Coronavirus-Verdacht

Wie die Neustädter mit der Quarantäne umgehen

19 Personen hatten Kontakt zu einer infizierten Berlinerin. Nun befinden sich 2250 Menschen in Neustadt/Dosse in häuslicher Quarantäne.

Die "Prinz-von-Homburg" Gesamtschule in Neustadt/Dosse.

Die "Prinz-von-Homburg" Gesamtschule in Neustadt/Dosse.

Foto: dpa

Neustadt/Dosse. Die Folgen des Corona-Virus werden auch in Sieversdorf in Ostprignitz-Ruppin spürbar: Die dortige Spielgemeinschaft musste Fußballspiele für das kommende Wochenende absagen – der Verein kann keine Mannschaft mehr stellen. Hintergrund ist, dass der Ortsteil von der Massen-Quarantäne betroffen ist, die am Montag für bis zu 2250 Menschen in Neustadt (Dosse) und Umgebung verhängt wurde.

Die gute Nachricht: Von 19 Menschen, die in Neustadt (Dosse) Kontakt zu einer mit dem Coronavirus Infizierten aus Berlin hatten, ist bei acht bisher keine Infektion festgestellt worden. „Alle diese acht Testergebnisse sind negativ“, sagte der Landrat des Kreises Ostprignitz-Ruppin, Ralf Reinhardt (SPD), am Mittwoch in Neuruppin. Die Ergebnisse für die übrigen 11 Menschen sind offen, weitere würden im Laufe des Tages erwartet.

Coronavirus in Brandenburg: 19 Personen hatten Kontakt zu infizierter Berlinerin

An Tag eins nach der Quarantäne herrschte in Neustadt deutlich weniger Treiben auf den Straßen als an anderen Tagen, aber ganz zum Erliegen ist das öffentliche Leben nicht gekommen. Der Supermarkt hatte geöffnet, bat jedoch mit einem Schild darum, dass Quarantäne-Patienten das Geschäft nicht betreten sollten. Stattdessen bietet der Supermarkt eine kostenlose Lieferung an.

Der Landrat des Landkreises Ostprignitz-Ruppin hat mit Blick auf die Vorsichtsmaßnahmen in Neustadt zu Ruhe und Besonnenheit aufgerufen. Die Maßnahmen dienten rein der Vorsorge, sagte Ralf Reinhardt (SPD) am Dienstag. Der Landkreis hatte, neben der beschlossenen „Vorsorge-Quarantäne“ auch mehrere Schulen und Reitanlagen geschlossen.

„Wir bitten die Betroffenen, das Haus möglichst nicht zu verlassen und Massenansammlungen zu vermeiden“, sagte der Sprecher des Landkreises, Alexander von Ulenieki. Dies sei ein Appell an die Vernunft und die gesellschaftliche Solidarität. Kontrollieren könne man die Quarantäne angesichts der vielen betroffenen Menschen nicht.

Auch bei negativem Testergebnis bleibt "Vorsorge-Quarantäne" bestehen

Insgesamt 19 Personen hatten am 2. März über einen längeren Zeitraum Kontakt mit einer Berlinerin, bei der später eine Corona-Infektion festgestellt worden ist. „Zwischen dem Kontakt und unserer Kenntnis von der Infektion verstrichen mehrere Tage, sodass sich der Virus ausbreiten könnte“, sagte der Sprecher. Das örtliche Gesundheitsamt entschied sich daraufhin in Absprache mit dem Landkreis für die häusliche Isolation der 19 Betroffenen und der „Vorsorge-Quarantäne“ für alle möglichen Kontaktpersonen, darunter Mitarbeiter des Haupt- und Landgestüts sowie einzelne Lehrer der Prinz-von-Homburg-Schule.

Auch wenn alle 19 Personen negativ getestet werden, bliebe der Appell bestehen, da die Inkubationszeit der Krankheit bis zu zwei Wochen dauere, sagte der Sprecher des Landkreises. Erfreut zeigte sich Landrat Reinhardt am Dienstag, dass die Menschen vernünftig und besonnen mit der Situation umgingen. Der Landkreis versuche zudem über die Internetseite und die geschaltete Hotline Informationen an die Betroffenen direkt weiterzugeben.

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Die betroffene Schule samt Außenstellen und die beiden Reitinternate in Neustadt bleiben bis zum 17. März geschlossen, um das Risiko einer Ausbreitung des Corona-Virus in der Region zu minimieren.

Das berichten Betroffene aus Neustadt/Dosse: „Uns geht es gut, wir haben keine Symptome“

Andreas Gawe will sich seine Stimmung nicht vermiesen lassen: Er ist nach Coronavirus-Verdacht mit seiner Familie in häuslicher Quarantäne. „Uns geht es gut, wir haben keine Symptome“, sagt er in sicherem Abstand durch das Wohnzimmerfenster gelehnt. Er hat sich mit Frau, zwei Töchtern und seinem 18 Monate alten Sohn im Elternhaus einquartiert. Auf die endgültige Entwarnung durch den Test will er hier warten.

Sorgen bereitet Gawe, wie seine beiden Töchter nun den fehlenden Unterricht verkraften. Die Ältere wolle aufs Gymnasium, da müsse die Leistung stimmen. Hausaufgaben seien bislang keine übermittelt worden. „Für das leibliche Wohl sorgt meine Mutter mit voller Vorratskammer und Kühlschrank“, sagt er. Schwieriger sei es, alle bei den Zwangsferien bei Laune zu halten, damit keine Langeweile und kein Streit entstehe.

