Oder-Hochwasser

Kanzlerin Merkel besucht das Krisengebiet

In Brandenburg wächst die Hoffnung, noch einmal glimpflich davongekommen zu sein. Im südlichen Brandenburg sind die Oder-Pegel leicht gesunken. Den Norden hat die Flutwelle mittlerweile erreicht, ohne größere Schäden anzurichten. Bundeskanzlerin Merkel machte sich nun selbst ein Bild von der Lage.

Sie trägt blaue Jeans, einen braunen Blazer, bequeme schwarze Schuhe mit wetterfesten Sohlen. Und die sind auch nötig: Bei ihrem Besuch im Hochwassergebiet watet Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) durch Wasser und springt über Pfützen. Um die Fluten der Oder sehen zu können, muss sie erst einmal klettern. Am Ufer des ehemaligen Holzmarkts der Grenzstadt Frankfurt steigt sie auf eine Aluminiumleiter der Feuerwehr, um über die silbrig glänzende Hochwasserwand einen Blick auf die Oder zu werfen. „Die Gefahr ist noch nicht vorbei“, sagt die Kanzlerin und blickt auf das braune Wasser, das kurz unter dem Scheitelpunkt bei sechs Metern an ihr vorbeiströmt. Seit einem Tag gilt die höchste Alarmstufe, drüben am polnischen Ufer sind die weiten Flusswiesen überschwemmt. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) erklärt Merkel die Situation an dem Fluss.

Rund eine Stunde nimmt sich die Bundeskanzlerin an ihrem freien Sonnabend Zeit, um sich über die Hochwassersituation an der Oder zu informieren. Im Krisenstab des Amtes für Brand- und Katastrophenschutz macht sie sich zunächst selbst ein Bild. Sie spricht kurz mit den Helfern und bedankt sich für deren Einsatz – auf der polnischen Oderseite in Slubice sowie in der deutschen Grenzstadt Frankfurt. Danke sagt sie dafür, „dass sie so Hand in Hand arbeiten“. „Die seit 1997 anhaltenden Bemühungen, die Deiche zu verbessern, zahlen sich heute unheimlich aus“, findet Merkel. „Es war absolut richtig, mit Hochdruck und großer Sorgfalt die Vorkehrungen zu treffen.“

Weitere Unterstützung zugesagt

Zu diesen Vorkehrungen gehört die Aluminiumspundwand, die bei Hochwasser an der Oderpromenade in Frankfurt montiert wird, damit die Altstadt nicht in den Fluten versinkt. Bei dem „Jahrhunderthochwasser“ von 1997 gab es diese Wand noch nicht, sondern nur einen Wall aus Sandsäcken. „Wir sind damals über Sandsackberge gelaufen“, erinnert sich Platzeck an das Jahr, in dem er mit seinem Parteikollegen Gerhard Schröder die Region besuchte; und in dem er sich als Brandenburger Umweltminister bundesweit als „Deichgraf“ einen Namen machte.

Heute spricht Kanzlerin Merkel von einer „sehr, sehr eingespielten organisatorische Struktur“. „Ich habe den Eindruck, dass mit Hochdruck gearbeitet wird“, stellt sie fest. Außerdem gebe es ein enges Miteinander mit den polnischen Nachbarn. Sie fahre jetzt mit einem ruhigeren Gefühl nach Hause. Trotzdem sagt sie: „Die Gefahr ist noch lange nicht vorbei.“ Und verspricht Unterstützung, wenn Hilfe gebraucht werde. Die Aufmerksamkeit dürfe nicht nachlassen, sagt auch Platzeck und verweist insbesondere auf das nördlich von Frankfurt gelegene Oderbruch, wo vor 13 Jahren nur durch den Einsatz von 30000 Bundeswehrsoldaten ein Bruch der aufgeweichten Deiche verhindert wurde. Er hoffe, dass sich die neuen Deiche dort genauso bewährten wie derzeit die Spundwand in Frankfurt. Die aktuelle Flut sei zwar niedriger als 1997, es handle sich aber immer noch um das zweithöchste Hochwasser der Oder. Bei einer Überflutung des tief gelegenen Oderbruchs wären 15.000 Menschen gefährdet. „Wir sind erst durch, wenn das Wasser durch ist“, sagt Platzeck. Die Höhe des Schadens, den die Flut angerichtet habe, könne man noch nicht beziffern.

