Kinder-Yoga

Wie aus Kindern Blumen und Bäume werden

Yoga soll nicht nur die Gelenkigkeit und Konzentration, sondern sogar die Sprachfähigkeit von Kindern fördern. In einer Kreuzberger Schule sind die "Asanas" reguläres Unterrichtsfach

Foto: Massimo Rodari

Ein kleiner, lichter Wald ist in dem hellen Raum gewachsen. Manche Bäume wackeln ein bisschen oder stehen windschief, andere sind fest im Boden verwurzelt. Obwohl er ganz schön viel Balance fordert - den Baum mögen die elf Kinder, die heute zur Yogastunde von Ilona Holterdorf gekommen sind, besonders. Draußen lärmt gerade der Presslufthammer, aber hier drinnen, im Kreuzberger Institut yobee-active, herrscht eine ruhige Atmosphäre. Auch wenn es Noa (6) nicht immer gelingt, ihren Po auf der Matte zu lassen, auch wenn es Liam (5) schwerfällt, die Augen zu schließen. Aber sie sind ja auch die Jüngsten in der Runde. Und wenn Ilona Holterdorf die Klangschale schlägt, dann schaffen auch sie es anzukommen, hier im Raum, bei sich, bei ihrer Kinderyoga-Stunde.

Sie begrüßen sich mit allen Begrüßungsformeln dieser Welt, die ihnen gerade einfallen: Namaste, Guten Tag, Bonjour, Hello, Selam. Multikulti im Schneidersitz. Und dann verwandeln sich die Kinder eine Stunde lang in Hunde, Hähne, Katzen, Blumen, Löwen und Vulkane und eben Bäume. Es geht nicht darum, wer was am besten kann, sondern dass jedes Kind achtsam mit seinem Körper umgeht.

Gegenpol zum Schulstress

Achtsamkeit, Ruhe - beides hat im Alltag der Kinder sonst nur wenig Platz. Und vielleicht erlebt Kinderyoga gerade deshalb seit einigen Jahren einen enormen Zulauf - als Ausgleich für Stress und Anspannung. Stress war es letztlich auch, der die Pädagogin Ilona Holterdorf auf die Idee brachte, das Institut yobee-active zu gründen. Yobee als Kürzel für Yoga, Bewegung, Ernährung und Entspannung.

Die heute 52-Jährige saß am Küchentisch und sah, welch großem Stress ihre Tochter ausgesetzt war, als sie für den Mittleren Schulabschluss lernte. Da sagte sich Ilona Holterdorf: "Pisa hin oder her, ich möchte Gegenpole schaffen." Seitdem arbeitet sie, unterstützt vom Senat durch das Landesprogramm "Gute gesunde Schule", vor allem mit Schulen und Kitas zusammen. Sie bietet Kurse für Lehrer, Erzieher und Eltern an, in denen sie lernen, den Unterricht oder den Alltag ihrer Kinder mit Yoga-Elementen zu rhythmisieren. Elemente, die ohne Vorbereitung und Aufwand jederzeit umsetzbar sind: Ruheverse, um den Kindern die Unruhe zu nehmen, Fitsprüche, um sie munter zu machen, oder die Wutrakete, um Spannungen abzubauen.

Als Ilona Holterdorf vor zwei Jahren ihr Institut aufbaute, konnte sie schon auf eine Menge Erfahrung im Bereich Kinderyoga zurückgreifen. Anders sah es noch 1990 aus, als ihre Mitstreiterin bei yobee-active, Petra Proßowsky, versuchte, ihre Vorklasse in der Niederlausitz-Grundschule in Kreuzberg zur Ruhe zu bringen. SO 36, ein Problem-Kiez. Immer erlebte sie Situationen wie diese: In der Pause warf der eine dem anderen Jungen "Du Hurensohn" an den Kopf, der andere prügelte los. Nach der Pause stürmten die Kinder mit blutender Nase und voller Aggression in den Klassenraum zurück und auf ihre Lehrerin Petra Proßowsky zu. Alle beschuldigten sich gegenseitig. "Da stand ich an dem Punkt: Wenn ich etwas anders machen will, dann jetzt", erinnert sich die heute 62-Jährige.

Am Montag sind die Kinder müde

Sie forderte die Kinder auf, sich hinzusetzen und einfach mal ganz ruhig zu sein. Tatsächlich, es herrschte plötzlich Ruhe, und die Kinder entspannten sich. Ein Junge kam sogar am nächsten Tag zu ihr und fragte: "Dürfen wir heute wieder ganz ruhig sein?" Seit diesem Tag gehören Ruhezeiten und Yoga-Elemente zu Proßowskys Unterrichtskonzept. Doch 1990 gab es noch kein Kinderyoga, deshalb ging die Grundschullehrerin, die selbst seit den 80er-Jahren Yoga praktiziert und auch Yoga-Ausbildungen absolviert hatte, zunächst autodidaktisch vor. Dennoch: Aus Ansätzen wurden bald Konzepte, und die Niederlausitz-Grundschule machte als erste Schule Berlins Yoga zu einem regulären Unterrichtsfach. Nach Bedarf fließen Yoga-Elemente zusätzlich in anderen Unterrichtsstunden mit ein: wenn die Konzentration nachlässt, wenn die Kinder müde werden und wenn die Unruhe wächst. Petra Proßowsky hat inzwischen auch zahlreiche Bücher zum Thema verfasst.

