Hennigsdorf

Alstom greift nach Bombardier

Der französische Konzern will offenbar die Bahntechnik-Sparte von Bombardier übernehmen. Was das für die 2300 Mitarbeiter in Hennigsdorf bedeutet, ist unklar

Das Logo des Bahntechnik-Herstellers Alstom.

Das Logo des Bahntechnik-Herstellers Alstom.

Foto: dpa

Hennigsdorf/Toronto. Nachdem eine Fusion des Bahngeschäfts von Siemens mit dem französischen Hersteller Alstom aus kartellrechtlichen Gründen untersagt wurde, wollen die Franzosen nun offenbar das Eisenbahngeschäft von Bombardier übernehmen. Nach „Handelsblatt“-Informationen aus Industriekreisen bietet Alstom sieben Milliarden Euro für die Zugsparte der Kanadier.

Bombardier Transportation hat nach Angaben des Unternehmens rund 40.650 Beschäftigte, Hauptsitz der Sparte ist Berlin. Insgesamt hat der Bombardier-Konzern, dessen zweites Standbein der Flugzeugbau ist, mehr als 68.000 Mitarbeiter. Zuvor hatten bereits der Finanznachrichtendienst Bloomberg und französische Medien über Gespräche zwischen den Konzernen berichtet. Anleger spekulieren ohnehin schon länger über Spartenverkäufe. Sprecher von Bombardier und Alstom sagten auf Nachfrage, dass sie Marktgerüchte nicht kommentieren würden.

Was die Pläne für den Bombardier-Standort in Hennigsdorf bedeuten könnten, war am Donnerstag noch unklar. Der Betriebsratschef für den Standort, Volkmar Pohl, sagte gegenüber der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“, auch die Mitarbeiter wüssten nicht mehr als das, was in der Presse stehe. Sei aber etwas an der Übernahme dran, dann werde er auf Beschäftigungssicherung, Kompetenzerhalt und vor allem den Erhalt des traditionsreichen Hennigsdorfer Bombardier-Standortes pochen.

„Das sind die drei zentralen Punkte, die wir im Fokus haben werden. Egal, was da kommen mag“, sagte Pohl der Zeitung. Das Brandenburger Wirtschaftsministerium wollte auf Anfrage zunächst keinen Kommentar zu der möglichen Übernahme und etwaigen Folgen für den Standort abgeben.

Keine betriebsbedingten Kündigungen bis Jahresende

In Hennigsdorf arbeiten etwa 2300 Mitarbeiter für das kanadische Unternehmen. Der Standort steckt bereits seit März 2018 in einem Transformationsprozess. Damals hatte Bombardier eine Umstrukturierung seiner Bahnsparte beschlossen. In Deutschland sollten den Angaben zufolge etwa 2200 Jobs abgebaut werden – das entspricht jedem vierten Arbeitsplatz.

In Hennigsdorf war der Wegfall von 400 der 800 Jobs in der Serienproduktion geplant. Betriebsbedingte Kündigungen sind zwar noch bis Jahresende ausgeschlossen; einen Topf, um wechselwilligen Beschäftigten Abfindungen zu zahlen, gibt es aber bereits.

Die Neustrukturierung der Standorte sollte das Deutschland-Geschäft von Bombardier neu beleben. Seit sieben Jahren schreibe der Konzern hierzulande rote Zahlen, sagte Geschäftsführer Michael Fohrer damals zur Begründung. Die Zugsparte des Konzerns steht allerdings weltweit unter Druck. Vor allem Konkurrenten aus China und Osteuropa drängen verstärkt in den Markt. Die traditionellen Zuglieferanten müssen sich neu aufstellen, Kosten sparen und schneller Innovationen anbieten.

Alstom wagt wegen des schwierigen Zug-Marktes nicht den ersten Angriff auf einen Konkurrenten: Der französische Konzern war erst vor einem Jahr an Bedenken der europäischen Wettbewerbskommission mit dem Versuch gescheitert, mit Siemens Mobility zu fusionieren. Die Aufseher stoppten den Zusammenschluss trotz Warnungen vor einer zunehmenden Bedrohung durch chinesische Konkurrenz. 2017 hatte es auch schon Spekulationen gegeben, dass Bombardier und Siemens ihre Zugsparten zusammenlegen könnten. Bombardier tut sich schon länger schwer. Die Kanadier hatten das vergangene Geschäftsjahr mit tiefroten Zahlen abgeschlossen. Im vierten Quartal lag das Betriebsergebnis mit 1,7 Milliarden Dollar (1,6 Mrd. Euro) im Minus, wie das Unternehmen am Donnerstag in Montreal mitteilte. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum hatte es noch einen Gewinn von 342 Millionen Dollar gegeben.

Im Geschäftsjahr 2019 machte Bombardier einen Nettoverlust von 1,6 Milliarden Dollar, im Vorjahr hatte das Unternehmen 318 Millionen Dollar verdient. Der Umsatz ging um drei Prozent auf 15,8 Milliarden Dollar zurück.

Grund für den starken Rückgang sind unter anderem hohe Kosten im europäischen Eisenbahngeschäft. Auf Medienberichte, wonach die Sparte verkauft werden soll, ging Bombardier zunächst nicht ein. Dem französischen Finanzsender BFM zufolge verhandeln Alstom und Bombardier allerdings schon seit Wochen über einen Deal.

Alstom hatte zuletzt Aufträge für 3,6 Milliarden Euro erhalten, darunter ein Großauftrag für das Schienennetz der australischen Metropole Perth, wie der Konzern Mitte Januar in Paris mitteilte. Damit verzeichnete das Unternehmen den höchsten Wert in einem Quartal im laufenden Geschäftsjahr. Alstom hat derzeit nach eigenen Angaben rund 36.300 Mitarbeiter in 60 Ländern.