Oder

Fischsterben in der Oder: "Ökologische Katastrophe"

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An den Ufern der Oder wurden viele tote Fische angeschwemmt.

An den Ufern der Oder wurden viele tote Fische angeschwemmt.

Foto: Patrick Pleul / dpa

Das massenhafte Fischsterben in der Oder versetzt Naturschützer im Grenzgebiet zwischen Polen und Deutschland in Alarm.

Frankfurt (Oder). Naturschützer sprechen von einer ökologischen Katastrophe. Das massenhafte Fischsterben in der Oder hat im Grenzgebiet zu Polen Alarmstimmung ausgelöst. Unklar blieb trotz umfangreicher Untersuchungen und Hinweisen auf Quecksilber im Wasser, woran genau die Tiere gestorben sind.

Nach Aussage von Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki wurde das Fischsterben offenbar durch die Einleitung von Chemie-Abfällen ausgelöst. „Es ist wahrscheinlich, dass eine riesige Menge an chemischen Abfällen in den Fluss gekippt wurde, und das in voller Kenntnis der Risiken und Folgen“, sagte Morawiecki in einer am Freitag auf Facebook veröffentlichten Videobotschaft. Der Regierungschef entließ zudem den Chef der Wasserbehörde und den Leiter der Umweltbehörde - sie sollen zu langsam auf das Fischsterben reagiert haben.

Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel sprach von einer „Giftwelle“ und rechnet damit, dass die Umwelt-Folgen noch lange zu spüren sind. Am Freitag beobachtete er im Nationalpark Unteres Odertal in der Uckermark selber, wie sich dort an den Ufern viele tote Fische ansammelten.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) warnte angesichts des massiven Fischsterbens in der Oder vor einer drohenden Umweltkatastrophe. Auch aus ihrem Haus kam am Freitag Kritik am Nachbarn Polen. „Tatsächlich wissen wir, dass diese Meldekette, die für solche Fälle vorgesehen ist, nicht funktioniert hat“, sagte ein Sprecher am Freitag in Berlin. Gemeint ist das frühzeitige Melden des Fischsterbens auf der polnischen Seite. „Wir brauchen jetzt Klarheit über die Stoffe, die dort tatsächlich im Wasser sind“, hieß es aus dem Bundesministerium.

Oder: Fischsterben gibt weiter Rätsel auf

Das Massensterben der Fische gibt weiter Rätsel auf. „Unser Problem ist, dass wir nach wie vor im Dunkeln tappen, dass wir also nicht wissen, welche Stoffe tatsächlich in die Oder eingebracht wurden“, sagte Landesumweltminister Vogel. „Wir haben Hinweise von polnischer Seite, dass um den 28. Juli bei Oppeln, also in der Nähe von Breslau, Stoffe in die Oder gelangten, die dort ein Fischsterben ausgelöst haben.“ Vogel bestätigte, dass eine Quecksilberbelastung der Oder festgestellt worden sei - „aber wir können zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Aussage treffen, dass Quecksilber ursächlich für den Tod der Fische verantwortlich ist“, sagte er. „Wir wissen im Moment nicht, woran sie wirklich gestorben sind.“

Möglich sei eine Kombination mehrerer Faktoren wie Hitze, geringe Wasserführung und Giftstoffen. „Es kann durchaus sein, dass es sich hierbei um Stoffe handelt, die lange schon in die Oder eingebracht wurden, aber normalerweise bei Mittelwasser überhaupt kein Problem darstellen“, sagte Vogel. Aktuell gebe es aber historische Niedrigwasserstände an der Oder. Geklärt sei inzwischen, dass Fische auch in Deutschland sterben würden und nicht nur verendete Tiere aus Polen angeschwemmt worden seien, sagte der Umweltminister.

Polen kündigte Untersuchungsergebnisse für frühestens Sonntag an. Bislang habe das Staatliche Forschungsinstitut in Pulawy noch keine Fische erhalten, sagte der Leiter Krzysztof Niemczuk am Freitag der Nachrichtenagentur PAP. Die Fische sollen auf Metalle, Pestizide und andere giftige Stoffe untersucht werden. Auch in Brandenburg dauerten die Labor-Analysen am Freitag weiter an.

Naturtourismus dürfte stark leiden

Im Nationalpark an der Oder zwischen Polen und Deutschland sind normalerweise Paddler, Angler und auch Vogelkundler unterwegs. Doch jetzt dürfte der Naturtourismus stark leiden, so die Befürchtungen. Vor jeglichem Kontakt mit dem Flusswasser wird gewarnt.

„So ein Fischsterben haben wir noch nicht erlebt. Das ist dramatisch“, sagte die Bürgermeisterin von Schwedt, Annekathrin Hoppe (SPD), als sie am Ufer in der brandenburgischen Uckermark auf den etwa 200 Meter breiten Fluss schaute. Direkt vor ihren Füßen lagen zwischen Steinen die toten Tiere im Wasser, auch eine Muschel war dabei. Ein Fisch schnappte noch nach Luft.

Naturschützer gehen von weitreichenden Folgen für den Nationalpark Unteres Odertal aus. „Die Auswirkungen sind einfach furchtbar“, sagte der stellvertretende Nationalparkleiter Michael Tautenhahn. „Für den Nationalpark ist das schlichtweg eine Katastrophe.“ Über die gesamte Strombreite habe man tote Fische treiben sehen. Betroffen seien etwa Zander, Welse, Gründlinge und Steinbeißer. Seeadler und andere Vögel könnten Gift durch die toten Fische aufnehmen. Der Nationalpark Unteres Odertal verbindet Polen und Deutschland - er zählt zu den artenreichsten Lebensräumen in Deutschland.

Für die betroffenen Landstriche im Grenzgebiet stellen sich jetzt auch ganz praktische Fragen: Wie läuft die Entsorgung der Kadaver? Die Fische könnten nicht einfach so mit bloßen Händen entnommen werden, sagte Minister Vogel. Unklar war zunächst auch: Sind die Tiere Sonderabfall, und wie werden sie entsorgt? Landrätin Karina Dörk (CDU) in der Uckermark kündigte am Freitag an, sie wolle am Samstagmorgen loslegen mit dem Einsammeln der Fische - ein Einsatz, der ihr zufolge noch einige Zeit dauern kann.

Zuletzt haben neben der Einleitung von Giftstoffen in Flüsse und Seen teils auch natürliche Ursachen wie Sauerstoffmangel zu größerem Fischsterben in Deutschland geführt - wie etwa diesen Sommer in der Elbe rund um Hamburg oder in der Kleinen Vils (Bayern).

Im Kleinen und Großen Jasmunder Bodden auf der Ostsee-Insel Rügen waren im Winter viele Tonnen an Fischen verendet. Die Ursache dafür konnte nicht geklärt werden. Die Suche nach einem unbekannten Schadstoff ist nach Angaben des mecklenburgischen Landwirtschaftsministeriums erfolglos geblieben.

( dpa )