Tote Familie

Bericht: Vater soll Impfpässe in großem Stil gefälscht haben

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Familiendrama von Senzig: Gefälschtes Impfzertifikat mögliches Motiv

Familiendrama von Senzig: Gefälschtes Impfzertifikat mögliches Motiv

Ein gefälschtes Impfzertifikat und Angst vor Verhaftung waren offenbar die Motive für das Familiendrama im brandenburgischen Königs Wusterhausen. In einem Abschiedsbrief gab der 40-jährige Familienvater an, dass er und seine Frau Angst vor einem Verlust ihrer drei Kinder gehabt hätten.

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Ein Mann hat in Senzig seine Familie und anschließend sich selbst getötet. Er soll in der Querdenker-Szene vernetzt gewesen sein.

  • In Senzig (Königs Wusterhausen) südöstlich von Berlin hat ein 40-Jähriger seine Familie und sich selbst getötet.
  • Laut einem Bericht soll der Mann Impfpässe gefälscht haben.
  • In einem Abschiedsbrief gab der Mann an, Angst vor einer Verhaftung und dem Verlust seiner Kinder gehabt zu haben.
  • Der Mann soll beim Messengerdienst Telegram in Chatgruppen der Querdenker-Szene vernetzt gewesen sein.

Königs Wusterhausen. Mehrere Tage nach der Entdeckung von fünf Toten in einem Haus in Brandenburg sind weitere Details zum möglichen Motiv des tatverdächtigen Familienvaters bekannt geworden.

Der Arbeitgeber der Ehefrau wollte einem offenbar gefälschten Impfzertifikat der 40-Jährigen nachgehen. Aus dem vorgelegten Dokument ergaben sich Nachfragen, zu denen die Mitarbeiterin der Technischen Hochschule Wildau schriftlich um Stellungnahme gebeten wurde, wie das Wissenschaftsministerium Brandenburg (MWFK) mitteilte. Das könne die Tat ausgelöst haben. Die Frist zur Stellungnahme war nach Informationen von dpa war noch nicht abgelaufen.

Königs Wusterhausen (Senzig): Mann ließ Impfnachweis seiner Frau fälschen

In seinem Abschiedsbrief schrieb der Familienvater, der als verantwortlich für die Tat gilt und danach Suizid beging, dass das Impf-Zertifikat seiner Frau nicht echt sei.

Wie der Sender RBB aus Ermittlerkreisen erfahren haben will, soll der Mann selbst im größeren Stil Impfpässe gefälscht haben. "Uns liegen dazu keine Erkenntnisse vor", sagte hingegen der Oberstaatsanwalt Gernot Bantleon der Berliner Morgenpost. In dem Brief soll der Mann angegeben, dass er Angst davor habe, dass seine Frau und er selbst ihre Arbeit verlieren würden und er verhaftet werde. Auch habe er befürchtet, dass man seine Kinder in ein Heim gebe, „umerziehen“ und „zwangsimpfen“ lasse. Der Mann war Berufsschullehrer. Dies hatte zunächst die „B.Z.“ berichtet.

Die Polizei hatte die fünf Toten am Samstag in einem Einfamilienhaus in Senzig, einem Ortsteil von Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald), südöstlich von Berlin gefunden. Zeugen hatten die leblosen Körper in dem Haus entdeckt und die Polizei gerufen. Nach dem Ergebnis der Obduktion sollen die Leichen vermutlich bereits seit der Nacht zum vergangenen Donnerstag dort gelegen haben, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte.

Vater tötete Familie und sich selbst mit illegaler Waffe

Nach bisherigen Ermittlungen soll der Vater erst die drei Kinder im Alter von vier, acht und zehn Jahren sowie seine Frau und anschließend sich selbst mit einer Schusswaffe getötet haben. Die Leichen wiesen laut Fahndern Schussverletzungen auf. Der Staatsanwaltschaft zufolge war der 40-Jährige nicht im Besitz eines Waffenscheins. Demnach konnte er sich die Waffe nur illegal besorgt haben.

Die Gesetzgebung zum Anfertigen oder Vorlegen eines gefälschten Impfnachweises ist erst vor zwei Wochen verschärft worden. Seitdem ist der „Gebrauch unrichtiger Gesundheitszeugnisse“ allgemein strafbar. Der entsprechende Paragraf des Strafgesetzbuchs sieht dafür eine Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr vor.

„Die TH Wildau hat nach Einschätzung des MWFK alles richtig gemacht“, hieß es vom Ministerium. „Nach dem aktuellen Infektionsschutzgesetz des Bundes gilt seit dem 24. November 2021 eine 3G-Regelung am Arbeitsplatz. Die Einhaltung dieser Regelung müssen die Arbeitgeber sicherstellen. Das hat die TH Wildau in diesem Fall getan.“

Aber hätten der Familie tatsächlich die vom Vater befürchteten Konsequenzen gedroht? „Die Vorstellungen des Mannes waren völlig verquer“, sagte Oberstaatsanwalt Gernot Bantleon. Der 40-Jährige war weder polizeilich bekannt noch war die Familie beim Jugendamt aufgefallen. „Eine Haftstrafe bei einem Ersttäter, das ist völlig undenkbar. Ebenso die Wegnahme der Kinder.“ Es komme in dem Brief zum Ausdruck, dass der Mann vermutlich eher psychische Probleme gehabt haben müsse, da seine Vorstellungen mit den Tatsachen nichts mehr zu tun hätten, so Bantleon.

