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Model mit 91: Oma Cool aus Wilmersdorf

Elisabeth Böttner steht im Supermarkt an der Kasse. Die Frau vor ihr mustert sie eingehend. "Sie kenne ich doch von irgendwo her", sagt sie schließlich. Elisabeth Böttner lächelt, das hört sie nicht zum ersten Mal. "Wahrscheinlich aus der Werbung", sagt sie dann. Die 91-Jährige ist nämlich ein gut gebuchtes Fotomodell. Was im ersten Moment klingt wie ein Scherz, ist die Wahrheit: Die Berlinerin ist zweifache Mutter, dreifache Oma, zweifache Uroma und ein begehrtes Seniorenmannequin.

Es hingen schon Werbeplakate der Sparkasse mit ihrem Konterfei - in zehnfacher Lebensgröße - in ganz Berlin. Sie spielte in diversen Werbespots mit und wird auch gern von Studenten der Filmakademie Potsdam für Abschlussfilme gebucht. "Einmal habe ich sogar mit meinen Beinen geworben", sagt sie, hebt ihren langen schwarzen Rock ein wenig und präsentiert selbstbewusst ihre schlanken Fesseln. "Es war natürlich nichts Anstößiges, es ging um den Körper und das Altern", sagt Elisabeth Böttner und lacht.

Ob fürs Fernsehen oder die Litfaßsäule, die Reklame-Macher haben das Potenzial der Zielgruppe der Generation 60 plus längst entdeckt. So knutschen ergraute Männer und Frauen wie frisch verliebte Teenager im Auto, lassen für Cremes und Seifen schon mal sämtliche Hüllen fallen und sogar in einer Werbung für Kinder-Joghurt sieht man zurzeit einen Opa genussvoll den Becherinhalt löffeln. Anders als früher werden Senior-Models nicht mehr nur für Rentenkassen, Seh-, Gehhilfen und Medikamente gebucht, sondern für das gesamte Werbe-Spektrum.

Medienexperte Jo Gröbel beobachtet diesen Trend schon seit Jahren. "Durch den demographischen Wandel gibt es heutzutage immer mehr ältere Menschen. Und vor allen Dingen stehen sie immer länger voll im Leben, genießen ihren Ruhestand und geben dafür auch Geld aus", so Gröbel. Somit ist ihre Kaufkraft äußerst attraktiv geworden. Aber Gröbel führt auch das neue Bild der Frau in der Gesellschaft als Grund für die Entwicklung weg von makellosen Models und hin zu "echten Gesichtern" an. "Es ist heute so, dass Frauen über 40 oder 50 immer noch äußerst attraktiv sind und auf der Höhe ihres beruflichen Werdegangs stehen. Man muss nicht mehr Anfang zwanzig sein und ein perfektes Gesicht haben, um als schön zu gelten", so der Experte.

Nicola Siegel, Leiterin einer Berliner Agentur für ältere Modelle, Charaktergesichter und Familien, sieht das etwas differenzierter. "Sicher, wahre Schönheit verlangt mehr als Jugendlichkeit und ebenmäßige Gesichtszüge. Nämlich einen klaren und offenen Blick, eine zufriedene und gelassene Ausstrahlung, vor allem aber Würde. Und zu keinem dieser Attribute kann einem die plastische Chirurgie verhelfen", sagt die Agentin. Frau Böttner, das älteste Model in Siegels Kartei, besitzt nicht nur eine positive Ausdruckskraft. "Sie kann dazu erstaunlich schnell auf die Ansagen von Fotografen oder Regisseuren reagieren", sagt Siegel.

Elisabeth Böttner sieht genau so aus wie in den Werbefilmen, nur noch ein bisschen zarter vielleicht. Mit dem Laufen klappt es nicht mehr ganz so gut, sie nimmt einen Gehstock zur Hilfe. "Aber damit komme ich noch überall hervorragend hin", sagt Böttner. Sie freut sich, dass sie durch ihre Alterskarriere so viele neue Menschen kennen lernt. "Anfangs fand ich es schon manchmal befremdlich, dass sich in der Werbebranche alle sofort duzen", sagt sie. In ihrer Jugendzeit wäre noch "verehrte gnädige Frau" die richtige Anrede gewesen. "Aber jetzt nennt mich jeder schlicht Lis`."

In Böttners Wilmersdorfer Wohnung sitzt man gemütlich in altrosa Plüschsesseln, schummeriges Licht scheint unter samtbezogenen Lampenschirmen hervor. Die alte Dame serviert starken Kaffee mit Sahne. Ihre burmesische Katze Inka liegt auf dem Sofa und schnurrt genüsslich. In Böttners Wohnzimmer fühlt man sich wie in einer Art Panoptikum: Erinnerungsstücke aus 91 Jahren wechselhaften Lebens zieren die Wände. Fotos der gesamten Familie, Landkarten, Postkarten, Zeitungsausschnitte und vergilbte Schwarz-Weiß-Fotografien mit Böttner als junger Frau erzeugen zusammen ein bezauberndes Potpourri. "Mein Leben war immer sehr abwechslungsreich", kommentiert Böttner.

Sie sei als "sehr behütetes" Mädchen in Berlin aufgewachsen, studierte dann in München Deutsch und Biologie. Eigentlich wollte sie ihren Doktor machen, "aber damals entschieden eben noch die Eltern, was man macht und was nicht", sagt Böttner rückblickend. Mit 24 Jahren fand sie sich als Grundschullehrerin in einem bayerischen Dorf wieder. 1945 heiratete sie und im selben Jahr kam Tochter Renate zur Welt, 1948 folgte Sohn Ulrich.

Nach dem Krieg zog die Familie zurück nach Berlin, Elisabeth Böttner arbeitete in der Druckerei der Schwiegereltern. Ihr Mann Heinz verliebte sich in eine andere Frau, die Scheidung folgte und Böttner entschied sich, wieder als Lehrerin zu arbeiten. "Mit einundfünfzig Jahren bekam ich eine Anstellung an der privaten Kantschule in Steglitz und unterrichtete dort bis zu meiner Rente."

Doch damit wurde es keineswegs ruhiger in ihrem Leben. Sie unterstützte ihre Enkeltochter bei der Betreuung ihrer Kinder, hantierte als 80-Jährige wieder mit Pampers und Lego-Bausteinen, wurde Expertin für Barbie, Carrera-Bahn und Play-Station.

Die beiden Urenkel Justice (14) und Janet (11) kommen regelmäßig in die Wilmersdorfer Wohnung. Und bei einer Sache sind sie sich auch vollkommen einig: "Unsere Ur-Oma, die ist echt cool."

Das Geld, das Elisabeth Böttner für ihre Jobs vor der Kamera bekommt, gibt sie meistens an die beiden weiter. "Oder", sagt Elisabeth Böttner und lacht, "ich kaufe ihnen gleich das, was sie sich wünschen."

"Einmal habe ich sogar schon mit meinen Beinen geworben"

Elisabeth Böttner, Model

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