Die ersten Kinderschuhe

Ein großer Schritt

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Anette von Nayhauß

Ein bisschen überrascht ist Tilda schon, als ihre Füße plötzlich in diesen merkwürdigen dunkelrosa Dingern stecken. Aber Tilda ist ein ausnehmend freundliches Kind und deshalb nimmt sie auch den ersten Schuh hin wie die meisten Dinge in ihrem Leben: mit einem fröhlichen Lachen.

Mutter Linda Tidwell lacht ebenfalls. Amüsiert, weil Tilda so überrascht guckt, erleichtert, dass sie nicht weint, und ein klein wenig gerührt. Das erste Paar Schuhe - das ist für die Eltern ein großer Schritt.

"Das Kind verändert sich: Es wird vom Baby zum Kleinkind", sagt Barbara Thoms. In ihrer "Schuhschaukel" in der Neufertstraße am Klausenerplatz hat sie schon Tausende erste Schuhe verkauft. Seit 1985 berät sie hier Eltern, deren Kinder anfangen, auf eigenen Füßen zu stehen - und zu gehen. Erst dann brauchen Kinder Schuhe, um draußen in Nässe und Schmutz herumlaufen zu können. Und auch wirklich nur dann - zumindest, wenn es nach Holger Mellerowicz geht. Der Leiter der Kinderorthopädie am Helios-Klinikum Emil von Behring sagt entschieden: "Am besten tragen Kinder gar keine Schuhe." Nur zum Schutz vor Kälte, Verletzungen und Schmutz würden sie gebraucht, ansonsten sollten Kinder so oft wie möglich barfuß laufen. "Schuhe sind sogar gefährlich, weil sie Füßen eine Form geben", erklärt der Mediziner. Eine indische Langzeitstudie habe gezeigt, dass Kinder, die ohne Schuhe aufwachsen, später die gesündesten Füße hätten. Barfußlaufen sei außerdem wichtig für die Sensomotorik: "Nur wenn der Fuß spürt, ob er über harten, geraden Boden, über unregelmäßig geformte Kieselsteine oder über weiches Moos läuft, kann sich das Gewölbe entsprechend anpassen", sagt der Kinderorthopäde. Er empfiehlt, den Fuß nackt zu lassen - oder ihm Stoppersocken überzustülpen.

Einkauf mit der ganzen Familie

Bisher ist Tilda ohne Schuhe gut zurecht gekommen. Aber jetzt lernt sie laufen - und braucht Schutz vor allem, was auf Berlins Bürgersteigen herumliegt. Deshalb bekommt sie ihr erstes Paar Schuhe.

In vielen Familien wird dieser Moment heute so wichtig genommen, dass Mutter und Vater zusammen einkaufen gehen. Manchmal kommt auch die Großmutter mit. Ganz so aufregend ist dieser Tag für Familie Tidwell nicht. Schließlich hat Mutter Linda schon zwei erste Paare gekauft, für ihre beiden großen Jungs, vier und elf Jahre alt sind sie inzwischen. Neben ihr spricht eine andere Kundin über die Vorteile von Frühlingsschuhen gegenüber Winterstiefeln ("weichere Sohlen"). Da ist Linda Tidwell fast ein bisschen erstaunt: "Über solche Dinge macht man sich beim dritten Kind wirklich keine Gedanken mehr", sagt die 40-Jährige. Aber dass Tilda einfach die ersten Schuhe ihrer großen Brüder aufträgt, das kam auch nicht in Frage. "Nein!", sagt Linda Tidwell entrüstet: "Das hätte ich doch sehr komisch gefunden."

Drei rote und je zwei rosa- und lilafarbene Schuhe in Größe 21 hat Barbara Thoms aus dem Regal genommen, nachdem sie Tildas Fuß vermessen hat. Dazu zwei braune und einen schwarzen, aber die guckt Linda Tidwell nicht einmal an. Schließlich ist Tilda nach den beiden Jungs das erste Mädchen, "da kann ich mich endlich mal richtig austoben", sagt sie und lacht.

