Benehmen

Das wundersame Liebe-Kind-Syndrom

| Lesedauer: 7 Minuten
Astrid Herbold

Meine Kinder sind wirklich reizend. Schon auf leisesten Zuruf decken sie Tische auf und ab, sortieren Legokisten ein, schalten Oberlichter aus. Sie teilen Spielzeug genauso willig wie Süßigkeiten. Sie antworten, wenn gefragt, ausführlich und eifrig.

Sie putzen unaufgefordert Zähne, waschen Hände, kämmen Haare. Sie sagen danke und bitte und könnte und dürfte ich mal. Ohne zu murren ziehen sie Rollkragenpullover an, knöpfen Jacken zu, binden Schals um. Manchmal essen sie sogar Soße mit Stückchen drin.

Nicht, dass ich das je mit eigenen Augen gesehen hätte. Ich weiß es nur vom Hörensagen. Dabei passiert es angeblich andauernd: bei den Großeltern, bei Freunden, bei Bekannten und Patentanten. Egal, wo ich sie abhole, zum Abschied wird eine Lobeshymne angestimmt.

"So lieb" seien sie wieder gewesen, schwärmt die Oma nach einem langen Enkelwochenende. "Total hilfsbereit" waren sie, berichtet der Babysitter. "Ganz entzückende Kinder" habe man, strahlt die Bekannte. Seid ihr sicher, dass wir von den gleichen Personen reden, möchte man manchmal zurückfragen. Ihr könnt doch unmöglich diesen quengelnden, stänkernden, launischen Haufen meinen, der mir gleich auf dem Heimweg mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder eine lautstarke Szene machen wird. Wegen nichts übrigens.

Kinder können, das ist eine kollektive elterliche Erkenntnis, innen einen Schalter umlegen. Von zürnendem Rachegott zu frommem Lämmchen, von Jammertal zu Sonnenschein, von sturköpfigem Querulanten zu überangepasstem Befehlsempfänger. Wobei das wandelnde Benimmbuch immer nur dann zum Vorschein kommt, wenn die eigenen Erzeuger außer Sichtweite sind.

Wir möchten so gerne glauben, dass diese erstaunlichen Manieren, mit denen unsere Kinder in fremden Haushalten glänzen, ein gutes Zeichen sind. Dass der Nachwuchs doch irgendwas aufgesogen hat aus seiner guten Kinderstube. Dass wir Eltern die entscheidenden Sozialkompetenzen vorbildlich vorgelebt haben. Sprich: Dass das alles unser Verdienst ist. Sicher sind wir uns mit dieser selbstschmeichlerischen Hypothese nicht. Vielleicht ist es auch genau anders herum: Wir sind die Versager und schuld am täglichen Zank und Streit. Und alle anderen Erwachsene haben den pädagogischen Dreh einfach besser raus.

Das Liebe-Kind-Syndrom gibt jedenfalls Rätsel auf. Warum wird in der Kita widerspruchslos aufgeräumt, zu Hause auf dem Teppich dagegen lieber eine halbe Stunde lang der sterbende Schwan gegeben? Warum ist Duschen bei Oma selbstverständlich, zu Hause eine unerträgliche, an Misshandlung grenzende Zumutung? Warum wird bei Freunden nachgegeben, Verständnis gezeigt, geteilt, während zu Hause ein einziges verschwundenes Smartie einen Geschwisterkrieg auslösen kann?

Das Lob aus fremden Mündern ist angenehm und wohltuend, noch lieber würden wir Friede, Freude, Eierkuchen öfter mal in den heimischen vier Wänden erleben. Aber so funktioniert das nicht. Zu Hause streift das Kind das Kuschelfell ab und legt das Borstenkleid an. Jetzt fangen die Antworten wieder mit "Immer muss ich...", "Nie darf ich..." an. Kommuniziert wird am liebsten in Zwei-Wort-Sätzen: kein Bock, keine Zeit, du nervst. Eloquente Dialoge sind offenbar nichts, was man wahllos an Familienmitglieder verschwendet. Vor allem, wenn sich die Verstimmung auch nonverbal ausdrücken lässt. Luft durch die Nase zu schnauben ist auch eine Ansage.

