Kriminalstatistik

Angriffe auf Polizisten in Brandenburg nehmen zu

Kriminalitätsstatistik Brandenburg: Die Zahl der Straftaten sinkt auf ein Rekordtief. Gleichzeitig gibt es viele Attacken auf Beamte.

Roger Höppner, amtierender Brandenburger Polizeipräsident FUNKREGIO OST +++

Roger Höppner, amtierender Brandenburger Polizeipräsident FUNKREGIO OST +++

Foto: Soeren Stache / ZB

Potsdam. Statistisch verzeichnet Brandenburg Rekorde: „Die Zahl der registrierten Straftaten ist 2019 auf den niedrigsten Stand seit Bestehen des Landes gesunken“, erklärt Innenminister Michael Stübgen (CDU). Laut polizeilicher Kriminalitätsstatistik, die der Christdemokrat am Mittwoch in Potsdam vorstellte, seien 171.828 Straftaten gezählt worden – „ein Rückgang von 0,6 Prozent gegenüber 2018 bei einer Aufklärungsquote von 56,3 Prozent.“

Die Zahl der Delikte je 100.000 Einwohner liegt damit bei 6902 Straftaten. Berlin warte dagegen mit fast doppelt so vielen Delikten pro 100.000 Einwohner (14.086) auf, führe die negative Spitze im Ländervergleich an, merkt Stübgen mit Blick aufs Nachbarland an. Dass die Zahl der erfassten Fälle in Brandenburg zum sechsten Mal in Folge gesunken ist, sei maßgeblich mit dem Rückgang von Diebstahlsdelikten (-5,3 Prozent) und Betrugsfällen (-8,3 Prozent) zu erklären. Es wurde weniger aus Autos, Büros, aus Bungalows und Gärten gestohlen, auch Taschendiebe schlugen seltener zu.

Auch, weil sich in den 24 märkischen Grenzgemeinden zu Polen die Zusammenarbeit mit den polnischen Kollegen effizient gestalte. Die Gesamtkriminalität sei in den Grenzgemeinden mit 17.890 Straftaten um 3,9 Prozent gesunken. Trotzdem wirkt Stübgen nur bedingt zufrieden. Denn die Statistik weist zugleich einen Negativrekord auf. So hat die Gewalt gegen Polizisten einen neuen Höchststand erreicht. 1.262 Fälle wurden im vergangenen Jahr registriert, 283 Fälle mehr als noch 2018 (+28,9 Prozent). 2.162 Polizisten wurden Opfer von Straftaten, 454 (+26,6 Prozent) mehr als 2018. Widerstand gegen Polizeivollzugsbeamte mache den Hauptanteil der Fälle aus. Vielfach seien die Täter zudem alkoholisiert gewesen.

Zusammenstöße habe es bei Demonstrationen und Versammlungen gegeben, erläutert der amtierende Polizeipräsident Roger Höppner. Aber nicht nur: „Schwere Delikte ereigneten sich auch in Alltagssituationen wie bei Verkehrskontrollen“, sagt Höppner. „Das ist nicht vorhersehbar“, erläutert er das Dilemma und gibt Beispiele. Wegen eines angeblichen Einbruchs seien zwei Polizisten über den Notruf in eine Wohnung in Oranienburg gelockt worden. Doch der vermeintlich Hilfesuchende, ein Mann Mitte 20, habe das Team in seinen Räumen mit einem Messer aus dem Hinterhalt attackiert. Nur die Schutzwesten hätten Schlimmeres verhindert. „Trotzdem wurden beide Kollegen verletzt.“

Nicht der einzige Mordversuch: Höppner berichtet von zwei 17-Jährigen, die vom Dach eines Rohbaus in Stahnsdorf aus mehrere 32 und 17 Kilogramm schwere Propangasflaschen gezielt auf Polizisten schleuderten. „Vor dem Wurf öffneten die Jugendlichen sogar eine der Flaschen, warfen ein brennendes Stück Papier hinterher.“ Nicht weniger aggressiv habe sich auch ein betrunkener Radfahrer wiederum in Oranienburg aufgeführt. Als Polizisten den Anfang 50-Jährigen kontrollieren wollten, griff er die Beamten erst mit Fäusten, dann mit einem Cuttermesser an.

Schutzwesten werdenüberprüft und verbessert

„In allen drei Fällen handelte es sich übrigens um deutsche Täter“, betont Höppner. Der hat aus der Gewaltspirale Konsequenzen gezogen. Die Einsatztrainings an der Hochschule der Polizei wurden überarbeitet, aktuell würden Schutzwesten überprüft und gegebenenfalls verbessert. „Diese Gewalt gegen Polizisten ist ein deutliches Zeichen für die zunehmende Verrohung von Teilen der Gesellschaft“, empört sich der Innenminister. Es fehle an Respekt gegenüber dem Rechtsstaat. „Das werden wir nicht dulden“, kündigt Stübgen an. „Wir verstärken Prävention und Repressalien.“ Heißt konkret, dass märkische Polizisten künftig vermehrt mit Bodycams und Elektroschockern ausgerüstet werden.

Sorge bereitet Höppner zudem die Zunahme der Rauschgiftkriminalität. 9645 Fälle wurden 2019 erfasst, 11,6 Prozent mehr als 2018. Bei knapp der Hälfte der Delikte handelte es sich um Verstöße mit Cannabis, gefolgt von Amphetaminen. „Wir gehen von einem großen Dunkelfeld aus.“ Brandenburg fungiere nicht als Durchgangsland für Drogen, die Dealer fänden stattdessen hier ihre Konsumenten. Besonders betroffen sei das Zuständigkeitsgebiet der Polizeidirektionen Süd, Barnim, Potsdam und Oberhavel. Präventiv arbeite man mit Bildungseinrichtungen zusammen, verweist Höppner auf 835 Schulpartnerschaften.

„Wir werden außerdem an einschlägigen Treffs deutlich häufiger kontrollieren.“ LKA, Zoll und die polnische Polizei würden erfolgreich zusammenarbeiten. So gingen Ermittlern nach Hausdurchsuchungen im November 2018 im Havelland knapp 200 Kilogramm Marihuana und 20 Kilogramm Haschisch im Wert von einer Million Euro ins Netz. „Der entscheidende Hinweis kam von der polnischen Polizei“, sagt Höppner.

Ein Schlag gegen einen internationalen Drogenring gelang den Ermittlern im Sommer vorigen Jahres. Einsatzkräfte der gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgiftkriminalität des LKA und des Zolls fingen eine Lieferung mit 250 Kilogramm Marihuana in Großwoltersdorf ab, die unter 20 Tonnen Salat in einem spanischen Lastwagen versteckt waren.