Biotonne

Mehr Bioabfall, weniger Hausmüll

Die flächendeckend vorgeschriebene Biotonne wirkt: Die Menge organischer Abfälle ist deutlich gestiegen.

Die Biotonnen-Pflicht führt zu weniger Restmüll und mehr Biomüll.

Die Biotonnen-Pflicht führt zu weniger Restmüll und mehr Biomüll.

Foto: Tobias Kleinschmidt / picture-alliance / Tobias Kleinschmidt

Berlin . Die ab April vergangenen Jahres eingeführte Biotonnen-Pflicht zeigt Wirkung. Die Menge des eingesammelten Bioabfalls ist in Berlin stark gestiegen. Gleichzeitig musste die Berliner Stadtreinigung (BSR) weniger Haus- und Gewerbemüll abfahren. Das hat Umweltstaatssekretär Stefan Tidow jetzt auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Georg Kössler mitgeteilt.

2018 hatte die BSR noch 77.200 Tonnen Essensreste, Gartenabfälle und andere organische Materialien über die braunen Biotonnen entsorgt. 2019 war die Menge um ein gutes Drittel höher – 103.300 Tonnen. Weil die Bürger weniger organisches Material in die grauen Hausmülltonnen warfen, sank die über diesen Weg entsorgte Summe des Haus- und Gewerbeabfalls um fast zwei Prozent auf 798.300 Tonnen. Im Jahr zuvor waren es noch 813.500 Tonnen.

Der Umweltexperte der Grünen, Georg Kössler, sieht sich durch diese Ergebnisse in seinen lange gestellten Forderungen nach einer Ausweitung der Biotonne auch auf die Außenbezirke der Stadt bestätigt. „Die Getrenntsammlung spart CO2 und Ressourcen“, sagte Kössler. Trotzdem lande noch zu viel Müll in der grauen Tonne. „Die BSR muss mehr und besser über Abfallverwendung und Vermeidungsmöglichkeiten informieren. Eine Abfallrechnung könnte helfen“, sagte der Grünen-Politiker. Dabei erfahre jeder Haushalt, wie sich die eigenen Kosten für die Müllabfuhr zusammensetzten und wie man Geld durch bessere Abfalltrennung sparen könnte. Eine solche Berechnung für jeden Haushalt hält die BSR jedoch für „nicht realisierbar“.

BSR hält Kapazitäten zur Entsorgung für ausreichend

Die Debatte um die Entwicklung der Müllmengen ist nicht unwichtig. Denn in Berlin wird schon länger darüber diskutiert, ob die Kapazitäten der Müllverbrennungsanlage der BSR in Ruhleben dauerhaft ausreichen. Der Müllofen neben dem Kraftwerk Reuter verfeuert etwa zwei Drittel des Berliner Hausmülls.

Die BSR und die Senatsumweltverwaltung hatten sogar schon den Klageweg beschritten, um ihre Differenzen zu klären. Das Landesunternehmen möchte die Kapazitäten möglichst voll ausschöpfen. Die Behörde wollte zunächst nur 520.000 Tonnen für die „thermische Verwertung“ genehmigen. Schließlich kam das Haus der Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne) trotz Bedenken von Grünen und Umweltschützern zu dem Schluss, der BSR zur Verbrennung in Ruhleben 580.000 Tonnen Abfall pro Jahr zu gestatten.

Aus Sicht der Stadtreinigung ist die Verschiebung der Mengen zwischen dem Biomüll und dem sonstigen Abfall folgerichtig. „Es wäre merkwürdig, wenn die Mengen nicht steigen würden, nachdem wir mehr Biotonnen aufgestellt haben“, sagte BSR-Sprecherin Sabine Thümler. Der zusätzlich eingesammelte Bioabfall sei früher „andere Entsorgungswege gegangen“. Thümler wies aber auch darauf hin, dass der Rückgang beim Restmüll nicht so drastisch ausfalle. Die Menge des Hausmülls pro Kopf sei in Berlin ohnehin seit Jahren konstant, eine Steigerung gehe auf die wachsende Bevölkerung der Stadt zurück.

BSR will erst die vorhandenen Kapazitäten auslasten

Obwohl in der Stadt über neue Entsorgungskapazitäten für Bioabfälle diskutiert wird und eine neue Anlage auch im derzeit erstellten Abfallwirtschaftskonzept des Senats vorgesehen ist, hält man bei der BSR ein solches Projekt derzeit nicht für dringlich. Um den zusätzlichen Biomüll zu verwerten, hatte die BSR im Sommer 2018 die Hennickendorfer Kompost GmbH übernommen. Mit der Anlage im Landkreis Märkisch-Oderland östlich der Hauptstadt kann die BSR nach eigener Einschätzung ausreichende Mengen Bioabfall verwerten. Insgesamt stehen Kapazitäten für die Kompostierung von 69.000 Tonnen pro Jahr und weitere für die Vergärung zur Verfügung. Hinzu kommt die Biogasanlage in Ruhleben, wo die BSR schon länger 70.000 Tonnen pro Jahr vergärt und daraus Gas als Energiequelle gewinnt.

Ehe man an eine neue Anlage denke, müsse man erst die vorhandenen Kapazitäten auslasten, so die BSR-Sprecherin.

Umweltpolitiker wie Kössler haben schon länger den Argwohn, die BSR tue nicht genug, um die Berliner zur Abfallvermeidung anzuhalten und um die von der rot-rot-grünen Koalition ausgerufene „Zero Waste“, also „Null-Abfall“-Strategie umzusetzen. Das Landesunternehmen berichtete darum auf Kösslers Anfrage hin über seine Aktivitäten in der Abfallberatung, für die man im vergangenen Jahr eine Million Euro ausgegeben habe. So würden Schulen und Kitas besucht und Interessierte über die Recyclinghöfe geführt.

Mit dem „Abfallfreitag“ sollten Bürger für das Thema Müll sensibilisiert werden. Über die sozialen Medien habe man 1,3 Millionen Kontakte zu dem Thema erreicht.