Über Geld macht sich Friedrich-Wilhelm Grosswendt gerade keine Gedanken. Er hat andere Sorgen: Seine Goldfische sind weg. Gestern hat er sie noch auf dem benachbarten Parkplatz der Lebuser Fischgaststätte „Zum Anglerheim“ gesehen. Jetzt gibt es keine Spur mehr – weder von den Fischen noch von ihrem ursprünglichen Teich, noch vom Swimmingpool der Familie. Denn dort, wo Grosswendts Tiere bisher schwammen, hat sich jetzt die Oder breitgemacht.

Erfahrungen von 1997 helfen

Den gesamten Vorgarten der Familie hat der Grenzfluss bereits erobert. Kirsch- und Birnbäume stehen trotzig im Wasser, von den Rosen sind nur noch die Spitzen zu sehen, die Radieschen ganz abgetaucht.

Friedrich-Wilhelm und Carola Grosswendt nehmen die widrig-nassen Umstände erstaunlich gelassen, obwohl die Flut auch schon im Keller ihres 200 Jahre alten Hauses in der Oderstraße von Lebus steht. „Wir hatten ja Zeit genug, um ihn in Ruhe auszuräumen“, erzählt Carola Grosswendt. „Ab Mittwoch stieg das Wasser langsam in unseren Garten.“

Bei der Oderflut 1997 sei das noch ganz anders gewesen, erinnert sich die 47-jährige Verkäuferin. Damals ging alles „ratzbatz“, im Handumdrehen schwamm das Grosswendtsche Wohnzimmer. Vorsorglich hat die Familie diesmal auch das Mobilar aus dem Erdgeschoss in höhere Etagen geschleppt und den Hauseingang mit einem Sandsackwall geschützt. „Derzeit sieht es zwar nicht so aus, als würden wir noch mehr Wasser bekommen“, sagt Hausherr Grosswendt. „Doch wenn es in Polen und Tschechien tatsächlich massive Niederschläge gibt, wie angesagt, kommt noch jede Menge hinterher.“

Weil sie ihre Erfahrungen mit der Flut bereits gemacht haben, bleiben die Lebuser Anwohner ruhig. „Wenn das Wasser kommt, kann man eh nichts mehr machen“, sagt Friedrich-Wilhelm Grosswendt achselzuckend. Zumindest der 1997 stark ramponierte Giebel des Hauses stehe jetzt auf einem soliden Fundament. „Da lagen nur riesige Feldsteine. Die habe ich mit Flüssigbeton übergossen und den Giebel darauf neu hochgezogen“, erzählt der 51-jährige Hausmeister. Zudem hat er die Abwasserpumpe sorgfältig abgedichtet, damit sie nicht abgeschaltet werden muss. Mitten im Flutchaos findet er auch noch Zeit, regelmäßig seine Angel zu kontrollieren, die in der Oder hängt. Möglicherweise geht ja einer seiner Goldfische an den Haken.

Bei keinem Bewohner der Oderstraße zu Füßen des Lebuser Schlossberges, sagt Grosswendt, habe das aktuelle Hochwasser bereits gravierende Schäden angerichtet. Er muss es wissen, geht er doch in Ermangelung des Auslaufes im Garten jetzt regelmäßig mit Hündin Lotti in der Nachbarschaft Gassi. „Weiter als bis in den Keller ist sie nicht gekommen“, sagt Nachbar Dolf Tillack, „alles noch im grünen Bereich.“ Peter Klaue erfreut sich sogar an seinem gewässerten Vorgarten. „Das sieht doch einfach herrlich idyllisch aus“, sagt der Lebuser und beobachtet, wie der mehrere Hundert Meter breite Fluss in rasantem Tempo vorbeiströmt. Nur seine Frau betrauere „die abgesoffenen Pflanzen“.

Heiratsmarkt wird trotzdem gefeiert

Die Oderanrainer sind froh, dass die Pegel nicht mehr steigen. So lasse sich das Hochwasser durchaus ertragen. „Im Vergleich zu 1997 sind noch gut 90 Zentimeter Platz. Wir kommen also glimpflich davon“, sagt Klaue. Zudem habe man den Eindruck, dass der Einsatz der Katastrophenschützer diesmal geordneter und damit wirksamer geschehe, fügt Tillack hinzu. Einer, der sich dennoch ärgert, ist Gastwirt Torsten Neufert vom „Anglerheim“. An sonnigen Wochenenden treffen sich bei ihm die Ausflügler. Der Parkplatz ist meist rappelvoll. Jetzt aber gelangt niemand trockenen Fußes zur Gaststätte, die Neufert deshalb kurzerhand geschlossen hat. Der Schiffsanleger am eigentlichen Flussufer ist nur noch zu erahnen, am Gestänge hat sich ein gehöriger Berg Treibholz angehäuft.

