Oder-Hochwasser

Flutalarm - Teile von Slubice werden evakuiert

Deichläufer kontrollieren die Oder-Deiche, Helfer sind pausenlos im Einsatz und stapeln an den kritischen Abschnitten Sandsäcke. Die Flut hat offenbar mittlerweile ihren Höchststand in Brandenburg ereicht. In Slubice, der Schwesterstadt von Frankfurt (Oder), müssen erste Bewohner ihre Häuser verlassen.

Hunderttausende Sandsäcke, jede Menge Helfer im Dauereinsatz und die höchste Hochwasseralarmstufe an der Oder: Auf der brandenburgischen Seite des Grenzflusses laufen die Vorkehrungen gegen die aus Polen herbeiströmenden Wassermassen auf Hochtouren.

Bis zum Donnerstagabend hielten alle Wälle stand. Nachdem am Mittwoch im Landkreis Oder-Spree die höchste Hochwasser-Alarmstufe 4 ausgerufen worden war, sollte am Donnerstagabend möglicherweise Frankfurt (Oder) folgen.

In der zwei Meter tiefer liegenden polnischen Nachbarstadt Slubice wurden zwei Ortsteile evakuiert. Für die Bewohner der Dörfer Plawidlo und Nowy Lubusz wurden in dem ort Golice 100 Betten in einer Grundschule bereitgestellt. Der Bürgermeister der Stadt, Ryszard Bodziacki, hatte bereits am Dienstag an die Bewohner appelliert, Slubice freiwillig zu verlassen. Eine offizielle Evakuierung wollte er nicht anordnen, um Kosten und Panik zu vermeiden.

Die Lage sei ernst, sagte Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) am Donnerstag in Frankfurt (Oder). "Heute hat die entscheidende Phase des Oderhochwassers für Brandenburg begonnen", meinte am Donnerstag Innenminister Rainer Speer (SPD).

Um den Wasserstand auf der Oder zu verringern, soll am Freitagmittag in der Nähe von Schwedt (Uckermark) ein Polder geflutet werden. Das bestätigte die Sprecherin des Landesumweltamtes, Frauke Zelt, am Donnerstag.

Polder sind ehemals natürliche Überschwemmungsgebiete, die bei Hochwasser absichtlich geflutet werden. Die an Flüssen angelegten, von Deichen umgebenen Rückhalteräume sollen Wohn- und Industriegebiete schützen. Droht eine Überschwemmung, werden die Poldertore geöffnet und ein Teil des Hochwassers fließt in das Becken, der Wasserstand auf dem Fluss sinkt

Noch am Donnerstagabend wurde der Höchststand des Wassers am kritischen Pegel Ratzdorf erwartet. Von dort, wo die Neiße einmündet, fließt die Oder in Richtung Norden durch Brandenburg. Der Pegel stand gegen 18 Uhr nach Angaben des Hochwassermeldezentrums in Frankfurt (Oder) bei 6,25 Meter – bei der verheerenden Flut von 1997 lag der Höchststand bei 6,91 Meter. Das Oder-Hochwasser werde vermutlich etwa einen halben Meter niedriger ausfallen als 1997, sagte der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude, in Ratzdorf.

In der Grenzstadt Frankfurt (Oder) wurde ein Wasserstand von 5,77 Metern gemeldet. Es wurde damit gerechnet, dass in der Nacht oder am frühen Freitagmorgen die höchste Hochwasseralarmstufe 4 ausgerufen wird, denn die kritische Marke liegt bei 6 Metern. Bereits seit Mittwoch gilt dies für den Landkreis Oder-Spree. Im Landkreis Märkisch-Oderland – von Lebus im Süden bis nach Hohenwutzen im Norden - wurde am Donnerstagnachmittag Stufe 3 ausgerufen worden.

Die Situation an der Oder sei – trotz steigender Pegel – stabil, betonte Innenminister Speer. Platzeck sagte, dass es im Unterschied zu der verheerenden Flut von 1997 nun moderne und neue Deiche zum Schutz der Bevölkerung gebe. Er lobte die Kooperation mit Polen. "Die Arbeit mit den polnischen Nachbarn ist eine andere als vor 13 Jahren", sagte Platzeck am Deich in der Neuzeller Niederung bei Fürstenberg (Oder). Bei der großen Flut 1997 habe es praktisch keine Zusammenarbeit gegeben. "Wir stehen zwar derselben Gefahr gegenüber wie 1997, haben aber das Gefühl, besser gewappnet zu sein."

Ein Sprecher des Innenministers, Wolfgang Brandt, warnte vor Panik. "Es gibt keinen Grund, dass jemand Katastrophenalarm auslösen will."

Bislang seien keine Evakuierungen angeordnet worden. Trotz der rund 220 Millionen Euro teuren Sanierung der Oderdeiche nach der großen Flut 1997 gelten einzelne Abschnitte weiter als kritisch. So wurde den Angaben zufolge mit bislang rund 15.000 Sandsäcken ein Stück alten Deiches in der Neuzeller Niederung gesichert und damit um rund 30 Zentimeter erhöht. Auch in Brieskow- Finkenheerd wurde ein Deichabschnitt mit Planen und Säcken geschützt. "Das Wasser steigt sehr viel langsamer als gestern", sagte der Präsident der Landesumweltamtes Matthias Freude.

Der Höchststand werde voraussichtlich zwei bis drei, eventuell auch vier Tage in Ratzdorf stehen. "Wir kriegen eine ganze Weile sehr hohe Wasserstände", sagte er. Allerdings sei das Hochwasser nicht mit dem von 1997 zu vergleichen. Die neuen Deiche seien robust und könnten mehrere Tage dem Wasser standhalten. Sie verfügten über sogenannte Flächenfilter, die Wasser aufsaugen, ähnlich wie eine Windel.

Zahlreiche Helfer sind im Einsatz, darunter Deichläufer, die die Lage rund um die Uhr beobachten. Bundeswehr, das Technische Hilfswerk und andere Hilfsorganisationen stehen in Bereitschaft. Nach Angaben von Innenminister Speer wurden sie bislang noch nicht angefordert.

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