Erziehung

Auch Väter lieben Spielplätze

Immer mehr Papas bevölkern in Berlin die Spielplätze. Sie klettern mit ihren Töchtern und Söhnen, buddeln, spielen Tischtennis. Sie wollen nicht mehr abseits sitzen, sondern mitmachen. Dabei wirken die Väter manchmal übermotiviert. Das ist bisweilen amüsant.

Foto: Reto Klar

Väter sind auf dem Vormarsch. Vielleicht noch nicht ganz so perfekt ausgerüstet wie ihre weiblichen Pendants, möglicherweise nicht ideal bekleidet und mitunter auch ein bisschen tollpatschig bei der Einhaltung der örtlichen Verhaltensregeln. Dennoch bilden sie in Berlin vielerorts schon die Mehrheit auf einem Terrain, über das jahrzehntelang Frauen wachten und bestimmten: den Spielplatz.

Beispielsweise in Prenzlauer Berg. Da ist der Helmholtzplatz schon fest in Männerhand. Ein Vater im Rockabilly-Look - Jeansanzug, Elvis-Tolle, Ohrringen und Tattoos - hastet durch den Sand, hinter sich zwei Kinder, die ihn mit weinerlichem Ton bedrängen, Cola, Eis und Gummibärchen zu besorgen. "Klar, macht der Papa doch alles", erwidert er in Gönnertonfall und laut genug, dass die Umsitzenden auch ja mitbekommen, dass seine Kleinen dank Vati heute mal wieder die Zeit ihres Lebens haben. Als wenig später das Eis im Sand landet und die Gummibärchen in einem Erdloch verschwinden, rollt Papa mit ausholender Bewegung die Ärmel hoch, dehnt den Rücken, ein kleiner Blick noch, ob die anderen Eltern seinen Einsatz ja nicht verpassen, und kraftvoll wird dann gebuddelt, um retten, was noch zum Verzehr geeignet ist.

Für Frauen eher peinlich

Thomas Grabinger dagegen verzichtet auf den ganz großen Auftritt. Während seine vierjährige Merlind zwischen Schaukel und Piratenschiff umhertollt, lehnt sich der 44-jährige IT-Experte mit den grauen kurzen Haaren und langen Koteletten auf einem Mäuerchen neben Kinderschuhen und Fahrradhelm zurück, um im Sonnenschein zu beobachten, wie die Zeit vergeht. "Es gibt Männer", schmunzelt er, "die legen sich hier unheimlich ins Zeug, die sagen sich ganz bewusst: 'Ich unternehme gerade etwas mit meinem Kind.' Frauen, die ihre Männer so erleben, ist das erfahrungsgemäß eher peinlich."

Nur eine Frau ist unter dem guten Dutzend Erwachsener. Da rollt sich ein in edle, hautenge Ben Sherman Mode gehüllter Vater mit seinem Kind im Sand. Da klappt ein anderer seinen Laptop zu und macht sich schweren Schrittes auf seinen Sohn zu. "Im Vergleich zu Müttern sind Väter auf dem Spielplatz aktiver. Aber irgendwann sagen die Kinder auch: Lass mal Papa, ich spiele hier gerade in Ruhe", sagt Grabinger.

Phänomen des übermotivierten Spielplatz-Papas

Dieses überdrehte Engagement von Vätern erinnere ihn an Männer, die in Elternzeit gehen, weil sie dadurch in Bekanntenkreis und Arbeitsumfeld in besonders gutem Licht dastehen. "Und deren Frauen, erleben dann, wie ihre Männer von Freunden für etwas gefeiert werden, das von Müttern ganz selbstverständlich erwartet wird: Kümmern, Kinder versorgen, zum Arzt gehen", sagt Grabinger. Nicht anders laufe es beim Phänomen des übermotivierten Spielplatz-Papas.

Alleinbegleitende Väter sind am Lietzensee rar. Auf den Bänken rund um den Spielplatz sitzen die Frauen, oft in Gruppen, in Gespräche vertieft. Zum Picknick etwa hat sich eine Handvoll Holländerinnen samt Kindern getroffen, um ihre Heimatsprache für die Zöglinge lebendig zu halten. "Ich habe meinen Mann gefragt, ob er mitkommen möchte", sagt eine von ihnen, "aber der hat dankend abgelehnt." Roman Richter, für den die Momente mit seiner Julia selten sind, tobt mit ihr quer über den Spielplatz. "Wir müssen die Zeit nutzen, die man gemeinsam hat", sagt der 36-jährige Personaldisponent, der dem Anlass entsprechend leger ein rotes Poloshirt und Bluejeans trägt.

