Farbwahl

Rosa - Schrecklich schöne Mädchenwelt

Kleine Kinder lieben kitschige Farben. Das ist kein Naturgesetz, aber normal – und doch für Eltern immer wieder kaum zu fassen. Aus einem rosafarbenen Rock, wird ein rosafarbener Kleiderschrank und daraus ein ganzes Zimmer in Rosa. Lillifee ersetzt heute Pippi Langstrumpf. Doch sie wird auch irgendwann wieder verbannt.

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Charlotte entschied im Alter von drei Jahren, sich künftig alleine anzuziehen. Genauer gesagt: künftig alleine zu entscheiden, was sie anziehen würde. Seitdem ist der Prozess jeden Morgen aufs Neue kompliziert: dieser Rock, aber nicht jene Strumpfhose, dieses T-Shirt, aber auf keinen Fall jene Jacke. Dann alles wieder auf Anfang: mit diesem Unterhemd doch nicht das T-Shirt, der Rock kommt wegen des Hemdenwechsels nicht mehr in Frage, vielleicht überhaupt lieber das neue Kleid mit Leggings.

Was es schwierig macht, Charlotte zu folgen, ist der Umstand, dass alles in ihrem Kleiderschrank wunderbar zusammen zu passen scheint. Aus Erwachsenenperspektive jedenfalls. Denn praktisch alles ist – rosa. Mal heller, mal dunkler, sanftes Babyrosa koexistiert mit kreischendem Pink, es gibt auch Stücke mit bonbonfarbenen Streifen oder Glitzer-Applikationen.

Der Grundton aber ist immer rosa. So wie Charlottes Bettzeug hellrosa ist, der Teppich pink, Ton in Ton mit den Vorhängen und der Raufasertapete. Charlotte hat diese Raumgestaltung als Fünfjährige durchgesetzt. Ohne jegliche Kompromissbereitschaft. In rosa Fragen gibt es die nicht.

Für Jungs undenkbar

„Charlotte, würdest du Sachen von Paul anziehen?“

„Neiiin!“, schreit Charlotte. Ihr Bruder Paul trägt Blau und Grün und Braun, und alles, wie man es ihm hinlegt. Das Kleiderthema interessiert ihn nicht.

„Gibt es bei dir im Kindergarten Jungen, die rosa Sachen anhaben?“

„Neiiin!“, schreit Charlotte wieder.

„Würdest du das blöd finden?“

„Nein“, sagt Charlotte empört und ergänzt: „Lustig.“

Die Welt von Charlotte und ihren Freundinnen ist rosa. So wie die Welt vieler kleiner Mädchen und ihrer Freundinnen landauf landab rosa ist. Weil sie es so wollen. Egal, ob sie Mütter haben, die darüber in Verzückung geraten, oder Eltern, die nicht fassen können, dass auch ihre Tochter in den rosa Sog geraten ist. Bei Jungen erledigt sich die Sache früher. Zwar mögen auch sie in ihren ersten Lebensjahren diese Farbe, aber spätestens im Kindergarten lassen sie ab, wenn ihnen daran liegt, als Jungen ernst genommen zu werden. So wie umgekehrt bei den Mädchen im Kindergarten der Rausch erst richtig losgeht.

Die Verknüpfung von Farbe und Geschlecht hat sich uns derart eingeprägt, dass es irritierend wirkt, wenn ein weibliches Baby himmelblau oder ein männliches rosa angezogen ist. Als bestünde für das Kind durch Strampler in falscher Farbe die Gefahr, in Verwirrung zu geraten, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Tatsächlich ist diese spezielle Verbindung noch sehr jung. Die Psychologin und Bestsellerautorin Eva Heller hat erforscht, dass sich die blaue Ausstattung für Jungen erst nach dem ersten Weltkrieg etablierte. Blau als Farbe der Marine und der Arbeitskleidung galt nun als besonders männlich, entsprechend bekamen die Männer in spe hellblau verpasst. Für die kleinen Mädchen blieb zur praktischen Unterscheidung rosa.

