Bücher

Lola und ihr Laufrad unterm Laster

Wer nicht hören will, muss fühlen. So lautet eine Erziehungsweisheit, die allezeit wahr war, bis sie schließlich, ungefähr ab 1968, falsch wurde. Doch inzwischen ist der Geist der Erziehungsrevolte der Einsicht gewichen, dass früher doch nicht alles verkehrt war. Ein neues, drastisches, struwwelpetriges Strafen-Vorlesebuch sorgt in den Kinderzimmern für Furore.

Was macht ein gutes Kinderbuch aus? Gut sind die, die auch Erwachsenen noch zu denken und zu fühlen geben. Mit „denken“ und „fühlen“ ist aber wirklich denken und fühlen gemeint und nicht der Kitsch und Quatsch, dem Erwachsene auf ihre Art ebenso gern anhängen. Viele Erwachsene missbrauchen Kinder zur Verbreitung von Ideen und Projekten, denen sie eigentlich selbst als Erwachsene politisch und organisatorisch Ausdruck verleihen müssten.

Gute Kinderbücher sind nicht solche, die gut gemeint sind, sondern solche, die einen wahren Punkt allgemeinen Interesses treffen. Solche, die weder Erwachsene noch Kinder zu Heuchlern machen, wenn sie auf dem Sofa vorlesen und zuhören. Womit ich nun endlich bei den Geschichten aus „Lola rast“ bin, die der Politikwissenschaftler Professor Wilfried Bredow in Reimen erzählt und Anke Kuhl flott illustriert hat. Es sind „cautionary tales“ samt und sonders. Für dieses Genre gibt es keinen deutschen Ausdruck - soll man sagen „Warngeschichten“?

Da ist Titelheldin Lola, die mit ihrem Laufrad unter einen Lastwagen gerät, die eitle Anna-Lena, die sich zur toten Schönheit verpuppt und Konstantin, der seiner Mutter aus Neugier entläuft und dann das Buch mit dem Urschrei nach der Mama am Zaun der Welt beschließt. Sieben Mal benehmen Kinder sich daneben, riskieren etwas und werden bestraft bzw. belehrt.

1968 ist vorbei

Erfunden hat die komische und phantastische Tradition der Warngeschichte, die Bredow und Kuhl hier fortführen, Dr.Heinrich Hoffmann, Frankfurter Autor des „Struwwelpeter“ (1845). Der „Struwwelpeter“ ist vielfach, nicht zuletzt von den 68-ern kritisch seziert worden. Autoritär, kastrativ, triebfeindlich und angsterregend sei das populäre Bilderbuch, und typisch für die repressive Erziehung der Bourgeoisie – so sagte man. Den originellen Humor der surrealistischen Geschichten hat man völlig übersehen. Vor Hoffmann gab es keine amüsanten Bildergeschichten die dem kindlichen Trieb- und Phantasiegeschehen in gleicher Weise gerecht wurden wie die ausgebreitete pädagogische Literatur der erwachsenen Angst vor ihm.

Konkret gesprochen, werden bei Bredow und Kuhl sieben klassische Konflikte abgehandelt, in denen sich Kinder und Erwachsene heute alltags begegnen. Lola, die Titelheldin, rennt nicht, sondern rast trotz der Mahnungen der Mutter mit ihrem Laufrad Mülltonnen und Leute um, ehe sie an einer Ampelkreuzung auf Rot von einem Laster platt gemacht und drei Tage später dann samt Laufrad begraben wird. Eine drastische Geschichte! Aber sie hat Wahrheit in sich und deshalb auch das Potenzial, zum Thema des Generationentheaters auf dem Sofa zu werden.

Hier das Kind mit der enthusiastischen Erfahrung der Mobilität- dort der Erwachsene, dem das Wohlergehen des Kindes, seine Sicherheit, Gesundheit und was noch alles so sehr am Herzen liegen. Der nüchterne Vers macht die Angelegenheit hier wie in den anderen sechs Fällen der Bredowschen Aufklärung verträglich: „Ja nun, die Ampel stand auf Rot. Wer weiterrast, ist eben tot.“ Bei Lukas, der zu viel fernsieht und schließlich vom Bildschirm verschlungen wird, heißt es am Ende: „Er ist wohl jetzt bei Manitu. Hienieden bleibt von ihm ein Schuh. Die Mutter weint, wenn sie den sieht. Der Vater ist um Trost bemüht.“

Meine Lieblingsgeschichte ist die von Lisa, die sich weigert, nach jedem Essen die Zähne zu putzen. Hier kehren die Autoren die „cautionary tale“ der Übung und Unterhaltung wegen einmal um. Lisa wird nicht bestraft, sondern belehrt, völlig zahnlos, nun im Gegenteil ihre zahnbesorgten Eltern: „Die Chache hat auch einen Nupfen: Jepf muff ich nie mehr Pfähne pupfen.“ Das ist alles, in der sachlichen Konkretion von realen Gefahren und Triebgefahren und kombiniert mit dem abseitigen Witz O-Ton Struwwelpeter.

Böse Kinder, liebe Eltern

Mit dem großen Unterschied allerdings, dass man die Kinder, die hier sieben Mal vorgeführt werden, die sieben Mal irren und etwas falsch machen, anders als bei Dr. Hoffmann, nicht nur gruslig-schön vernichtet sieht. Ihnen wird gerade wegen ihrer wüsten, aber unvermeidlichen Verfehlungen sympathetisch von ewig ängstlichen Eltern beigestanden. Das ist die Moderne. Mögen zwischen Kindern und Erwachsenen auch weiterhin und vielleicht auf ewig Welten des Unverständnisses liegen, man bemüht sich doch inzwischen, von allen Seiten.

„Lola rast“ gibt erstens in Bildern und Texten eine gute Vorlage für jene Inszenierung ab, zu der ansonsten noch ein Kind zwischen drei und sieben, des Lesens noch gar nicht oder nur schwach kundig und lustig, ein Erwachsener und ein Sofa benötigt werden. Zweitens sorgt das Buch dafür, dass der Erwachsene, der als Vorleser oder Mitspieler gebraucht wird, nicht angeödet ist. Denn egal, wie süß ein Mädchen die Prinzessin, wie faszinierend ein Junge den Astronauten im momentanen Lieblingsbuch finden, wenn es für die Erwachsenen langweilig ist, wird nichts aus dem Generationentheater, vulgo „Vorlesen“ genannt.

Umgekehrt gilt aber auch, dass man Kindern kein Buch aufdrängen soll, auch wenn es dem Erwachsenen noch so wertvoll in ästhetischer, moralischer oder allgemein aufklärerischer Hinsicht erscheint. „Lola rast“ ist deshalb ein Fünfsternekinderbuch, ein potenzieller Klassiker.

„Lola rast“ - Autor: Wilfried von Bredow, Illustrationen: Anke Kuhl, Klett Kinderbuch, 13,90 Euro