"Was haben wir heute hier alles gemacht?", fragt er seine sechsjährige Tochter, die ihm soeben die Erlaubnis abgeluchst hat, barfuss zu gehen. "Wir haben Fußball gespielt", antwortet Richter dann gleich mal selbst, "wir waren auf dem Karussell, wir haben Versteck gespielt, nicht wahr?"

Kontakt zu anderen Vätern wird vermieden

Ein guter Tag für Vater und Tochter. Üblicherweise hat er Julia nur jedes zweite Wochenende. Ganz dicht bei seiner Tochter bleibt er jetzt, nimmt sich dann aber auch zurück, um aus der Ferne zu beobachten. "Wenn ich sie freitags von der Kita abhole, erlebe ich nur wenige Minuten, wie Julia ist im Umgang mit anderen Kindern. Da schaue ich auf dem Spielplatz genau hin, wie sie sich verhält, welche Charakterzüge ich entdecken kann." Zufrieden verschränkt Richter die Arme vor der Brust: "Wenn ich hier dann erlebe, dass sie Kinder anspricht, sich vorstellt, schnell Spielkameraden findet, ist das eine richtige Freude für mich."

Den Kontakt zu anderen Männern sucht er nicht. Dazu hat er auch keine Zeit. Thomas Grabinger vom Helmholtzplatz hatte auf die Frage gar mit beiden Händen abgewehrt: "Das geht mir schnell in Richtung Vereinsmeierei." Und sogar Pfarrer Simon Kunze, der am Lietzensee mit seiner sechsjährigen Lucy darauf wartet, die Tischtennisplatte übernehmen zu dürfen, sagt: "Mit unbekannten Vätern zu sprechen, versuche ich hier eigentlich nicht."

Auch die Männer zwischen Klettergerüst und Buddelkiste des schicken Wilmersdorfer Ludwigkirchplatzes reden nicht miteinander. Jedenfalls nicht mit Vätern, die sich ebenfalls vor Ort befinden. Aber sie telefonieren viel. Ein hochgewachsener, schlanker Mittdreißiger hat gerade seinen Jungen an der Schaukel zurück gelassen und schlendert, das Handy am Ohr, gestikulierend über den Platz.

Zwischen Laptop und Kinderfahrrad

Es herrscht großes Gedränge an diesem frühen Abend. Da sind die vor Schmuck starrenden Russinnen. Da sind die in Designerkleidung gehüllten Berliner Mütter. Alle mit Pferdeschwanz, alle mit Sonnenbrille im Haar, alle topfit. Ihre Kinder drängen sich zwischen den Spielgeräten. Väter haben ihre Jacketts und Krawatten abgelegt, die Ärmel aufgekrempelt. Zu Füßen eines Daddys im gegenüberliegenden "Restaurant Weyers" lehnen Kinderrad und Laptop-Tasche. Mit minimalstem körperlichen Aufwand kickt ein Vater seinem Kind den Ball zu und nutzt jeden Moment, den der Kleine dem Rund hinterher eilt, um mit müden Augen das restliche Geschehen auf dem Platz zu betrachten.

Armin Sitter ist einer der vier, vielleicht fünf Business-Papas auf dem Ludwigkirchplatz. Noch im Büro-Outfit seines Elektrotech-Jobs, aber ohne Jacke, pendelt er zwischen seinen zwei kleinen Kindern hin und her. "Wenn es passt, hole ich sie von der Kita ab und gehe mit ihnen auf den Spielplatz", sagt der 46-Jährige. "Dann habe ich Arbeit für zu Hause dabei und lege eine zweite Schicht ein, wenn die Kinder im Bett sind." Und seine Frau? "Die ist noch arbeiten."

Väter-Dichte auf Spielplätzen steigt

"Es gibt", meint Thomas Grabinger, "verschiedene Typen von Spielplatzvätern." Mancher sehe es als seine Aufgabe, mit dem Kind über Klettergerät zu tollen. Das mache Sinn, wenn das Kind zu jung ist, um sich selbst zu beschäftigen oder Spielkameraden zu finden. Andere, zu ihnen zählt er sich, wollen ihren Kindern einfach nur das richtige Umfeld schaffen und aufpassen, während die Kleinen mit Gleichaltrigen spielen.

Mag die Väter-Dichte auf Spielplätzen angesichts von Elternzeit und zunehmender Aufgabenverteilung unter Paaren auch steigen: Für die meisten Kinder ist es noch die Ausnahme, den Papa bei sich zu wissen. So wie für Thomas Grabingers Tochter Merlind: "Wegen der Arbeit komme ich abends erst spät heim, Merlind sieht mich seltener als ihre Mutter. Also ist es mir dann wichtig, dort Zeit mit ihr zu verbringen, wo sie sich wohl fühlt: auf dem Spielplatz."