Potsdam

Oberlinhaus: Anklage wirft Pflegerin Heimtücke vor

| Lesedauer: 5 Minuten
Klaus Peters und Philipp Siebert
Die Angeklagte sitzt im Gerichtssaal im Landgericht Potsdam. Ein halbes Jahr nach der Gewalttat in einem Wohnheim für Behinderte in Potsdam hat am Dienstag vor dem Landgericht der brandenburgischen Landeshauptstadt der Mord-Prozess gegen eine 52-jährige Pflegekraft begonnen.

Die Angeklagte sitzt im Gerichtssaal im Landgericht Potsdam. Ein halbes Jahr nach der Gewalttat in einem Wohnheim für Behinderte in Potsdam hat am Dienstag vor dem Landgericht der brandenburgischen Landeshauptstadt der Mord-Prozess gegen eine 52-jährige Pflegekraft begonnen.

Foto: dpa

Ines R. steht seit Dienstag vor dem Landgericht Potsdam. Die Pflegerin soll vier behinderte Menschen ermordet haben.

Potsdam. Ines R. wirkt gefasst und in sich gekehrt. In nüchternen Worten und ohne erkennbare Emotionen schildert die blonde Frau in der grünen, geblümten Bluse vor der 1. Strafkammer des Landgerichts Potsdam ihre freudlose Kindheit und Jugend. Schon als Kind sei sie oft krank gewesen und habe unter schweren Ängsten gelitten, berichtete die 52-jährige Pflegekraft am Dienstag zum Prozessauftakt.

Ines R. muss sich verantworten, weil sie vier Bewohner eines Potsdamer Heims für Menschen mit Behinderung getötet haben soll. „Diese tiefe Traurigkeit und Angst vor dem Leben hatte ich schon als Fünfjährige“, sagte sie. Von ihrer Mutter habe sie sich nicht geliebt gefühlt. „Und ich mochte meine Mutter nicht.“

Staatsanwaltschaft: Angeklagte war planvoll und heimtückisch vorgegangen

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft war die Angeklagte am Abend der Bluttat am 28. April im Potsdamer Thusnelda-von-Saldern-Haus der Oberlin-Gesellschaft Lebenswelten sehr planvoll und heimtückisch vorgegangen. Die 52-Jährige habe gewartet, bis die beiden weiteren Pflegekräfte der Spätschicht in anderen Teilen der Station beschäftigt waren, erklärte Staatsanwältin Maria Stiller bei der Verlesung der Anklage. Dann sei sie in zwei Zimmer geschlichen und habe zunächst versucht, zwei Bewohner zu erwürgen.

Als sich dies als zu anstrengend erwiesen habe, sei die Angeklagte in einen Aufenthaltsraum gegangen, um ihren Beutel mit persönlichen Sachen zu holen, hieß es in der Anklage weiter. Einer Kollegin habe sie gesagt, sie wolle kurz Zigaretten holen gehen. Stattdessen sei sie aber wieder in die Zimmer von Bewohnern geschlichen und habe ein mitgebrachtes Messer mit einer Klingenlänge von elf Zentimetern aus dem Beutel genommen.

Damit habe sie zwei Männer und zwei Frauen im Alter zwischen 31 und 56 Jahren mit Schnitten in den Hals getötet. Eine 43-jährige Bewohnerin überlebte einen Messerangriff schwer verletzt. Sie überlebte dank einer Notoperation. Ines R. wird daher Mord in vier und versuchter Mord in drei Fällen vorgeworfen.

Täterin hat Wehrlosigkeit der Opfer ausgenutzt

„Ihr war bewusst gewesen, dass es sich bei den fünf Geschädigten um schwerst behinderte Menschen handelte, die nicht in der Lage waren, sich zu wehren oder Hilfe zu rufen“, sagte die Staatsanwältin. Diese Wehrlosigkeit habe die Angeklagte ausgenutzt. Die Staatsanwaltschaft geht aber nach einem entsprechenden psychiatrischen Gutachten davon aus, dass die Pflegekraft die Taten im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit begangen hat.

Die Angeklagte äußerte sich am ersten Prozesstag nur zu ihrer Person, nicht aber zu den Vorwürfen der Anklage. Detailliert beschrieb die 52-Jährige einen Suizidversuch mit zwölf Jahren. Danach sei sie für acht Monate ins Krankenhaus gekommen und dort in einem Modellversuch mit Medikamenten aus der Schweiz behandelt worden. „Das war mein Trauma“, sagte sie.

1990 habe sie nach einer abgebrochenen Ausbildung zur Pflegerin in einer Potsdamer Einrichtung für schwerbehinderte Kinder und Jugendliche als Pflegekraft begonnen. „Ich habe mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen gearbeitet, aber mir selbst konnte ich nicht helfen“, schilderte Ines R. ihre damaligen Empfindungen. 1993 wurde das Haus von der diakonischen Einrichtung Oberlinhaus übernommen, bei der sie bis zu der Tat angestellt war. Psychische Probleme, Medikamente und Konsum von Alkohol hätten sie über weite Teile ihres Lebens begleitet.

Als erste Zeugen waren am Dienstag Polizeibeamte geladen, die Details zu den Ermittlungen schilderten. Demnach wurde das Tatmesser auf dem Parkplatz gefunden, den die Angestellten des Oberlinhauses nutzen. Die Frau wurde noch am Tag der Tat zu Hause festgenommen und dann in eine Psychiatrie eingewiesen.

Ines R. verlangt 82.000 Euro Abfindung für ihre Kündigung

Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen und stellte auch die Frage nach den Arbeitsbedingungen in der Pflege. Einen Zusammenhang sah die Brandenburger Landesregierung nach der Tat jedoch nicht. Die Kontrolle der Fachaufsicht am Tag vor der Tat sei „klar positiv“ verlaufen, sagte der Referatsleiter Pflegepolitik und Heimrecht im Gesundheitsministerium, Ulrich Wendte, Anfang Mai im Gesundheitsausschuss des Brandenburger Landtags.

Ines R. wurde nach der Tat von ihrem Arbeitgeber fristlos gekündigt und klagte dagegen. Die mutmaßliche Mörderin verlangt von der Oberlin-Gesellschaft eine Abfindung in Höhe von 82.000 Euro. Das Potsdamer Arbeitgereicht will erst entscheiden, wenn der Prozess vor dem Landgericht beendet wurde. Für den sind zehn Verhandlungstage bis zum 9. Dezember angesetzt. Insgesamt sollen mehr als 40 Zeugen gehört werden.

( dpa )