Die letzten Singles

Allein unter Ehepaaren

Von einem gewissen Alter an steht der Begriff "weiblicher Single" als ein Synonym für "biologisches Desaster". Nur wähnte ich mich von diesem Zeitpunkt noch weit entfernt - bis ich ein Wochenende mit meinen engsten Studienfreunden verbrachte.

Einige von ihnen lassen es mit ihren Partnern seit geraumer Zeit ernster angehen. Das hieß bisher, dass sie nicht mehr gemeinsam in eine Fünfer-WG zogen, sondern zu zweit in eine eigene Wohnung. Doch an jenem Wochenende verkündeten nicht nur zwei Paare ihren Hochzeitstermin, es fielen auch mit beunruhigender Häufigkeit Begriffe wie "Festanstellung", "Babyname" und "Couchgarnitur". Seitdem frage ich mich, wie es so weit kommen konnte.

Vor zwei Jahren feierten wir unsere erste Hochzeit im Freundeskreis. Vanessa, unsere Radikalfeministin, hatte im Auslandsjahr in Brasilien Eduardo kennengelernt. Sie beschlossen, dass eine transatlantische Long-Distance-Kiste keine Zukunft hat, und bestellten uns daher zur Eheschließung. Als Vanessa über den Worten des Standesbeamten Tränen der Rührung vergoss, wurde mir bewusst, wie weit sich der Feminismus von heute von den BH-Verbrennerinnen entfernt hat. Denn Verfechterin der Emanzipation ist Vanessa nach wie vor. "Du glaubst nicht, was sie alles für minderwertigen Plastik in die Dildos mischen", sagte sie neulich beim gemeinsamen Sonntagsbrunch. "Für so etwas gibt es natürlich keine EU-Richtlinien, denn die machen nach wie vor meistens Männer." Um zu verhindern, dass sich Europas Frauen mit ihrem Sexspielzeug vergiften, will sie einen Öko-Sexshop für weibliches Publikum aufmachen - sobald ihr der Job als jüngste Abteilungsleiterin in einer aufstrebenden Marketingfirma zu langweilig wird.

Mein Single-Dasein ist für sie natürlich auch überhaupt kein Problem - während ich mich frage, seit wann Dates eigentlich zum Anti-Minen-Training mutiert sind. Die Dating-Kultur in Berlin ist ja eigentlich relativ entspannt. Wer mehr als nur Sex will, kann sich zumindest gratulieren, dass er nicht in New York lebt. Dort - so sagt meine US-amerikanische Freundin Lynn, die es als Schriftstellerin in Berlin versucht - sind weder regelmäßiger Beischlaf noch Wochenendurlaube oder ein gemeinsamer Freundeskreis das Indiz für eine feste Beziehung, sondern einzig und allein der Satz: "I'm not seeing anyone else at the moment. Do you?" Wenn man daraufhin verneint, man würde aktuell auch niemand anderen daten (und in der mentalen Agenda vermerkt, möglichst schnell die zwei anderen Teilzeit-Liebhaber abzuservieren), ist diese Aussage von der Entwicklung der Beziehungsebene her ungefähr mit einem europäischen Heiratsantrag zu vergleichen. So bindungsunfähig ist das Berliner Publikum im Durchschnitt nicht.

Dennoch: Wann hat es angefangen, dass Männer, je nach Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit ihres Interesses, beim ersten Kaffee oder auch post-koital den Satz fallen lassen: "Weißt du, diese Armbanduhr ist noch von meiner Ex", um nach einer kurzen, verlegenen Pause hinzuzufügen: "Frau." Ich bin nicht gewöhnt an dieses Kaliber. Ich habe gerade erst akzeptiert, dass potenzielle Langzeit-Lebensgefährten bereits die "erste große Liebe meines Lebens mit gemeinsamer Wohnung, und die Katze sitten wir noch abwechselnd"-Episode hinter sich haben. Ich bin noch nicht bereit für die "Ex-Frau"- und "wie übrigens meine Tochter immer zu sagen pflegt"-Ära.

