Elon Musk

100 Tage Tesla-Fabrik: Was bisher geschah

Vor 100 Tagen kündigte Tesla den Bau der Fabrik in Grünheide an. Nun sind Rodungsarbeiten gestoppt, die Landesregierung wird nervös.

Tesla in Grünheide: So gigantisch wird die Gigafactory 4

Tesla baut eine Fabrik in Grünheide bei Berlin. Bis zu 500.000 Autos sollen hier bald gebaut werden – in der Region entstehen tausende Jobs.

Beschreibung anzeigen

Berlin/Grünheide. Es war um 22.22 Uhr vor genau 100 Tagen: Auf dem Twitter-Account von Tesla-Chef Elon Musk erschienen ein paar Herzen in Schwarz-Rot-Gold, dazu zwei Worte: Giga und Berlin. Die Nachricht verbreitete sich binnen Minuten.

Der Mann, der den Automobilverkehr revolutionieren, der Menschen mit 1220 Sachen durch Röhren schießen will, baut im Kreis Oder-Spree eine von dann vier Tesla-Fabriken auf dem Planeten. Und das ganze – wie soll es anders sein – in Gigageschwindigkeit: 2021 soll der erste Kompakt-SUV Model Y in Grünheide vom Band laufen.

Tesla in Brandenburg: So soll die geplante "Gigafactory" in Grünheide aussehen"

<<<< GRAFIK VERGRÖSSERN >>>>

Medien und Politiker reagierten euphorisch: Die Rettung des unter Strukturwandel, Arbeitsplatzmangel und Abwanderung darbenden Ostens ward erkannt.

Und nicht nur wirtschaftlich hingen große Erwartungen an der Fabrik. Geht es doch in Brandenburg um so viel mehr: um die Zurückgewinnung der Protestwähler, der Frustrierten, der Rechten – ja, es geht um nichts Geringeres, als die Erosion der Nachwende-Demokratie aufzuhalten.

Lesen Sie auch: Fall Tesla - Berlin und Brandenburg schaffen es nur gemeinsam

Tesla-Fabrik in Grünheide: Rodung des Geländes ist gestoppt

Nun macht das Erhaltenswerte dieser Demokratie aber vieles aus, was dem Giga-Tempo eines Elon Musk nicht gerade einen Beschleunigungsschub verpasst. Da sind Beteiligungsverfahren, Umweltverträglichkeitsprüfungen, Emissionsvorschriften, Tierschutz und Wasserschutzgebiete. Und es gibt den Rechtsstaat.

<<<< GRAFIK VERGRÖSSERN >>>>

Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (OVG) prüft zurzeit eine Beschwerde der Grünen Liga. Die vorläufige Rodung des Geländes ist gestoppt. Die hätte bis Ende Februar abgeschlossen sein sollen, bevor sich schützenswerte Brutvögel und Reptilien im Kiefernwald niederlassen. Die Entscheidung wird in diesen Tagen erwartet.

Lesen Sie auch: Minister Altmaier für zügigen Bau der Tesla-Fabrik

Wer sich in der Potsdamer Landesregierung umhört, der spürt daher eine erhöhtes Spannungsniveau, dem wird gesagt, dass Tesla nicht scheitern dürfe, von höchster Priorität ist da die Rede – und von der Sorge um weitere Ansiedlungen, sollte Tesla doch scheitern. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) persönlich ist Chef der Task-Force Tesla. Aber 100 Tage nach Musks Ankündigung sind noch viele Fragen offen. Ein Überblick:

