Interview

iPhone statt Schulbuch

Beim Internetkongress re:publica in Berlin diskutieren seit Mittwoch die Besucher über die Zukunft der neuen Medien. Zum Schwerpunktthema Kinder wird das iPhone-Projekt vorgestellt, für das Fünftklässler ein iPhone erhielten. Seit Sommer nutzen die Kinder der Projektklasse im schweizerischen Goldau das Smartphone im Unterricht und zu Hause.

Sie können damit jederzeit und überall kostenlos surfen und telefonieren. Die Idee für das zweijährige Pilotprojekt hatte Beat Döbeli Honegger, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz. Mit dem Experten für neue Medien in der Bildung sprach Maria Gerber.

Berliner Morgenpost: Die Fünftklässler haben jederzeit das iPhone zur Verfügung. Wie nutzen sie es?

Beat Döbeli Honegger: Im Unterricht hat der Lehrer beispielsweise das Thema Mittelalter mit einem iPhone-Spiel eingeführt, so haben sich die Kinder dem Leben im Mittelalter spielerisch angenähert. Auch Kopfrechnen üben die Kinder mit einem Spiel auf ihrem iPhone. Sie sammeln beim richtigen Ergebnis Punkte, und das motiviert sie.

Berliner Morgenpost: Was bezwecken Sie mit dem Projekt?

Beat Döbeli Honegger: Viele Schulen ignorieren die didaktischen Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn alle Kinder einen Fotoapparat, ein Sprachlabor, eine Weltkarte, ein Diktiergerät und vieles mehr in der Hosentasche haben. Und sie verpassen die Möglichkeit, Fragen von Sucht und Missbrauch zu thematisieren und eine sinnvolle Nutzung aufzuzeigen.

Berliner Morgenpost: Warum haben Sie gerade mit einer fünften Klasse das Projekt gestartet?

Beat Döbeli Honegger: Statistiken zeigen, dass Kinder in diesem Alter ihr erstes Handy bekommen. Die Schule hat also die Möglichkeit, das Image des Handys zu prägen. Außerdem vertrauen die Kinder in diesem Alter noch ihrem Lehrer und haben selten Geheimnisse. Sie würden dem Lehrer sagen, wenn ein Klassenkamerad auf Seiten surft, die verboten sind.

Berliner Morgenpost: Gibt es Regeln, wie die Kinder ihr iPhone nutzen dürfen?

Beat Döbeli Honegger: Es war immer klar, dass die Schüler ihr iPhone erst mit nach Hause nehmen dürfen, nachdem wir in einem Vertrag die Nutzung geklärt haben. Wir sammelten Ideen für Regeln und diskutierten sie in Arbeitsgruppen. Es kam ein Vertrag mit 30 Regeln dabei heraus, wie etwa: "Im Internet gebe ich mich nirgends älter aus, als ich bin." Oder: "Ich beginne E-Mails mit der Anrede und beende sie mit einem Gruß und schreibe anständig."

Berliner Morgenpost: Haben Kinder gegen die Regeln verstoßen?

Beat Döbeli Honegger: Nein, bisher nicht. Im Vertrag haben wir abgemacht, dass die Schüler nichts löschen dürfen und es den Lehrern und Eltern erlaubt, den Browser-Verlauf zu kontrollieren. Erfahrungsgemäß interessieren sich Kinder frühestens ab der 6. Klasse für Gewaltvideos oder Pornos, vor allem die Jungen. Wir werden sehen, wie es sich im nächsten Schuljahr entwickelt.

Berliner Morgenpost: Wie haben die Schüler in ihrer Freizeit das iPhone genutzt?

Beat Döbeli Honegger: Sehr unterschiedlich. Manche haben es gar nicht genutzt, andere waren oft im Internet. Viel telefoniert haben die wenigsten, im Durchschnitt nur 20 Minuten pro Monat.

Berliner Morgenpost: Wie haben die Eltern auf das Projekt reagiert?

Beat Döbeli Honegger: 80 Prozent der Eltern waren sofort mit dem Projekt einverstanden. Nach einer Einführungsveranstaltung haben dann alle Eltern dem Projekt zugestimmt. Von Anfang an war klar, dass keine Kosten entstehen, weder für das Gerät noch für die Verbindungen.

Berliner Morgenpost: Gibt es Kinder in der Klasse, die schon iPhone-süchtig sind?

Beat Döbeli Honegger: Zwei Kinder verbringen sehr viel Zeit im Internet und haben zum Beispiel ständig das Mittelalter-Spiel gespielt. Dem Lehrer ging es da ähnlich, und so hat er es im Unterricht angesprochen. Er hat gesagt: Wir haben gemerkt, dass uns das Spiel süchtig macht, also was können wir tun?

Berliner Morgenpost: Abgesehen vom iPhone-Projekt - wie sollten Eltern ihr Kind an das Internet heranführen?

Beat Döbeli Honegger: Mein wichtigster Ratschlag lautet: begleiten. Wenn sich Eltern dafür interessieren, was ihr Kind macht, dann wissen sie auch, auf welchen Seiten es surft und wie oft.

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