Gawe arbeitet bei der Firma Hüffermann Transportsysteme und ist dort Bereichsleiter Endmontage. Auch seine beiden Stellvertreter müssen zwangsweise zuhause in Quarantäne bleiben. „Wenn bei insgesamt 240 Beschäftigten 30 nicht zur Arbeit kommen dürfen, ist das zu merken“, sagt Hüffermann-Geschäftsführer Stephan von Schwander.

Mitarbeiter in Quarantäne: Hüffermann Transportsysteme hat 100.000 Euro Verlust

In den Produktionshallen ist der Lärm der Maschinen nicht so laut wie sonst: normalerweise montieren 24 Kollegen in diesem Bereich die Spezialanhänger, berichtet er. An diesem Tag sind es nur neun. „Wir haben 100 000 Euro Verlust in der Woche durch den Ausfall“, sagt Schwander. Er wartet händeringend auf den Anruf des Amtsdirektors von Neustadt/Dosse, der dann Entwarnung nach dem Eintreffen von Testergebnissen geben soll.

Auf dem Firmengelände stehen seit Sonntagabend wieder zehn Spezialanhänger, die nach Italien gehen sollten. „Die waren schon auf dem Lkw zum Abtransport, mussten aber wieder abgeladen werden“, sagt er. Italien lasse Waren nicht rein. „Da stehen nun rund 220 000 Euro herum. Das ist bitter“, sagt Schwander. Die Ware werde zunächst nicht bezahlt. Rechnungen für Material müsste Hüffermann aber begleichen und die Mitarbeiter benötigten weiter pünktlich ihren Lohn.

Weniger Kunden in der Fleischerei

Gerade einmal zwei Kunden hatte Renate Engelbrecht in ihrer Fleischerei bislang. „Es macht sich bemerkbar“, sagt die Verkäuferin. Üblicherweise habe sie sonst bis mittags 30 bis 40 Kunden mit Leberwurst, Hackepeter und gekochtem Schinken zu versorgen. Erklären könne sie sich das nicht richtig. „Wenn man Vorsorgemaßnahmen einhält, ist man doch auf der sicheren Seite“, meint sie.

Doch auch von den acht Mitarbeitern seien fünf krank, zwei davon in häuslicher Isolierung wegen Coronaverdachts. „Im Interesse unserer Kunden müssen wir weitermachen“, sagt sie und schiebt den Gedanken wieder weg, den Laden erst einmal für ein paar Tage zu schließen. Der Edeka-Markt bietet unterdessen einen Bringeservice für Lebensmittel an.

Beim Haupt- und Landgestüt Neustadt sind bislang nur drei der rund 55 Mitarbeiter nicht zur Arbeit erschienen, weil sie sich wegen Coronaverdachts isoliert zuhause aufhalten müssen. „Die Betreuung der 400 Pferde ist gesichert“, sagt Geschäftsführerin Regine Ebert.

Kellnerin von „Olafs Werkstatt“ wohl auf Zypern in Quarantäne

Olaf Krause, Inhaber des Restaurants „Olafs Werkstatt“ mit Theater und Bowlingbahn erzählt zunächst lachend von einem Anruf besorgter Gäste. „Sie hätten gehört, ganz Neustadt wäre in Quarantäne und von der Polizei abgeriegelt. Niemand dürfe angeblich rein“, berichtet er. „Ja, und das Lied vom Tod ist zu hören“, witzelt er dann über Gerüchte.

Wenig später ist der Spaß für den Wirt vorbei. Er erhält den Anruf einer seiner Kellnerinnen. Sie ist im Urlaub auf Zypern und wollte am Sonntag zurückkehren. „Daraus wird nun vermutlich nichts: In einer Maschine aus Stuttgart sei ein Reisender mit Corona-Verdacht gewesen, hat sie erzählt“, sagt Krause. Nun müsse sie voraussichtlich auf Zypern erstmal in Quarantäne bleiben.

Zwei Schulklassen des Lise-Meitner Gymnasiums in Falkensee in häuslicher Quarantäne

Nachdem es auch im Havelland einen Infizierten mit dem Virus (Sars-CoV-2) gibt, wurden zwei Schulklassen und einige Lehrer des Lise-Meitner Gymnasiums in Falkensee (Havelland) auf Anordnung des Gesundheitsamtes in häusliche Quarantäne geschickt. Das teilte die Schule auf ihrer Internetseite mit. Für weitere Personen der Schule bestehe laut Gesundheitsamt kein weiterer Handlungsbedarf. Der Schulbetrieb verlaufe ansonsten wie geplant. Zunächst hatte die "Märkische Allgemeine" berichtet.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Brandenburg forderte vom Bundesbildungsministerium klare Regelungen für die Schulen und ein Verbot aller Klassenfahrten und Schüleraustausche. "Die Situation spitzt sich auch in Brandenburg weiter zu", erklärte Landeschef Günther Fuchs.

Coronavirus in Brandenburg: Polizei sieht sich gut vorbereitet

Die Brandenburger Polizei ist nach Angaben von Innenminister Michael Stübgen (CDU) auf mögliche Einsätze wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus vorbereitet. "Wir haben bei uns im Ministerium das sehr leistungsfähige Koordinierungszentrum Krisenmanagement, was jederzeit aktiviert werden kann", sagte Stübgen im Innenausschuss des Landtages in Potsdam. "Wann das der Fall sein wird, das kann man im Moment noch schwer abschätzen." Ausrüstung für Polizisten im Kontakt mit möglichen infizierten Personen sei ausreichend vorhanden. Ein Polizist, dessen Lebensgefährtin positiv getestet sei, sei derzeit in häuslicher Quarantäne. (mit dpa)