Stammzellen

Die Hoffnung aus der Nabelschnur

Vor wenigen Sekunden kam Fanny auf die Welt. Noch verbindet die Nabelschnur die Neugeborene mit ihrer Mutter Tanja Fischer (38). Die Hebamme entnimmt der Nabelschnur Blut, das in einen Plastikbeutel fließt. Vor dem Kreißsaal des Virchow-Klinikums der Charité in Wedding wartet bereits ein Kurier, der mit dem Plastikbeutel sofort nach Leipzig fährt.

Dort wird das Blut bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei aufbereitet und bei minus 196 Grad eingefroren.

Fannys Eltern haben sich für eine Spende des Nabelschnurblutes entschieden. Das Blut ist reich an Stammzellen und kann, genau wie Knochenmark, anderen Menschen das Leben retten. Die Zellen aus gespendetem Nabelschnurblut werden seit mehr als 15 Jahren sehr erfolgreich transplantiert und können bei rund 70 Erkrankungen wie Leukämie, Stoffwechselerkrankungen oder genetischen Defekten eingesetzt werden.

"Nabelschnurblut ist besonders geeignet für die Transplantation, weil die darin enthaltenen Stammzellen noch nicht völlig ausgereift sind", sagt Gesine Kögler, Professorin und Leiterin der Düsseldorfer Stammzellbank. "Dadurch kann bei einer Transplantation die Ausprägung einer Abstoßungsreaktion geringer sein als bei der Transplantation von später gewonnenen Stammzellen wie aus Knochenmark." Bei einer Transplantation mit Nabelschnurblut müssten nicht alle Gewebemerkmale zwischen Spender und Empfänger übereinstimmen. Die Stammzellbank des Düsseldorfer Universitätsklinikums konnte in den vergangenen Jahren 675 Transplantate weltweit erfolgreich vermitteln.

Viele Eltern sind verunsichert

"Als ich mit Fanny schwanger war, hat mich eine Freundin angesprochen und mir von der Spende erzählt" sagt Tanja Fischer, die mit ihrer Familie in Potsdam lebt. "Bei meiner ersten Tochter Nelly hatte ich mich gegen die Aufbewahrung des Bluts entschieden, weil ich da noch nicht wusste, dass man es spenden kann." Zusammen mit ihrem Mann Axel hatte sie überlegt, dass Blut für das eigene Kind einfrieren zu lassen. Die 38-Jährige ist aber selbst Ärztin und weiß, dass "der Nutzen fürs eigene Kind bis jetzt wissenschaftlich nicht erwiesen ist". Bei ihrem ersten Kind entsorgte die Hebamme die Nabelschnur. Das geschieht bei 95 Prozent der Geburten.

"Wir haben uns für eine Nabelschnurblutspende entschieden, weil es in diesem Fall so einfach, ist etwas Gutes zu tun: Es kostet nichts und tut nicht weh" sagt Tanja Fischer. Dabei schaut sie stolz ihre Tochter an, die sie auf dem Arm hält. "Du bist noch so winzig, aber könntest schon Leben retten."

Tanja Fischer hat bei Joachim Dudenhausen entbunden. Der Professor ist Leiter der Geburtsmedizin der Charité, er hat mit einem Fragebogen herausgefunden, warum bei der Mehrzahl der Geburten das Nabelschnurblut nicht aufgefangen wird: "Die Eltern wissen beeindruckend wenig darüber, und die unterschiedlichen Informationen verwirren sie", sagt er.

Statt einer Spende gibt es auch die Möglichkeit, das Nabelschnurblut für das eigene Kind einzulagern - als biologische Lebensversicherung. Verschiedene Firmen bieten eine jahrzehntelange Aufbewahrung an und versprechen den Eltern - im Falle einer schweren Erkrankung des Kindes - die Heilung mit Hilfe des eingefrorenen Blutes. Die Unternehmen werben damit, dass diese Stammzellen vielleicht einmal dabei helfen könnten, ihr Kind von Krebs oder Diabetes zu heilen.

Die Einlagerung kostet 2000 Euro

Ein Versprechen, das die Firmen vielleicht nicht halten können, denn die Forschung ist noch nicht soweit. Trotzdem lassen Millionen Mütter weltweit das Nabelschnurblut für ihren Nachwuchs einfrieren. In Deutschland kostet zum Beispiel die Einlagerung beim Leipziger Unternehmen Vita 34 knapp 2000 Euro - plus eine jährliche Gebühr von 30 Euro. Mittlerweile schlummern dort rund 66 000 Konserven im Kälteschlaf.

"Ich kann gut nachvollziehen, dass sich viele Eltern dafür entscheiden, denn ich bin selbst Vater, und man will für seine Kinder alle Möglichkeiten ausschöpfen", sagt Joachim Dudenhausen. "Aber die Begründung für eine Einlagerung des eigenen Nabelschnurbluts sind so hypothetisch und futuristisch. Da investieren Eltern in eine sehr ferne Zukunft."

Inzwischen gibt es jedoch auch allererste Berichte über Anwendungsgebiete von Stammzellen des eigenen Nabelschnurbluts. Acht Kleinkinder mit dem Diabetes vom Typ 1 wurden von Ärzten in Florida mit eigenem Nabelschnurblut behandelt. Die Kinder brauchten anschließend weiter Insulin, die Dosis konnte jedoch geringfügig reduziert werden. Diabetes vom Typ 1 ist allerdings eine sehr seltene Erkrankung. Auch bei Kindern mit einem angeborenen Herzfehler könnten Stammzellen aus eigenem Nabelschnurblut helfen. "Bei zahlreichen Tierversuchen war eine Herzteiltransplantation erfolgreich, aber ich kann niemandem garantieren, dass in zehn oder 20 Jahren oder überhaupt irgendwann aus Stammzellen eine Herzklappe gezüchtet werden kann, um diese einem Kind zu transplantieren", sagt Christof Stamm, Arzt am Deutschen Herzzentrum in Berlin.

Tanja Fischer bereut es nicht, dass sie das Nabelschnurblut gespendet hat. "Seit der Geburt von Fanny weiß ich, wie schnell und schmerzlos diese Spende ist. Kaum war Fanny auf der Welt, legte sie mir der Arzt auf die Brust. Ich habe gar nicht richtig mitbekommen, wie das Blut entnommen wurde. Mittlerweile habe ich zehn schwangere Frauen von einer Spende überzeugt" sagt die zweifache Mutter.

Soll man das Nabelschnurblut nun für den Fall, dass das eigene Kind die Stammzellen wegen einer schweren Erkrankung einmal gebrauchen könnte, kostenpflichtig aufbewahren? Oder ist dieser Fall so unwahrscheinlich, dass man sie besser einer Nabelschnurbank zur Verfügung stellt? Joachim Dudenhausen überlegt länger. Schließlich sagt er: "Wenn ich meiner schwangeren Tochter einen Rat geben sollte, dann würde ich ihr empfehlen, dass Nabelschnurblut zu spenden."

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