Berufskollege Bernd Ahlisch hingegen macht aus der Not eine Tugend. Er hat seinen Getränkewagen direkt dort postiert, wo die Oder aufhört, und versorgt nicht nur Anwohner, sondern vor allem neugierige Hochwassertouristen mit roter Fassbrause für einen Euro oder einem kühlen Bier für das Doppelte. Während im beschaulichen Lebus Schaulustige unbehelligt herumschlendern können – soweit es die über die Ufer getretene Oder zulässt –, ist es außerorts schwierig, einen Blick auf den Grenzfluss zu werfen. Polizei und Feuerwehr haben im südlichen Oderbruch sämtliche Zufahrtsstraßen zu den Deichen abgeriegelt. „Bei Hochwasseralarmstufe 4 ist das Betreten und Befahren der Dämme strengstens verboten“, wiederholt einer der Ordnungshüter nahe Reitwein geduldig, um Ankömmlinge kategorisch zurückzuweisen.

In Reitwein wird unterdessen gefeiert. Hochwasser hin oder her – der Reitweiner Heiratsmarkt gilt als größtes und ältestes Traditionsfest östlich von Berlin mit alljährlich Tausenden Besuchern. Seit mehr als 100 Jahren kann man sich in einem unordentlichen Standesamt für einen Tag trauen lassen. Dazu gibt es ein Bühnenprogramm, jede Menge Verkaufsstände und Kulinarisches. „Der Deich ist mehrere Kilometer entfernt. Ehe das Wasser hier ist, haben wir längst aufgeräumt“, scherzt einer der Organisatoren.

Grenzstadt Kostrzyn erwartet Warthe-Flut - ohne Deiche

Derweil steht vielen polnischen Oderanrainern aktuell nicht der Sinn nach Kurzweil und Vergnügen. Die Menschen in und um die Grenzstadt Kostrzyn haben Angst. Denn an dieser Stelle mündet die ebenfalls angeschwollene Warthe in die Oder – das bedeutet: noch mehr Wasser. Was die Bewohner besonders beunruhigt: In dem Gebiet gibt es keine Deiche, weder am Grenzfluss noch an der Warthe, an deren Ufern Kostrzyner seit einigen Tagen versuchen, den Wassermassen zumindest etwas Einhalt zu gebieten. Bei näherer Betrachtung wirken die nur etwas über einen Meter hohen Wälle aus Kies und Sandsäcken – vor allem dort, wo die Warthe in die Oder fließt – viel zu klein und wenig wirksam. Von der Flut akut bedroht ist im Norden der Stadt die Sonderwirtschaftszone, ein Gewerbegebiet, auf dem sich auch einige westdeutsche Firmen angesiedelt haben. Mitarbeiter sind dabei, Sandsackbarrieren zu errichten, während das Wasser unaufhaltsam näher rückt.

Noch ist der Scheitel der Warthe-Flut nicht in Kostrzyn. Vor seinem Eintreffen fürchten sich vor allem die Bewohner in den nordwestlichen Vororten der Grenzstadt, in denen jetzt bereits jede Menge Wasser steht. Während Kinder abenteuerlustig mit Fahrrädern durch das seichte Wasser auf überspülten Straßen rollen, füllen und stapeln Erwachsene Sandsäcke, befestigen dunkle Folien an Hauswänden. Auch Jan Zukowski stapft in hohen Gummistiefeln über seinen gefluteten Hof und überlegt, wie er die Häuser noch gegen die Flut schützen kann. „Nach 1997 ist in unserer Region nichts für den Hochwasserschutz getan worden. Es entstanden keine Deiche. Das Flussbett der Oder wurde auch nicht ausgebaggert, sodass dem Wasser kein Platz bleibt“, sagt er wütend.

Polen fühlen sich schlecht informiert

Die Bevölkerung bekomme auch keinerlei Informationen – weder zur Flut selbst noch zu Hilfsangeboten, erzählt Nachbar Mariusz Gorzewinczyk. Bei wem das Hochwasser Schäden anrichte, der bekomme vom Staat kaum finanzielle Unterstützung, um diese zu regulieren. „Man kann einen Kredit über 100.000 Zloty aufnehmen“, sagt er, „aber wie soll derjenige, der möglicherweise alles verloren hat, den später abbezahlen?“

Die polnischen Anwohner sind seinen Angaben nach jedoch froh und dankbar, dass die deutsche Seite ihre Polder bei Schwedt geflutet habe. „Das sind einige Zentimeter weniger, die ungehindert zu uns fließen können“, sagt Gorzewincyk.

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