Tilda greift nach dem Modell in zartem Lila - und wirft es auf den Boden. Mit 13 Monaten ist das einfach viel lustiger als Schuhe auszusuchen. "Beim ersten Schuh entscheiden die Eltern", sagt Barbara Thoms. "Das ändert sich aber schon bald." So wie bei dem Zweijährigen neben Mutter und Tochter Tidwell, der den von seiner Mama ausgewählten Schuh entschlossen zurückweist: "Der lauft nicht gut!"

Tildas Schuh aber offenbar schon. Ganz zufrieden wandert sie damit vor dem Schuhregal hin und her und räumt noch ein paar Exemplare auf den Boden, in Größe 25, 26 allerdings, die liegen in der richtigen Höhe. Tilda braucht erst Größe 21 und ihr Fuß ist "mittel bis breit", das hat Barbara Thoms mit der kleinen weißen Messlatte in Fußform geprüft. Viele Schuhhersteller arbeiten mit dem WMS-System (weit, mittel, schmal) und bieten unterschiedlich weite Schuhe an. Die roten Schnürsenkelschuhe guckt sich Linda Tidwell genauer an, eines der lilafarbenen Modelle kommt kurzzeitig in die engere Wahl - am Ende entscheidet sie sich für einen zarten Brombeerton.

Ob das Modell wirklich passt, ist beim Kleinkind schwerer in Erfahrung zu bringen als bei einem Dreijährigen. Einen Anhaltspunkt gebe die Einlegesohle, sagt Barbara Thoms: Wird der Fuß auf die herausgenommene Sohle gestellt, lässt sich sehen, wie viel Platz er vorn hat. Wie weit der Schuh ist und ob er hinten gut sitzt, ertastet Barbara Thoms: "Da kommt die Erfahrung dazu", sagt sie.

Das erste Paar Schuhe kaufen viele Eltern im Kinderschuhladen, weil sie sicher gehen wollen, dass es perfekt passt. Aber auch bei größeren Kindern sind gut sitzende Schuhe wichtig, betont Orthopäde Holger Mellerowicz. "Die meisten Schuhe sind zu klein", warnt er. Nach vorn brauche der Fuß eine Größenreserve von eineinhalb Zentimetern. Und: "Der Schuh muss nicht nur in der Länge passen, sondern auch in der Weite und im Spann. Der Rückfuß muss fest im Schuh sitzen, der Vorfuß hingegen soll sich bewegen." Das kann er meist nur ein paar Monate lang, dann passen Fuß und Schuh nicht mehr zusammen. Das erste Paar sei nach drei bis vier Monaten zu klein, sagt Barbara Thoms.

Das ist oft der Moment, in dem Eltern sich fragen, ob Kinderschuhe eigentlich wirklich so teuer sein müssen. Zwischen 40 und 90 Euro zahlen sie in der "Schuhschaukel" für das erste Paar. "Die Herstellung eines guten Kinderschuhs kostet genau so viel wie die eines Schuhs für Erwachsene", erklärt Barbara Thoms. Trotzdem denken beim zweiten oder dritten Paar viele Eltern darüber nach, ob das Kind vielleicht die Schuhe der großen Geschwister auftragen kann.

Nicht auf Zuwachs kaufen

Holger Mellerowicz rät ab: "Gebrauchte Schuhe sind nicht empfehlenswert, weil sie oft nicht mehr stabil sind und der Fuß nach innen oder außen verkippt." Einfach auf Zuwachs zu kaufen, sei auch problematisch, weil der Fuß dann hin- und herrutsche, "dann gibt es Blasen".

Die Eltern müssen regelmäßig kontrollieren, wie lange der nächste Besuch im Schuhgeschäft aufgeschoben werden kann. Darum macht sich Linda Tidwell heute noch keine Gedanken. Tilda schon gar nicht. Sie posiert routiniert für das Foto, mit dem Barbara Thoms den ersten Schuhkauf für die Eltern dokumentiert. Dann geht's ab nach Hause. Diesmal noch im Kinderwagen. Die brombeerfarbenen Schuhe in der Papiertüte wird Linda Tidwell in ein paar Monaten in die Erinnerungskiste legen - neben die beiden Paare der großen Brüder.