Landwirtschaft

Tausende melden sich als freiwillige Erntehelfer

Trotz des großen Hilfsangebots aus der Bevölkerung sind die Landwirte skeptisch. Denn Spargelstechen will gelernt sein.

Einige Erntehelfer sollen nun doch einreisen dürfen

Die Bundesregierung hat sich darauf geeinigt, im April und Mai nun doch 40.000 Erntehelfer nach Deutschland einreisen zu lassen - unter strengen Auflagen.

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Berlin. Mindestens 300.000 Helfer werden laut Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner benötigt, um die Engpässe angesichts fehlender Saisonarbeiter in der Landwirtschaft bewältigen zu können. Deswegen rief sie die Bürger am Donnerstag noch einmal dazu auf, freiwillig an der diesjährigen Ernte teilzunehmen. Klöckner erinnerte zudem, dass die Bundesregierung für die Saisonarbeit Hinzuverdienstgrenzen erweitert und zusätzliche Erleichterungen im Arbeitsrecht beschlossen habe. Außerdem entwickle ihr Haus hierfür zurzeit einheitliche Regelungen für Hygienevorschriften auch in der Lebensmittelproduktion.

Über die Kampagne www.daslandhilft.de, an der das Agrarministerium beteiligt ist, hätten sich erfreulicherweise bereits 42.000 Menschen zur Saisonarbeit gemeldet. „Der Großteil kontaktiert uns nach dem Aufruf der Politik aber direkt“, sagt Malte Voigts, Geschäftsführer des Spargelhofs Kremmen. So sei eine bunte Truppe von über 450 Personen aus dem näheren Umkreis momentan bereit, ihm bei der Spargelernte unter die Arme zu greifen, darunter Schüler, Studenten, Bauarbeiter sowie Kurzarbeiter aus allen Branchen, vor allem der Gastronomie. Tendenz steigend.

Voigts freut sich dabei besonders über die gezeigte Solidarität, den Bauern in ihrer Not helfen zu wollen. Einige der Freiwilligen würden laut ihm sogar ohne Lohn arbeiten oder nur in Naturalien bezahlt werden wollen. Die meisten seien jedoch Menschen, die durch die Corona-Krise in finanzielle Nöte geraten sind und deswegen Geld verdienen müssen.

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Spargelstechen: Geschulte Fachkräfte aus Osteuropa kaum gleichwertig zu ersetzen

Allerdings gibt es auch Bedenken hinsichtlich dieses Ansatzes. So weisen viele Landwirte darauf hin, dass ungelernte deutsche Freiwillige geschulte Fachkräfte aus Osteuropa nicht gleichwertig ersetzen können. Auch diese hätten gewisse Sorgen, wie Gerald Simianer vom gleichnamigen Beelitzer Spargelhof weiß: „Viele meiner polnischen Erntehelfer haben Angst, dass sie sich über Städter aus Berlin mit dem Coronavirus infizieren könnten“. Skeptisch eingestellt sei man bei ihm zudem gegenüber Kurzarbeitern. Denn sollte das wirtschaftliche Leben in einem Monat weitergehen, könne es durchaus passieren, dass die Höfe mitten in der Hochsaison plötzlich leer dastehen und die Freiwilligen stattdessen zurück an ihre eigentlichen Arbeitsstellen wandern.

„Die meisten Bewerber haben noch nie in ihrem Leben Spargel gestochen und müssen erst einmal möglichst individuell eingearbeitet werden“, so Simianer weiter. Und die Zeit hierzu drängt. Die letzten zwei Wochen seien zwar ungewöhnlich kalt für den Spargel gewesen. Ab Montag wird es jedoch wieder wärmer und ab dann müsse bereits mit vollem Einsatz von allen gearbeitet werden. „Sechs Tage die Woche draußen im Feld sein bei Wind und Wetter ist kein Zuckerschlecken“, bestätigt auch Malte Voigts vom Spargelhof Kremmen, „da muss man robust sein. Abgesehen davon müssen die Helfer die Technik und das spezielle Zeitmanagement des Spargelstechens erst erlernen. Wir wollen schließlich Qualitätsprodukte verkaufen.“

Erntehelfer müssen geschult werden

Um zu verdeutlichen, wie schwer das ist, greift Voigts auf einen einfachen Vergleich zurück: „Geben Sie mir eine Schere und ich kriege das Haar damit gekürzt, aber ich würde deswegen nicht sagen, dass ich es auch schneiden kann“. Wie auf dem Hof Simianer wird es auch in Kremmen nicht möglich sein, alle Bewerber an einem Tag auf einmal zu schulen – allein schon wegen der Ansteckungsgefahr. Vielmehr muss das Spargelstechen mühsam in Gruppen von höchstens zwanzig Leuten von Grund auf mit stetig zu desinfizierendem Arbeitsmaterial erklärt werden. Der Aufwand hierfür sei extrem hoch.

Aufgrund dieser vielfältigen Probleme betonte Ministerin Klöckner am Donnerstag noch einmal die Notwendigkeit auch qualifizierter ausländischer Saisonkräfte, etwa über Vermittlungsfirmen – eine Einschätzung, die von vielen der Spargelbauern geteilt wird. Sie hoffe hierbei auf eine Lösung in ihren Gesprächen mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), „wie der notwendige Infektionsschutz der Bevölkerung zusammengebracht werden kann mit der Sicherung von Ernten“. Seehofer hatte am Mittwoch vergangener Woche im Kampf gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie ein Einreiseverbot für Saisonarbeiter angeordnet.