Rechtsextremismus

Wie ein Ort im Spreewald in Angst vor den Rechten lebt

Das „Deutsche Haus“ im Ort Burg im Spreewald hat den Besitzer gewechselt. Die Gemeinde fürchtet einen neuen Treffpunkt von Neonazis.

Für das Bio-Hotel „Kolonieschänke“ schloss Daniel Grätz einen Betreibervertrag mit Brandenburgs Dehoga-Chef Olaf Schöpe ab.

Für das Bio-Hotel „Kolonieschänke“ schloss Daniel Grätz einen Betreibervertrag mit Brandenburgs Dehoga-Chef Olaf Schöpe ab.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Burg. Der Ort Burg schöpft seine Kraft aus der Natur. Fast lautlos gleiten die Spreewaldkähne über den „Kleinen Leineweberfließ“. Wer Kanus in die Hauptader der Spree manövriert, den bringt Muskelkraft in rund sechs Stunden nach Cottbus, vorbei an weißen Seerosen und türkis schillernden Libellen, mitten durchs Biosphärenreservat. Auch an Land hat Burg einiges zu bieten. Der Aufstieg auf den Bismarckturm belohnt die Besucher mit einem Blick, den Tourismuswerber als „einmalig“ anpreisen. In der Spreewaldtherme lockt ein Solebecken, dessen Thermalsole in 1350 Meter Tiefe entspringt.

Die Gäste, die sich in Burg der „Sehnsucht nach einer Spreewaldauszeit“ hingeben, haben dem Ort Wohlstand beschert. Ein Gutachter bescheinigte der Gemeinde, beim Tourismus „gut aufgestellt“ zu sein. Burg lebt von der Natur. Von gepflegten Hotels und Restaurants. Von dem guten Ruf. Doch dieser gute Ruf ist gefährdet. Denn Burg könnte zu einem Sehnsuchtsort ganz anderer Art werden. Zu einem Sehnsuchtsort für Neonazis. Zu einem Szenetreff von Rechtsextremisten. Das befürchten Politiker vor Ort, Sicherheitsbehörden und die Tourismusbranche. Burg ist in Alarmstimmung.

Der Gasthof, der für Unruhe sorgt, liegt am südwestlichen Ende des Ortes, in der Hauptstraße 2, gleich beim „DDR-Museum. Es ist das „Deutsche Haus“. Auf der Speisekarte: hausgemachte Grützwurst. Hinterm Tresen: ein neuer Eigentümer, der bisher nicht in der Gastronomie-Szene unterwegs war – dafür aber Kontakte in die Lausitzer Neonazi-Szene pflegte. Sein Name: Daniel Grätz.

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Burg im Spreewald: Das „Deutsche Haus“ ist hier sehr deutsch

Wer das „Deutsche Haus“ besuchen will, muss über den Hof und durch die Hintertür. So ist es an dem Tag, an dem die Reporter unserer Redaktion hier sind. Plastikdecken auf den Tischen, in der Ecke ein Kachelofen, auf den Tellern Eisbeinsülze und Würzfleisch. Das „Deutsche Haus“ ist sehr deutsch. Und vielleicht wird es bald noch deutscher.

Wer aber ist Daniel Grätz? Und warum geht in Burg die Sorge um, durch seine Übernahme des „Deutschen Hauses“ könnte Burg sich zur Hochburg für Neonazis entwickeln? Öffentlich ist wenig über Grätz bekannt. Anders als Szenegrößen oder Parteikader der Rechten gibt es über ihn kaum Einträge in den Suchmaschinen im Internet, es finden sich keine Videos mit Reden auf Demonstrationen. Sein Name taucht nicht in Berichten des Verfassungsschutzes auf. In einem ersten Telefonat behauptet Grätz, er sei „unpolitisch“. Warum die Sicherheitsbehörden sich für ihn interessierten, wisse er nicht. Wirklich nicht? Recherchen unserer Redaktion lassen Zweifel aufkommen.

Grätz besuchte demnach Musikfestivals der extremen Rechten. Er tauchte bei Kampfsport-Events von Neonazis auf. Er marschierte bei rechten Demonstrationen mit. Fotos von Szene-Beobachtern belegen diese Aktivitäten. Auch die T-Shirts, die Grätz auf den Bildern trägt, lassen an seiner politischen Agenda wenig Zweifel aufkommen.

