute Gefühl gibt's dort gratis.