Wenn mit 40 das Leben noch einmal anfängt

Eine neue Karriere

Susanne Beckers neuer Lebensabschnitt hat einen Ur-Berliner Namen: "Pinselheinrich". Das Restaurant, das die 44-Jährige seit März gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Heinz betreibt, liegt im ehemaligen Wohnhaus Heinrich Zilles in der Sophie-Charlotten-Straße 88 in Charlottenburg.

Foto: David Heerde

Und Zille gibt auch das Thema für das Restaurant vor. Die Wände zieren großformatige Gemälde, die seinen Kohlezeichnungen nachempfunden wurden, altes Holz und warme Brauntöne dominieren die Räume.

Auf der Speisekarte stehen Kohlroulade mit Speckstippe und Petersilienkartoffeln oder Kalbsleber "Berliner Art" mit Äpfeln, Zwiebeln und Quetschkartoffeln. "Wir wollten etwas schaffen, das authentisch ist. Es muss nicht perfekt sein, wichtiger ist, dass der Laden in die Gegend und zu uns passt", sagt die 44-Jährige. "Der Traum, einen Ort zu schaffen, an dem ich mich wohlfühle und mit vielen Menschen kommunizieren kann, spukte mir schon ewig im Kopf herum." Doch bisher passte die Verwirklichung nicht zu Susanne Beckers Leben. In der Baby- und Kleinkindphase forderten die beiden Söhne und die Tochter Zeit und Aufmerksamkeit. Jetzt ist ihre Tochter 13, der jüngste Sohn fünf, zumindest die Zeit der schlaflosen Nächte ist vorbei. "Die Lebensmitte ist auf jeden Fall ein Zeitpunkt, an dem man sich fragt: Wenn nicht jetzt, wann dann? Da werden plötzlich ganz neue Energien frei", sagt die gelernte Bürokauffrau. "Außerdem ist es gut, dass man in diesem Alter bereits Erfahrungen gesammelt hat. Man ist verantwortungsvoller und kann Risiken besser einschätzen."

Ihr Lebensweg sei bislang wenig gradlinig verlaufen, sagt Susanne Becker lachend. Kurz vor dem Abitur brach sie die Schule ab und absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Sie vertrieb Kosmetikartikel, arbeitete bei einem Anwalt und bei der BFA, war in der Immobilienbranche tätig. Dann kamen drei Kinder, schließlich die Trennung von deren Vater.

Vor zwei Jahren traf sie Heinz, einen gelernten Koch. Plötzlich passte alles. Heinz war unzufrieden mit seinem Arbeitsplatz, Susanne suchte eine neue Herausforderung. "Manchmal frage ich mich schon, ob es verrückt ist, so etwas zu machen", sagt Susanne Becker. In den beiden Monaten vor der Eröffnung hätten Heinz und sie sich "beinahe aufgeraucht". Es gab Nächte, in denen sie vor Erschöpfung auf den Bänken im Restaurant einschliefen.

Doch mittlerweile läuft vieles ruhiger. "Und bislang klappt es wirklich gut", sagt Susanne und streicht über einen der Holztische, denen man ansieht, dass sie etliche Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Sie standen erst in einer Alt-Berliner Kneipe, später in einem mexikanischen und in einem afghanischen Restaurant - und jetzt im "Pinselheinrich". Die Tische scheinen den Ort gefunden zu haben, an den sie gehören. Susanne geht es genauso.

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