T-Shirts, auf denen steht: „Ich habe Bock auf Nazis“

Da wäre ein Bild, das Daniel Grätz an einem Juni-Tag 2019 im sächsischen Grenzort Ostritz zeigt: als Besucher des Musikfestivals „Schild und Schwert“. Das Festival ist ein etablierter Neonazi-Treff, ausgerichtet vom mehrfach vorbestraften NPD-Kader Thorsten Heise. Rechtsrock-Bands sind hier gerngesehene Gäste, auch Besucher, auf deren Shirts steht: „Ich habe Bock auf Nazis.“

Daniel Grätz war dabei bei dem Festival. Sein T-Shirt zierte ein Schriftzug, den man sich üblicherweise nicht aus einer Laune heraus auf ein Kleidungsstück schreibt: „Inferno Cottbus“. Es ist der Name einer rechtsextremen Hooligan-Truppe, deren Anhänger sich als Fans des FC Energie Cottbus ausgaben. Besuche im „Stadion der Freundschaft“ nutzten Inferno-Anhänger, um antisemitische Hetze zu verbreiten. Im Mai 2017 löste sich „Inferno Cottbus“ angeblich auf. Ein „Lippenbekenntnis“, urteilte der Brandenburger Verfassungsschutz. Die Inferno-Anhänger hätten einem Verbot zuvorkommen wollen.

Ein weiteres Bild zeigt den neuen Eigentümer des „Deutschen Hauses“ im Juli 2019 bei den „Tagen der nationalen Bewegung“ im thüringischen Themar, auch dies ein Rechtsrock-Event, angemeldet von NPD-Kadern als politische Veranstaltung. Im Juni 2018, auch das zeigt ein Foto, weilt Grätz in der Gemeinde Grünhein-Beierfeld im sächsischen Erzgebirge. An diesem Tag steigt hier das „Tiwaz“-Festival, ein Kampfsport-Event der rechtsextremen Szene. Grätz trägt an diesem Tag ein T-Shirt, auf dem „Black Legion“ steht. Und: „Kampfgemeinschaft Cottbus“.

„Kampfgemeinschaft Cottbus“ mit hohem Gewaltpotential

Es sind auch diese Bilder, die die Verantwortlichen im Ort Burg und die Experten der Sicherheitsbehörden beunruhigen. Denn die „Kampfgemeinschaft Cottbus“, so schreibt der Verfassungsschutz im Jahresbericht 2018, ist ein „Sammelbecken von Rechtsextremisten mit hohem Gewaltpotential“. Hier kommt zusammen, was Experten als „toxisches Gebilde“ bezeichnen: Neonazis und Kampfsportler. Türsteher und Kriminelle. Gewaltbereite Hooligans.

Im April vergangenen Jahres rief die „Kampfgemeinschaft“ die Sicherheitsbehörden auf den Plan. Die Brandenburger Polizei rückte zu einer der größten Razzien in der jüngeren Geschichte des Bundeslandes aus. Der Verdacht: Die Rechtsextremisten sollen eine kriminelle Vereinigung gebildet haben. Der Vorwürfe der Staatsanwaltschaft Cottbus sind gravierend, reichen von Körperverletzung, illegalem Waffenbesitz bis hin zu Steuerhinterziehung. Die Beschuldigten sollen auch Krawalle am Rande von Fußballspielen angezettelt haben.

Zu den Beschuldigten gehören Rechtsextremisten aus dem Umfeld der Hooligan-Truppe „Inferno“ und der „Kampfgemeinschaft Cottbus“. Wollte Daniel Grätz durch die Schriftzüge auf seinen T-Shirts seine Zugehörigkeit mit diesen Gruppierungen ausdrücken? Eine entsprechende Anfrage der Berliner Morgenpost lässt er unbeantwortet.

Mehrere Bekleidungsgeschäfte in Cottbus und Berlin

An der Berichterstattung über seine mutmaßlichen Verbindungen zur Neonazi-Szene dürfte Grätz ohnehin kein Interesse haben. Denn er muss um seinen Ruf fürchten – als seriöser Geschäftsmann. So gehören Grätz mehrere Bekleidungsgeschäfte. In Berlin und in Kühlungsborn an der Ostsee, und natürlich in Cottbus.