Tesla in Brandenburg: Was in 100 Tagen geschah

  • 12. November: Elon Musk kündigt bei der Verleihung des Goldenen Lenkrads in Berlin den Bau an, danach folgt der Tweet.
  • 2. Januar: Das Genehmigungsverfahren und damit auch die Überprüfung der möglichen Auswirkungen auf die Umwelt beginnt. Ab jetzt sind die Baupläne von Tesla öffentlich, darf jeder seine Einwände einreichen.
  • 9. Januar: Der Finanzausschuss des Brandenburger Landtags billigt den Kaufvertrag für rund 300 Hektar Bauland im Waldgebiet nördlich von Grünheide. „Die erste große Hürde ist genommen“, sagt Finanzministerin Katrin Lange (SPD). Dem Vernehmen nach heißt es, die Kaufsumme werde auf knapp 41 Millionen Euro festgesetzt. Vorläufig.
  • 18. Januar: Proteste in Grünheide. Hunderte Anwohner demonstrieren gegen die Giga-Fabrik. Sie sind gegen die Rodung des Waldes und weisen auf das Trinkwasserschutzgebiet und einen enormen Wasserverbrauch der Tesla-Fabrik hin.
  • 25. Januar: Elon Musk schaltet sich ein – wieder per Twitter. Er müsse ein paar Dinge klarstellen: Der Wasserverbrauch seiner Fabrik sei unproblematisch, und es werde kein natürlicher Wald gerodet, sondern eine Nutzholzplantage.
  • 13. Februar: Tesla beginnt mit der Abholzung. Das Landesamt für Umwelt hatte eine vorläufige Erlaubnis erteilt – auf eigenes Risiko. Sollte das Vorhaben doch nicht genehmigt werden, müsse der Investor wieder aufforsten.
  • 15. Februar: Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg nimmt einen Eilantrag der Grünen Liga Brandenburg an. Die Beschwerde müsse geprüft werden, die Baumfällarbeiten ruhen. Sobald die Brutvögel im Wald sind, droht eine baldige Rodung endgültig zu scheitern.
  • 19. Februar: Laut Gutachten ist der angesetzte Kaufpreis für das Grundstück zu niedrig. Das prüfen laut einem Regierungssprecher nun Tesla und Potsdam. Die „Bild“-Zeitung zitiert Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) auf die Frage, ob der Autobauer die Geduld verlieren könnte: „Wenn wir denen zu lange zu große Schwierigkeiten machen, würde ich durchaus dieses Risiko sehen. Wir sind ein bisschen nervös.“

Was nach 100 Tagen in Grünheide passieren soll

  • Täglich erwarten Beobachter eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts zur Rodungserlaubnis. Die Frist für entsprechende Stellungnahmen ist seit Dienstag abgelaufen.
  • 5. März: Die Frist für das Einreichen von Einwänden beim Landesamt für Umwelt endet. Danach beginnt die Prüfung. Es dürfte einiges zu tun geben. Anwohner fürchten eine Trinkwasserknappheit, wollen keinen zusätzlichen Lärm von Autobahn und Fabrik, haben Bedenken wegen der Attraktivität der Region als Naherholungsgebiet, wegen Energieknappheit, warnen vor einem Massensterben seltener Insekten aus dem nahe gelegenen Löcknitztal.
  • 18. März: In der Stadthalle Erkner könnte es laut werden. Die Bürger haben die Möglichkeit, ihre Einwände gegen den Bau zu diskutieren.
  • März und April: Ersatzorte und Nistkästen für Vögel und Fledermäuse sollen errichtet sein. Laut der Unterlagen zur Umweltverträglichkeit, die eine Beratungsfirma für Tesla ausgearbeitet hat, sollen außerdem Reptilien auf Ersatzflächen umgesetzt werden, vier Waldameisenester umgesiedelt, der Wolf vor einer Ansiedlung vergrämt werden.
  • Frühjahr 2020: Bis zum Ende des ersten Quartals sollen die Vorbereitungen beendet sein, dann soll die Fabrik gebaut werden. So kommunizieren es weiterhin die Gemeinde Grünheide, die Landesregierung und Tesla.
  • Ab 2021: Die Tesla-Produktion soll laufen. Zunächst sollen 500.000 Autos des Kompakt-SUV-Models Y pro Jahr gebaut werden, später auch die Mittelklasse Limousine Model 3. Bei voller Auslastung in Zukunft verspricht Tesla bis zu 12.000 Arbeitsplätze.