Erziehung

Auch Anschreien ist Gewalt

Natürlich hat der Vater von Dennis* wieder etwas zu nörgeln. Obwohl der 18-Jährige seiner Mutter im Haushalt und mit den Geschwistern nach Kräften hilft. Heute früh hat er ihn sogar angebrüllt, dass er Schläge bekommt, wenn er noch mal nach 22 Uhr nach Hause kommt.

Dementsprechend gereizt erscheint Dennis in der Schule, wirft mürrisch die Tür des Klassenraums hinter sich zu - ohne ein Wort der Entschuldigung für seine Unpünktlichkeit.

Doch Erika Wunderling, Lehrerin für Deutsch und Kommunikation an der Charlottenburger Loschmidt-Oberschule, bleibt ruhig. "Guten Morgen, Dennis", begrüßt sie freundlich den notorischen Zu-Spät-Kommer. Wegen seiner vielen Fehlzeiten und seiner Gewaltbereitschaft war Dennis schon an mehreren Schulen, ohne es je zu einem Abschluss zu bringen. "Willst du erzählen, was dich so stresst?"

Mitgefühl statt Tadel

Kein Gemecker, kein Tadel, stattdessen Mitgefühl und Interesse: Das würden sich viele Kinder nicht nur von ihren Lehrern, sondern auch von ihren Eltern wünschen. Zum siebten Mal ruft der Deutsche Kinderschutzbund morgen bundesweit den "Tag der gewaltfreien Erziehung" aus. "Gewalt gegen Kinder fängt nicht erst bei einer Tracht Prügel oder einem 'Klaps' an - auch beschimpfen, ignorieren und anschreien gehören dazu", so die Kinderschützer.

Erika Wunderling gehört zu den Berliner Lehrerinnen und Lehrern, die den Kindern einen anderen Umgangston beibringen wollen - und ein Mittel, die Spirale der Gewalt zu Hause oder auf dem Schulhof zu durchbrechen. Ihre Formel lautet: Fakten beobachten, Gefühle ausdrücken, Bedürfnisse äußern, um eine Handlung bitten. Es sind die vier Schritte der "Gewalfreien Kommunikation" (GFK) des bekannten Konfliktmediators Marshall B. Rosenberg. Die Methode basiert auf einer einfachen Erkenntnis: Wer sich selbst besser verständlich macht und anderen einfühlsam begegnet, kann die meisten Konflikte entschärfen.

So bittet Erika Wunderling an diesem Morgen die Mitschüler von Dennis, ihm und seinen Sorgen ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Dennis schildert seinen Start in den Tag. Die Schüler geben Dennis wider, dass sie Wut wahrnehmen und unerfüllte Bedürfnisse. "Bestimmt willst du, dass dein Vater sieht, was du alles machst", sagt ein Jugendlicher, "dass er dich respektiert und gerecht ist". "Er soll sehen, dass du auch dein eigenes Leben haben willst", vermutet ein Mädchen.

Dennis wirkt erleichtert. Er wird ruhig, sein Ärger ebbt ab. Neugierig will er von einem Mitschüler wissen, wie dieser seine Konflikte mit seinem Vater gelöst habe - um eine friedliche Lösung für sich selbst zu finden. Erika Wunderling lächelt. "Es tut gut, wahrgenommen zu werden", sagt sie. "Und es ist wichtig, seine Bedürfnisse zu kennen: Dann kann man um deren Erfüllung bitten, anstatt auszuflippen."

Training schon für die Kleinsten

Gefühle erspüren und sie artikulieren: Das ist schwerer, als es klingt, und erfordert viel Übung. Adelheid Sieglin, Mathe- und Kunstlehrerin an der Kreuzberger Reinhardswald-Grundschule sowie ausgebildete GFK-Trainerin, will schon den Kleinsten dabei helfen. Sie bringt in den wöchentlichen Klassenrat "ihrer" Dinoklasse 1 / 2 D stets zwei Handpuppen mit: Giraffe und Wolf. Die Giraffe hat das größte Herz aller Landtiere und ist das Symboltier der GFK, die auch "Sprache des Herzens" genannt wird. Der Wolf ist ihr Herausforderer. Anders als die freundliche und offene Giraffe ist er angriffslustig und fordernd. Er weiß immer, was richtig ist und was falsch, wer Recht hat und wer nicht. Er weckt Schuldgefühle, Scham oder Angst.

Heute steht die Klassenfahrt zur Diskussion - eine große Sache für die 28 Mädchen und Jungen zwischen sechs und acht Jahren. "Was braucht ihr, damit ihr euch wohl fühlen werdet?", fragt Adelheid Sieglin. Bero (6) möchte am See Fische fangen, Béla ist neugierig darauf, mit vielen Kindern in einem Zimmer zu übernachten. "Was das wohl für ein Gefühl ist...schön soll es werden..." sinniert der Siebenjährige. Adelheid Sieglin versucht, mit den Kindern die Empfindungen und Bedürfnisse näher zu ergründen. Der Wolf reißt sein Maul auf und sagt: "He, du Idiot..." "Ist das nett?", fragt die Lehrerin in die Runde. Die Kinder lachen, rufen: "Nee..." Da kommt die Giraffe. "Willst du, dass du dich geborgen fühlst, dass du getröstet wirst, wenn es mal Knatsch gibt?" Béla nickt. "Ja, Verständnis soll es geben!" Vincent wünscht sich, dass er immer mitspielen darf, Linda und Lani wollen kuscheln, wenn ihnen danach ist. Am Ende der Klassenstunde haben viele Kinder ihre Gefühle gespürt und erklärt - und einen Freund oder eine Freundin benannt, zu dem oder der sie gehen würden, wenn es Kummer gibt.

Auch das Lernen fällt leichter

"Mit GFK lernen die Kinder, sich offen zu äußern", schwärmt Adelheid Sieglin. "Dadurch kann ich individueller auf sie eingehen und sie können besser lernen." Erika Wunderling von der Loschmidt-Oberschule beobachtet "weniger Stress und Konflikte im Schulalltag".

Die Arbeit von Carola Neek, die GFK an der Sankt-Franziskus-Schule in Schöneberg praktiziert, hat bis in die Elternhäuser Wellen geschlagen: Seit 2003 gibt die Lehrerin einer 4. Klasse auch Elternkurse in GFK - "weil die Mütter und Väter neugierig wurden, warum ihre Kinder plötzlich ganz anders reden und zuhören."

Dass ein einfühlsames Miteinander in vielen Familien erst eingeübt werden muss, verwundert sie nicht: "Wir haben doch alle gelernt, dass es darum geht, wer Schuld hat und wer Recht", sagt sie. "GFK hat dagegen zum Ziel, dass alle miteinander klarkommen und zufrieden sind." Zwar dauere es manchmal länger, zu einer Lösung zu kommen, als wenn einer machtvoll mit der Faust auf den Tisch haue. "Aber das Ergebnis ist dafür befriedigender." Dabei könne ein Einzelner viel erreichen. Carola Neek: "Wenn nur einer das Spiel 'Wer hat Recht' durchbricht, ändern sich eingefahrene Muster."

* Name geändert