Eberswalde

Unterernährtes Mädchen: Akte beschlagnahmt und Durchsuchung

In Eberswalde soll eine Fünfjährige zwei Jahre lang in einer Wohnung eingesperrt worden sein. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln.

In Eberswalde soll ein Kind zwei Jahre lang ohne Tageslicht isoliert worden sein.

In Eberswalde soll ein Kind zwei Jahre lang ohne Tageslicht isoliert worden sein.

Eberswalde. Im Fall des vernachlässigten Mädchens in Eberswalde hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) die Patientenakte des Kindes beschlagnahmt. Jetzt sei geplant, das Kind zu begutachten, sagte ein Sprecher der Behörde am Mittwoch. Zuvor hatte die „Bild“ darüber berichtet. Außerdem habe es eine Hausdurchsuchung bei der Mutter gegeben. Mit dem Jugendamt stehe die Staatsanwaltschaft weiter in Kontakt.

Das schwer vernachlässigte fünfjährige Kind musste durch das zuständige Barnimer Jugendamt aus seiner Familie geholt und ins Krankenhaus gebracht werden. Das Jugendamt versuchte seit 2017, Kontakt mit der Familie aufzunehmen. Es gab Versuche, Hausbesuche zu machen, doch in der Familie habe niemand reagiert, erklärte Kreis-Pressesprecher Oliver Köhler. Um die Situation aufzuklären, brauchte es die Entscheidung des Amtsgerichts Eberswalde, das im Herbst 2019 Familienhilfe bewilligte.

„Unsere zuständige Mitarbeiterin aus dem Kinderschutz hat dann entsprechend reagiert und eine Gefahrenmeldung abgegeben, aus der hervorging, dass das Mädchen Anzeichen von Unterernährung sowie Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten aufwies“, sagte Barnims Sozialdezernentin Yvonne Dankert.

Verwahrlostes Mädchen in Eberswalde: Auch zwei Geschwister aus der Familie genommen

Am 20. Dezember wurde das Kind zur Untersuchung in ein Krankenhaus gebracht. Dort blieb es bis Anfang Januar. Seine beiden Geschwister wurden ebenfalls aus der Familie genommen. Wie sie befindet sich das betroffene Mädchen jetzt in sicherer Obhut. Bei ihnen gab es keine Hinweise auf Vernachlässigungen wie bei ihrer Schwester.

Der Fall war nach einem Bericht der „Märkischen Oderzeitung“ öffentlich geworden. Das Blatt hatte am Sonnabend berichtet, ein fünf Jahre altes Mädchen habe jahrelang ohne Tageslicht in einer Wohnung gehaust. Es habe einen völlig verwahrlosten Eindruck gemacht und sei geistig stark zurückgeblieben, hieß es mit Verweis auf eine Quelle aus dem Krankenhaus. Es sei zwei Jahre völlig auf sich allein gestellt gewesen. Barnims Landrat Daniel Kurth (SPD) widersprach diesen Informationen, ohne dabei konkret zu werden: „Das können wir nicht bestätigen“, sagte er.

Eberswalde: Staatsanwaltschaft erfuhr aus der Presse von dem Fall

Formell ist die Inobhutnahme das letzte Mittel der Jugendhilfe, nachdem es Hilfsangebote gegeben hat. Kurth räumte ein: „Wir haben in diesem Fall gesehen, dass dieses milde Mittel nicht ausgereicht hat. Das müssen wir selbstkritisch hinterfragen.“ Wie eine Perspektive für die Kinder aussehen könne, müsse ein Gericht entscheiden.

Ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft in Frankfurt/Oder sagte auf Anfrage der Berliner Morgenpost, man habe aus der Presse von dem Fall erfahren und daraufhin ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wisse man noch gar nicht, gegen wen sich der Verdacht genau richte. „Wir sind im Kontakt mit dem Jugendamt“, sagte Staatsanwalt Ingo Kechichian. Ein Sprecher der Polizeidirektion Ost erklärte, es sei von Amts wegen eine Strafanzeige wegen der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht gestellt worden.

Im Landkreis Barnim kamen seit dem Morgen die Verantwortlichen zusammen, um Informationen zum Fall zu sammeln. Das Brandenburger Bildungsministerium forderte den Landkreis zu einer Stellungnahme auf. „Es ist ein sehr schwerer und tragischer Fall“, sagte Ministeriumssprecherin Antje Grabley. Bei solch einer Straftat hätten Staatsanwaltschaft und Polizei informiert werden müssen, erklärte sie. Beim Jugendamt im Landkreis gehen zum Thema Kinderschutz jährlich rund 800 Hinweise ein. In etwa 15 Prozent der Fälle nimmt das Jugendamt die Kinder in Obhut.

Mehr Kinder von Gewalt oder Vernachlässigung bedroht

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom November 2019 waren in Deutschland zuletzt mehr Kinder von Gewalt oder Vernachlässigung bedroht. 2018 stellten die Jugendämter bei rund 50.400 Minderjährigen eine Kindeswohlgefährdung fest. Dies bedeutet einen Anstieg der Fälle um zehn Prozent gegenüber 2017. Auch in Berlin steigt die Zahl der Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung.

Im Zusammenhang mit der gestiegenen Kindeswohlgefährdung wurden laut der Statistik des Bundesamts auch mehr Minderjährige in Obhut genommen. In 6200 Fällen geschah dies aufgrund von Misshandlungen, in 6000 Fällen wegen Vernachlässigungen und in 840 Fällen aufgrund von sexueller Gewalt.

Vor 16 Jahren hatten der Tod des sechsjährigen Dennis in Cottbus und die lange juristische Aufarbeitung seit Bekanntwerden für Bestürzung gesorgt. Das Kind wurde vernachlässigt und war zuletzt derart entkräftet, dass es im Dezember 2001 starb. Das Landgericht Cottbus verurteilte die Mutter im August 2007 zu 13 Jahren Haft, ihren Mann zu elf Jahren.

Verwahrlostes Mädchen in Eberswalde - lesen Sie hier den Bericht der MOZ