Vater offenbar in Querdenker-Szene vernetzt

Über die Beschäftigung des mutmaßlichen Täters mit dem Thema Corona-Impfung wurden derweil weitere Details bekannt. Nach Berichten des Berliner „Tagesspiegel“ und des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) war der Mann beim Messengerdienst Telegram in Chatgruppen der Querdenker-Szene vernetzt. Auch die Deutsche Presse-Agentur (dpa) konnte ihm die Mitgliedschaft und Nachrichten in mehreren Gruppen zuordnen, in denen Falschbehauptungen über die Corona-Impfung verbreitet wurden.

„So etwas kann natürlich stark radikalisierend wirken. Aber wir kennen nur einen kleinen Ausschnitt. Deshalb bleibt die weitere Aufklärung in diesem Fall abzuwarten“, sagte Josef Holnburger von der Beobachtungsstelle Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas), dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Staatsanwaltschaft hat zum Zusammenhang des Mannes mit der Querdenker-Szene bislang nicht ermittelt.

Therapeuten im Einsatz

Im Umfeld der Familie sind Psychologen und Notfall-Therapeuten im Einsatz. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hort und Kita, die die Kinder der Familie besucht hätten, sowie die Eltern der dort betreuten Kinder würden begleitet: Im Mittelpunkt stehe dabei „der geschulte Umgang mit traumatischen Erfahrungen und Trauer“ sowie eine Stabilisierung der Menschen, die den Kindern Ansprechpartner sein wollten, teilte die Stadt am Donnerstag mit.

Die Hochschule Wildau habe „mit großer Bestürzung und Fassungslosigkeit“ vom Tod ihrer Mitarbeiterin, der Mutter der Familie aus Königs Wusterhausen, erfahren. „Die Hochschule verliert mit ihr eine langjährige, sehr geschätzte Mitarbeiterin und Kollegin. Unser Mitgefühl gilt in dieser schweren Situation den Hinterbliebenen.“ Mit Blick auf die laufenden Ermittlungen und „aus Respekt vor der Privatsphäre der Opfer“ wollte sich die Hochschule nicht weiter zu dem Fall äußern.

„Wir stehen fassungslos vor dem, was geschehen ist"

In Königs Wusterhausen gedachten am Donnerstagabend Anwohner, Kirche und Stadt der toten fünfköpfigen Familie. Am Abend startete eine Gedenkveranstaltung in der evangelischen Kirche im Ortsteil Senzig - nur rund zweieinhalb Kilometer von dem Wohnhaus der Familie entfernt. „Wir wollten einen Raum schaffen für Anteilnahme, da es viele erschüttert, was passiert ist“, sagte Boris Witt, Pfarrer der evangelischen Kirche in Senzig zum Auftakt des Gedenkens. „Es geht uns um Gemeinschaft, Solidarität - wenn uns das gelingt, das wäre schön.“

„Wir stehen fassungslos vor dem, was geschehen ist“, sagte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Christian Stäblein, bei der Andacht. "Wir verstehen es nicht und wir begreifen es nicht."

„Es ist geschehen hier bei uns im eigentlich beschaulichen und idyllischen Senzig“, sagte Boris Witt, Pfarrer der evangelischen Kirche im Ort. „Wie hätte die Tat verhindert werden können?“ Schuldzuweisungen hälfen nicht weiter. Jetzt gehe es um Zusammenhalt.

Den ganzen Abend über betraten Menschen die kleine Kirche - Familien mit ihren Kindern, alte Leute. Die meisten von ihnen waren Anwohner aus dem Ort. Die Veranstaltung hatte die Gemeinde nicht „an die große Glocke“ gehangen, sagte Nicole Zietz, Mitglied im Gemeindekirchenrat. „Während Corona haben wir in unserer kleinen Kirche ja nicht viel Platz“. Innerhalb von einer halben Stunde sei es bekannt gewesen, sagte Zietz. „Wir sind hier ein kleines Dorf.“

Kurz nach Beginn um 18.30 Uhr nahmen rund 25 Menschen auf den Stühlen in der Kirche Platz. Andere zündeten eine Kerze an und gingen dann wieder. Mehr als 50 Teelichter brannten gegen 20 Uhr vor dem Altar.

„Was müssen da denn für große Mauern geherrscht haben?"

Eine Frau berichtete, von dem Geschehen habe sie am 85. Geburtstag ihrer Mutter erfahren. „Meiner Mutter kamen sofort die Tränen.“ Sie hätten die Familie nicht persönlich gekannt. Aber das gehe dennoch nahe. „Wir waren alle geschockt.“

„Es ist ein Schlag“, sagt Erwin Marquardt, Vorsitzender der Gemeinde. „Was müssen da denn für große Mauern geherrscht haben, dass man das ganze Leben, die ganze Familie auslöscht?“

Christian Schwindt kannte den Familienvater persönlich. Er organisierte vor einigen Jahren mit ihm das ein oder andere Event, sagt er - neben seiner Arbeit als Berufsschullehrer hatte der 40-jährige Familienvater regelmäßig Events organisiert. „Es ist tragisch“, sagt Schwindt. Was im Kopf des Mannes vor sich gegangen sein muss, das könne er sich nicht erklären.

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( dpa/psi )