Jeden Morgen beginnt sie in ihrer Klasse den Tag mit einer Morgenübung. "Gerade am Montag sind die Kinder alle müde vom Wochenende, weil viele nur Fernsehen geschaut haben", sagt die Lehrerin. Da muss sie mit einer Fitübung für das sorgen, was eigentlich das Wochenende leisten sollte: Entspannung und Aufbau zugleich. Auch bei ADHS-Kindern hat sich Yoga als sehr wirksam gezeigt. "Gerade sie lieben die Stille-Übungen", sagt Petra Proßowsky. Oft seien diese Kinder sehr beweglich und würden ihren Kopf gern mal unter den Tisch stecken. Ihnen dann zu sagen: "Setz dich richtig hin", sei falsch. Sie bestärkt die Kinder eher darin, sich einen Augenblick ganz den äußeren Reizen zu entziehen, indem sie in die Vorbeuge gehen, die Fersen greifen und den Kopf zwischen die Beine stecken. Die Schildkröte.

Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass Yoga die körperliche Konstitution der Kinder und auch ihre Konzentrationsfähigkeit verbessert. Dies bestätigt Richard Placzek, leitender Oberarzt der Sektion Kinderorthopädie an der Charité. "Yoga ist gut für die Haltung, kräftigt die Muskeln, fördert die Flexibilität", sagt er. Die Gefahr einer Überdehnung sieht er erst einmal nicht - wenn man es nicht übertreibt. "Der Körper hat ja Schutzmechanismen, wenn man Bänder zu stark dehnt, tut es weh." Yoga sei ein Sport, den jedes Kind ausüben könne, zum Beispiel auch Kinder, die unter starkem Übergewicht leiden. "Wenn man die zum Fußball oder zur Leichtathletik schickt, sind sie immer die letzten und werden gehänselt." Yoga aber könne jeder nach seinen Fähigkeiten und ganz für sich ausüben, sagt der Arzt, "da gibt es keinen Wettbewerb, keine Meisterschaften, keine Benotung". Und gerade darin sieht er auch den Nutzen: "In unserer schnelllebigen Zeit, in der Kinder ständig einer Reizüberflutung ausgesetzt sind, gibt man ihnen mit Yoga ein Instrument zur Stressbewältigung, auf das sie später bei Prüfungen, in der Schule, immer wieder zurückgreifen können."

Dass Kinder gerade in der Schule unter Stress stehen, zeigt sich in der Yoga-Stunde von Ilona Holterdorf, wenn sie fragt: "Wovor habt ihr Angst?" Hannah (11) hat Angst, dass sie nach dem Sommer das Probehalbjahr auf dem Gymnasium nicht schafft, Emma (9) hat Angst vor der nächsten Mathearbeit, Pia (11) vor dem Jungen, mit dem sie sich auf dem Schulhof angelegt hat. Ilona Holterdorf gibt einen Angstspruch aus, den die Kinder sprechen und mit dem Körper umsetzen: "Hab einfach keine Angst, wenn du was nicht kannst, wie wär's mit Mut, mit Mut wird alles gut."

Yoga für Kinder ist anders als Yoga für Erwachsene - spielerischer vor allem, und es darf und soll auch gesprochen werden. Petra Proßowsky ist sogar überzeugt, dass sich die Sprachfähigkeit der Kinder durch Yoga verbessert. In den meisten Yogastunden erzählt sie nach den Eingangsritualen eine Geschichte. Neulich ging es um den Kranich. Die Kinder lernen in Worten und Bewegungsübungen, was das für ein Vogel ist. So wird ihre Vorstellungskraft angeregt. Vor allem den jüngeren Kindern macht das Spaß. "Jungen so ab der vierten Klasse reagieren zunächst oft ablehnend", sagt die Lehrerin. "Ihnen fehlt das Selbstvertrauen in ihren Körper, und sie überspielen diese Unsicherheit mit Blödsinn." Um die Jungen dennoch zu erreichen, macht sie aus den Yoga-Übungen auch mal Gruppenwettspiele. Und sie weiß: "Für Jungen muss immer eine Heldenstellung dabei sein."

Eine Mode wie Bionade

Mädchen lassen sich von Yoga meist schneller begeistern. Die drei Freundinnen Emma, Minou und Flora machen Yoga sogar, wenn sie sich nachmittags treffen. Statt sich "Hannah Montana" anzusehen, verwandeln sie sich in Katzen, Kamele oder Kobras. So werden die Yoga-Übungen aus der Schule oder dem Yoga-Kurs nach Hause getragen. Die siebenjährige Cansin, die die Niederlausitz-Grundschule besucht, hat schon ihrer älteren Schwester Übungen beigebracht. Ihre Mutter ist froh, dass Cansin Yoga in der Schule macht. "Wir haben die Schule auch deshalb ausgewählt, Cansin ist entspannter dadurch." Und Minous Mutter macht sogar gemeinsam mit ihrer Tochter Yoga-Übungen. "Manche sagen, Yoga sei eine Mode wie Bionade, aber es ist doch viel mehr", sagt sie.

Natürlich gab es in der Niederlausitz-Schule anfangs auch Eltern, die dem Yoga-Angebot kritisch gegenüberstanden. Doch Petra Proßowsky konnte sie beruhigen: "Nein, die Kinder verneigen sich nicht vor mir, sie verneigen sich vor der Natur und bezeugen Respekt gegenüber ihrem Leben. Das steht weder zum Islam noch zu einer anderen Religion im Konflikt." Eine spirituelle Ebene sollte Kinderyoga aus ihrer Sicht nicht haben.

Bei Ilona Holterdorf sind die elf Kinder nach Sonnengruß und Wutrakete, nach den Tierstellungen und dem Shanti-Spiel in der sogenannten Totenstellung angekommen. Auf dem Rücken liegend, die Hand auf dem Herzen. Es gibt noch eine kleine Massage, dann verabschiedet die Yogalehrerin sie mit drei Wünschen nach Hause: gute Gedanken, etwas weniger Angst und etwas mehr Mut.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.