Eine Prinzessin als Identifikationsfigur

In unserer kulturellen Wahrnehmung ist Rosa eine Farbe, die mit Lieblichkeit assoziiert wird, mit Sanftheit, Romantik, Gemütlichkeit. Und mit Kitsch. Vor 30 Jahren noch war das weit weniger ironisch zitierfähig als heute, Kitsch war kein kalkulierter Stilbruch, sondern bloß geschmacklos. Vielleicht auch deshalb pflegten die Mütter der rosa Mädchen von heute selbst als Kinder kein inniges Verhältnis zum Rosa. Sie trugen bunt. Und sie mochten ein Mädchen, das es ebenso hielt: Pippi Langstrumpf. Wer konnte da schon ahnen, dass der renitenten Halbwaisen mit burschikosem Auftreten und feuerrotem Haar eine Generation später eine niedliche, goldlockige Prinzessin namens Lillifee als Identifikationsfigur folgen würde?

Nun war die Farbe ja längst da, als vor fünf Jahren das erste Lillifee-Buch auf den Markt kam. Aber Rosa zum prägenden Merkmal eines Mädchenbuches zu machen, sei „in der Kinderwelt bahnbrechend“ gewesen, sagt Tomas Rensing, Sprecher des Lillifee-Verlags Coppenrath. Clever war auch, aus dem anfangs noch kleinen Beiprogramm (Klebetatoos, Sticker, Armreife), angetrieben vom frappierenden Erfolg der Prinzessin, in Windeseile eine riesige Merchandisingwelt zu entwickeln. Weitaus präsenter als in Buchecken ist Lillifees hellrosa Kosmos inzwischen in Kaufhausabteilungen für Kinderbekleidung, Spielzeug, Schulbedarf.

Mit Stella kommt gelb-orange

Lillifees Welt, erklärt der Pädagoge und Buchautor Wolfgang Bergmann, sei eine „Sehnsuchtswelt, nicht mal eine heile Welt, aber eine tröstende“, sie vermittele den Mädchen „Geborgenheit“ und eine Prinzessin als Vorbild. Für Jungen taugt dieses Modell nicht. „Mädchen und Jungen sind nun mal unterschiedlich“, sagt Bergmann. Hingegen erfasst der Traum von rosa Kleidchen, Krönchen, Bettbezügen jeden Mädchentyp, ätherische Ballerinen ebenso wie vergnügte Rabauken. Und es macht wenig Sinn, ihn unterdrücken zu wollen. In den Mädchenbünden der Kindergärten setzt sich die Kombination aus rosa Sehnsüchten und cleverem Marketing doch durch.

„Charlotte, welches ist Deine Lieblingsfarbe?“

Inmitten ihrer rosa Welt, umgeben von Barbies in rosa, flankiert von einem rosa Schloss samt rosa Königin sowie dem rosa Ranzen, mit dem sie demnächst eingeschult wird, denkt Charlotte kurz nach und sagt dann: „Gelb und orange.“

„Aber Charlotte, alle deine Sachen sind rosa!“

„Ja, aber meine Lieblingsfarben sind gelb und orange.“

„Und warum?“

„Na, wegen Stella.“

Stella, eine barbie-ähnliche Feenfigur, aus der Zeichentrickreihe Winx Club, trägt bevorzugt gelb und orange. Wenn Stellas Feenclique über Mädchen im Vorschulalter hereinbricht, entsteht eine weitere bonbonfarbene Parallelwelt.

„Charlotte, dein neuer Ranzen ist auch rosa.“

„Ja.“

„Warum hast du dir keinen gelben oder orangefarbenen ausgesucht?“

„Wieso?“

„Weil das jetzt Deine Lieblingsfarben sind, hast du gerade gesagt.“

Charlotte denkt wieder nach: „Ja. Oder ich hätte auch einen blauen nehmen können.“

So unbeschwert farbenfrohe Überlegungen deuten es an: Rosa ist zwar eine hartnäckige Phase, aber doch nur eine Phase. Im zweiten, dritten Grundschuljahr geht sie meist vorbei. Eventuelle elterliche Freude darüber bleibt allerdings nicht ungetrübt: Wenn auf einmal der rosa Ranzen gar nicht mehr geht, der pinkfarbene Teppich ätzend, die komplette Kinderzimmereinrichtung „baby“ ist – das kostet.