Und sollten die doofen Eltern es wagen, trotz schneidend dicker Luft auch noch auf Hausaufgaben machen, Instrumente üben, Klamotten aufheben zu beharren, ist es mal wieder Zeit für den üblichen Soundtrack. Auf Kommando, also ihr eigenes, können meine Kinder so laut schreien, dass noch die Nachbarn in der übernächsten Wohnung besorgt die Köpfe schütteln: ach herrje, das arme Ding. Dabei ist es doch so ein braves Kind. Grüßt immer, hält die Tür auf, streichelt den Dackel.

Mit innerer Anspannung und Fallenlassen habe das zu tun, hat uns mal eine erfahrene Erzieherin erklärt. Innere Anspannung, wenn man alleine woanders, Fallenlassen, wenn man wieder wohlbehalten daheim ist. Klingt logisch und richtig, aber warum ist dieses Fallenlassen immer gleichbedeutend mit Tobsuchtsanfällen und Türenknallen?

Über die Jahre haben wir wenig wirksame Gegenstrategien gefunden. Aber immerhin sind die Momente des Umschaltens berechenbarer geworden. Nach einem auswärtig verbrachten Wochenende, wenig Schlaf, viel gutem Benehmen, folgt zum Beispiel zwingend der Zickenalarm zu Hause. Fast, als müsste sich das Kind mit der entgegengesetzten Gemütsverfassung wieder ins innere Gleichgewicht bringen.

Übrigens sehen meine Kinder das alles komplett anders. Wie bitte, wir grundlos übellaunig? Gar nicht. Es verhalte sich genau anders herum: "Ihr seid doch diejenigen, die immer nur rummeckern."

Kann sein, dass da ein Körnchen Wahrheit ist. Mehrfach ertappe ich mich selbst beim social switching: Mit der Kollegin am Telefon, ich flöte, sie flötet. Aber kaum legen wir auf, werden wieder Anweisungen in Richtung Kinderzimmer geraunzt. So bin ich also zu meinen Liebsten. Also gut, partielles Mitschuldeingeständnis der Erziehungsberechtigten. Asche auf unser Haupt. Besserung wird gelobt.

Aber wo ein wunder Punkt, da ist auch das bohrende Fingerchen nicht weit. "Außerdem seid ihr zu fremden Kindern viel netter." Halt, Moment, jetzt wird's ungerecht. Was heißt hier netter? Jeder wird genau gleich behandelt. Gut, manche unserer kleinen Besucher lassen wirklich mein Herz aufgehen, so süß, so erfrischend, so liebenswürdig sind sie. Ist es da ein Wunder, dass man dem Gast gerne Kekse reicht, über den Kopf streicht und in die Stiefel hilft?

Entzauberung tut dringend not, finden meine Kinder. Bei jedem Anflug von Fremdschwärmen kriege ich seitdem eine ernüchternde Homestory serviert. Die hochgelobte Freundin etwa, die hat sich übrigens neulich "voll" mit ihrer Mutter gefetzt. Wegen einer Mütze, die aufgesetzt werden sollte. Der Disput endete damit, dass die Tochter der Mutter die Mütze hinterherwarf, worauf diese das Handy konfiszierte, was jene mit wüsten Beschimpfungen quittierte. Der Subtext der Erzählenden ist klar: Gib es zu, Mama, dagegen bin ich echt harmlos.

Ich will es nicht hören. Ich kann es nicht glauben. Zarte Wesen, die in meiner Küche mit leiser Stimme nach, "Entschuldigung", einem Glas Leitungswasser fragen, schmeißen zu Hause mit bösen Worten und wollenen Kopfbedeckungen? Andererseits - es ist auch tröstlich. Wir sind nicht die einzigen Eltern, deren Kinder ein Doppelleben führen.

Warum wird in der Kita widerspruchslos aufgeräumt, zu Hause dagegen lieber der sterbende Schwan gegeben?

Zu Hause streift das Kind das Kuschelfell ab und legt das Borstenkleid an