Da wäre der Laden „Blickfang“ im Cottbusser Zentrum. Dieser verkauft bis heute Sportmarken, darunter aber auch Labels, die bei rechtsextremen Kampfsportlern beliebt sind – zum Beispiel das „Label 23“. Die „23“ steht für die Buchstaben B und C, „Boxing Connection“. Mitgründer von „Boxing Connection“ war Markus W., ein vorbestrafter Neonazi-Kampfsportler, in Brandenburg eine echte Szenegröße. Er wurde verurteilt, weil er im Adolf-Hitler-Gedenk­shirt nach Mallorca reisen wollte. Er saß im Gefängnis, weil er in Cottbus ein Mitglied der Rockergruppierung „Hells Angel“ mit Messerstichen fast tötete.

Mit Daniel Grätz scheint der mehrfach vorbestrafte Neonazi-Kampfsportler Markus W. einiges gemein zu haben. Eine Schnittstelle ist zumindest das Geschäft „Blickfang“ in der Cottbusser Innenstadt. Daniel Grätz war bis vor wenigen Jahren der Betreiber des Ladens. Zuvor war nach Informationen der Berliner Morgenpost dort auch der Neonazi Markus W. aktiv.

Daniel Grätz versucht sich als Gastronom

Nun versucht Grätz sich also als Gastronom. Der Spreewaldort Burg scheint ihm zu gefallen. Denn dort kaufte Grätz nicht nur das „Deutsche Haus“. Im April unterschrieb er auch einen Betreibervertrag für die „Kolonieschänke“. Das „Bio-Hotel“ wirkt wie das Kontrastprogramm zum „Deutschen Haus“. Ein Klinkerbau etwas abseits vom Zentrum, im Innenhof ein mit Gräsern bewachsener und Natursteinen umsäumter Teich.

Am „Kolonietresen“ gibt es Mojito, Bloody Mary und Gurken-Cocktail. Grätz‘ Einstieg bei der „Kolonieschänke“ könnte sogar noch größere Wellen schlagen als die Übernahme des „Deutschen Hauses“. Denn den Betreibervertrag schloss Grätz ausgerechnet mit einem Mann, der für die Brandenburger Gastronomie-Szene so bedeutend sein dürfte wie kaum ein anderer. Sein Name: Olaf Schöpe. Seine Funktion: Vorsitzender des brandenburgischen „Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga).

Grätz wiegelte ab und sprach von „Jugendsünden“

Schöpe weiß, dass die Geschäftsbeziehung zu dem Mann, der im Verdacht steht, Verbindungen ins gewaltbereite Neonazi-Milieu zu pflegen, ihn in Erklärungsnot bringen könnte. Doch Schöpe wirkt glaubwürdig. Man nimmt ihm ab, dass er von den Vorwürfen gegen den neuen Betreiber der „Kolonieschänke“ zunächst nichts wusste. Den Kontakt habe ihm ein Makler vermittelt. Grätz habe seriös gewirkt. „Dynamisch und zupackend“, sagt Schöpe.

Von den zweifelhaften Kontakten seines Geschäftspartners habe er erst später erfahren – durch einen Anruf des Verfassungsschutzes, wie er sagt. Die Mitarbeiter des Nachrichtendienstes hätten ihn sensibilisieren und warnen wollen. Die „Kolonieschänke“ könne womöglich ein Szenetreff werden. „Da war der Vertrag aber schon unterschrieben“, sagt Schöpe. Natürlich habe er Grätz danach nochmal angesprochen. Der habe abgewiegelt und von „Jugendsünden“ gesprochen.

Schöpe betont, dass er „liberal“ sei, „eher linksliberal als rechtsliberal“. Man könne nicht von ihm verlangen, vor dem Abschluss eines Vertrages die Verfassungstreue seiner Geschäftspartner zu überprüfen. Die „Kolonialschänke“ solle als „Bio-Gasthof“ fortgeführt werden, so sei es im Vertrag festgeschrieben. Solange Grätz sich daran halte, könne man das Geschäft nicht einfach so rückabwickeln.