Erster Blick auf den Ringfinger

Ich habe vor wenigen Jahren noch über den Finger-Check gelacht. (Frauen, die älter als 25 Jahre sind, lügen, wenn sie sagen, sie schauen Männern zuerst auf den Hintern. Sie schauen zuerst auf die rechte Hand, um herauszufinden, ob er verheiratet ist.) Mittlerweile gerate ich in Versuchung, seinen Geldbeutel nach Fotos vom Nachwuchs zu untersuchen, wenn er gerade auf dem Klo ist.

Das Problem von heutigen weiblichen Singles ist, dass ihnen die Ausreden ausgehen. Unsere Mütter, die erste Generation der radikalfeministischen Karrierefrauen, hatten es mit kompromisslosen Bindungsphobikern zu zun. Diese Sorte Mann will, sobald die 30 passiert ist, entweder nur noch Anfang-Zwanziger-Betthäschen oder die kochende Mutti, und da das beides verständlicherweise nicht in Ordnung ging, hatten unsere Mütter die perfekte Entschuldigung, um bis mindestens Mitte 30 gemeinsam mit ihren Single-Freundinnen um die Häuser zu ziehen.

Ich dagegen gehöre mit 27 Jahren zu einer Generation, die alles hat. Schließlich ist heute jeder halbwegs sensible Mann gerne bereit, seine Vätermonate abzuleisten, und versteht, dass Hausarbeit geteilt (oder extern bezahlt) werden muss, wenn beide arbeiten. "Im Job super-viel zu tun, dafür toller Freundeskreis" zieht als Ausrede für das Single-Dasein nicht mehr. Schließlich haben auch verheiratete Paare heute nicht nur niedlichen Nachwuchs, der bereits mit fünf Jahren zwei Sprachen spricht, sondern dazu auch noch einen tollen Freundeskreis und fantastische Jobs und jede Menge Sex. Oder?

Besuch bei frisch Verheirateten

Vielleicht bleibt es aber auch immer ein bisschen so wie neulich, als ich meine gute Freundin Marie und ihren einjährigen Sohn besucht habe. Marie ist frisch verheiratet, hat eine nagelneue Couchgarnitur und benutzt Untersetzer für ihre Wassergläser. Ich fühle mich bei ihr wie bei meinen Eltern. Marie ist mit ihrem Mann Ben zusammengekommen, als ich meinen ersten Langzeit-Lebensgefährten kennenlernte, den ich verlassen habe, weil er keinen Sinn darin sah, sich langfristig weiter als 150 Kilometer von unserem Heimatdorf wegzubewegen. Etwas, das ich für eine dringende Notwendigkeit hielt. Doch als ich Marie mit ihrem Sohn betrachtete, dachte ich: Wenn ich in einem Radius von 150 Kilometern hätte glücklich werden können (im Endeffekt - wer braucht schon Fremdsprachen?), könnte ich jetzt auch einen Ring am Finger tragen, sieben verschiedene Sorten Pasta sortieren und einen niedlichen, properen, blonden Jungen auf meinen Knien balancieren. In diesem Moment erwidert Marie meinen Blick und seufzt: "Ich weiß, ich hätte damals doch zum Studium nach Barcelona gehen sollen."

Es tut mir leid, wenn Marie so empfindet. Denn ich gönne euch Langzeitpaaren von Herzen den Effekt, den mein Single-Dasein auf euch hat. Wenn ihr darum mal wieder die indiskrete Frage nach meinem Liebesleben quer über den voll besetzten Esstisch posaunt, werde ich nicht ausfallend. Stattdessen setze ich meinen waidwunden Blick auf, in dem Wissen, dass das auf euch wirkt wie eine kalte Winternacht auf die eigene, warme Wohnung. Ich weiß, sobald ich gegangen bin, kuschelt ihr euch aneinander und freut euch, dass ihr jetzt nicht da draußen sein müsst. Gern geschehen.

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