Kampfmittelräumung

Unterm Rasen lauern vergessene Bomben und Granaten

Im Auftrag der Schlösserstiftung wird der Park bereits seit Mitte Februar umfassend nach Kampfmitteln abgesucht.

Kampfmittelräumer Robert Kauschke geht im Park Babelsberg mit der Handsonde über eine Wiese vor dem Kleinen Schloss.

Kampfmittelräumer Robert Kauschke geht im Park Babelsberg mit der Handsonde über eine Wiese vor dem Kleinen Schloss.

Foto: Soeren Stache / ZB

Potsdam.  – Mit schwerem Gerät die weitflächigen Wiesen im 150 Hektar großen Park Babelsberg kurz zu halten, kommt für Katrin Niebergall nicht in Frage. Lieber müht sie sich mit einem kleinen Mäher, der für wenig Druck und Erschütterung sorgt. Denn die Gartenmeisterin bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) weiß um die möglichen Gefahren im Boden. Auch 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lauern unterm Grün nicht detonierte Bomben und Granaten.

„Der Park Babelsberg lag in der Einflugschneise der alliierten Luftstreitkräfte und wurde mehrfach bombardiert“, bestätigt SPSG-Fachbereichsleiter Jan Uhlig. Mehrfach wurden in den vergangenen Jahren Granaten, Munition und mit Bauschutt und Erdmaterial verfüllte Bombentrichter gefunden. Erst 2015 musste ein Blindgänger im Strandbad Babelsberg entschärft werden. Mit der Zitterpartie soll künftig Schluss sein. Im Auftrag der Schlösserstiftung wird der Park bereits seit Mitte Februar umfassend nach Kampfmitteln abgesucht.

Wege sollen instandgesetzt und Bäume gepflanzt werden

Ziel sei die vollständige Kampfmittelfreiheit. „Die ist Voraussetzung für die in den kommenden Jahren geplanten und dringend notwendigen gartendenkmalpflegerischen Wiederherstellungs- und Erhaltungsmaßnahmen“, begründet Uhlig. Wege sollen instandgesetzt, Bäume gepflanzt, Böden modelliert, Stubben mit der Fräse gerodet werden – „und das natürlich gefahrlos“. Wichtiger noch: Im Rahmen des zweiten Sonderinvestitionsprogramms stehen nun auch die Mittel bereit, um das kilometerlange Bewässerungssystem inklusive der historischen gusseisernen Brauchwasserleitungen zu sanieren und zu erweitern.

Denn noch müssen Niebergall und ihre 18 Kollegen in den Sommermonaten umständlich mit mobilen Wassertanks die Flora in der Anlage versorgen. Um den Gärtnern die Arbeit zu erleichtern, sollen an diversen Standorten Zapfstellen installiert werden. Zugleich soll auch die einst größte Wasserfläche im Park – der Große See – wieder gefüllt werden. Havelwasser wird dazu über das Pumpbecken und durch die dann sanierten Wasserleitungen eingeleitet werden.

Der nördliche Bereich des Parks, etwa ein Drittel der Gesamtfläche, wurde bereits in den vergangenen Jahren von Kampfmitteln befreit. Anders sieht es im südlichen Parkteil aus: Auf rund 77 Hektar Fläche hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg auf Luftbildern 36 Bombentrichter und elf Verdachtspunkte ausgemacht. Es könnten noch einige dazu kommen, schätzt Thomas Wietfeldt, Chef der Müsing GmbH. Sein Unternehmen mit Sitz in Hohen Neuendorf beräumt die Kampfmittel im Park Babelsberg. Wietfeldts Firma arbeitet seit Jahren für das Land Brandenburg, räumt beispielsweise im stark bombenbelasteten Forst von Oranienburg gründlich auf. Mit dem Auto, im waldigen Parkgebiet auch zu Fuß, ausgestattet mit jeder Menge Technik und EDV, sondiere sein Team derzeit das Gelände, erklärt Wietfeldt. „40 Hektar haben wir bereits untersucht.“

Temporär werden Bereiche für die Öffentlichkeit gesperrt

Sondiert wird in drei Abschnitten: Im Frühjahr steht der Check des südlichen und westlichen Parkteils an, anschließend folgt der mittlere und östliche Bereich. „Temporär werden wir Bereiche für die Öffentlichkeit sperren“, kündigt Wietfeldt an. In den nächsten Wochen trifft das beispielsweise Flächen im und um das Strandbad. Nahe des Havelhauses haben die Beräumer einen Bombentrichter entdeckt. Der muss gründlich begutachtet, wenn nötig geräumt werden. Rund eine Woche werde das dauern. „Mögliche Abwurfmunition könnte hier in einer Tiefe von drei bis vier Metern liegen“, weiß Wietfeldt. Mittels Bagger und Bohrgerät würde an Verdachtsstellen daher bis zu einer Tiefe von sechs Metern in einem Umkreis von 1,50 Metern sondiert. Bis Frühjahr 2022 sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein. Die SPSG beziffert die Kosten auf einen mittleren sechsstelligen Betrag.

Auch das Havelhaus soll saniert werden

Mit den Bauarbeiten im Park ist es nach der Beräumungsphase jedoch nicht getan. Neben dem Kleinen Schloss soll das Havelhaus, eines der ältesten Gebäude im Park, saniert werden. Vorerst geschätzte Kosten: 1,6 Millionen Euro. 1843 wurde das Bauwerk als „Liebische Meierei“ für den Potsdamer Schornsteinfegermeister Carl Ferdinand Liebisch errichtet. Ein Brand im Jahr 1883 zerstörte das nach einem Entwurf von Ludwig Persius gestaltete Haus vollständig. Als zweigeschossige Villa im neugotischen Stil wurde es nach Plänen von Reinhold Persius wieder aufgebaut und überformt.

Als sogenanntes Überfahrerhaus beherbergte es neben den Parkwächtern auch den Fährmann, der die Fähre zwischen Potsdam und Nowawes betrieb. Erst mit dem Bau der Nuthestraße und ihrer Havelüberquerung ab 1975 wurde die Fähre nicht mehr benötigt. Noch als Wohnraum genutzt, steht die Villa seit 2016 leer. Nach Untersuchungen der Fachhochschule Potsdam dürfte einen Großteil der Schäden im Bauwerk auf Feuchtigkeit zurückzuführen sein, zudem eine hohe Schadstoffbelastung vorliegen, bedingt durch Anstriche mit Holzschutzmitteln, Blei und Arsen.