Anwohner befürchten, dass Burg zum Nazi-Treffpunkt wird

In Burg sind nun viele alarmiert. Sie fürchten, der Ort könne Anlaufpunkt für Neonazis werden. Zum Gespräch sind die Tourismus-, die Presse- und die Ordnungsamtschefin gekommen. Und Amtsdirektor Tobias Hentschel. Als der Verfassungsschutz die Verantwortlichen im Ort über den Fall aufgeklärt habe, seien alle überrascht gewesen, sagt Hentschel. Der Name Daniel Grätz sei ihnen im Zusammenhang mit Rechtsextremismus nicht bekannt gewesen.

Das hat sich geändert. „Der Fall ist bei uns Chefsache“, sagt Hentschel. Eine Möglichkeit, das Vorkaufsrecht zu nutzen, habe es nicht gegeben. Eine Gemeinde habe nicht die Aufgabe, einen Gastronomiebetrieb zu führen. „Wir beobachten in Zusammenarbeit mit der Polizei und dem Verfassungsschutz jetzt natürlich sehr genau, was im ,Deutschen Haus’ und in der Kolonieschänke passiert“, sagt Hentschel. Wenn man von rechtsextremen Veranstaltungen erfahre, werde die Gemeinde aktiv werden.

Bereits jetzt sahen die Verantwortliche sich offenbar veranlasst, eine Resolution zu verabschieden. Im Spreewald sei „kein Platz für Rassismus und Intoleranz“, heißt es in dem Text.

Brandenburger Innenministerium ist alarmiert

Auch das Brandenburger Innenministerium ist alarmiert. Zu „personenbezogenen Angaben“ könne er aus Gründen des Datenschutzes keine Angaben machen, sagt Ministeriumssprecher Martin Burmeister auf Anfrage. Das Ministerium habe aber Erkenntnisse, dass in Burg Personen unternehmerisch tätig geworden seien, „die erhebliche Bezüge zur rechtsextremistischen Mischszene im Raum Cottbus aufweisen“.

Die Sorge vor Szene-Treffen betrifft vor allem das „Deutsche Haus“. Ein Saal im hinteren Bereich der Gaststätte bietet augenscheinlich mehr als hundert Personen Platz. Burmeister spricht von einer Immobilie, „die besondere logistische Voraussetzungen zur Durchführung rechtsextremistischer Events wie Konzerte bietet“.

Wie gefährlich es werden kann, wenn ein Treff von Rechtsextremisten sich erstmal etabliert hat, zeigt ein Statement des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Es ergebe sich „die Gefahr einer Verankerung von Rechtsextremisten in bestimmten Regionen“, schreibt das Amt.

Auch das Aktionsbündnis Brandenburg, eine zivilgesellschaftliche Organisation, die mit Unterstützung der Landesregierung Brandenburg über Rechtsextremismus aufklärt, warnt. Rechte Szenetreffs könnten zu „Angsträumen“ für diejenigen werden, „die nicht in das extrem rechte Weltbild und die darin enthaltene Vorstellung einer homogenen Volksgemeinschaft entsprechen“, sagt die Leiterin des Aktionsbündnisse, Frauke Büttner.

Es wäre interessant gewesen zu erfahren, was Daniel Grätz zu den Befürchtungen sagt. Doch er schweigt. In einem ersten Telefonat behauptet er, unpolitisch zu sein. Einen ausführlichen Fragenkatalog lässt er unbeantwortet. Telefonisch bestätigt Grätz lediglich, dass er die Fragen erhalten habe. Dann reagiert er nicht mehr. Auch nicht auf Nachfrage.

Wie begründet die Sorgen der Gemeinde Burg und der Sicherheitsbehörden des Landes Brandenburg sind, zeigt eine Beobachtung, von der Ministeriumssprecher Burmeister berichtet. Bereits unmittelbar nach Lockerung der Corona-Maßnahmen, nämlich an Christi Himmelfahrt, „wurde die betreffende Immobilie von zahlreichen Anhängern der rechtsextremistischen Szene aufgesucht“, sagt Burmeister.

Die Idylle in Burg – sie steht auf der Kippe.