Sternenpark

Sterne gucken im Havelland - weil es so schön dunkel ist

Das Westhavelland gehört zu Deutschlands dunkelsten Gegenden. Im Sternenpark kann man den Nachthimmel ungestört beobachten.

Das Westhavelland ist eine der wenigen Regionen Deutschlands, die noch einen natürlichen Nachthimmel haben.

Das Westhavelland ist eine der wenigen Regionen Deutschlands, die noch einen natürlichen Nachthimmel haben.

Foto: jörg Krauthöfer

Rathenow. Das Thermometer ist am Abend auf ein Grad unter null gefallen. Es ist frostig, aber der Himmel ist sternenklar. „Die Voraussetzungen sind ideal“, hat Sven Schönberg am Vormittag noch einmal bestätigt. „Zumal der Mond erst sehr spät aufgeht.“ Gleich wird sich also zeigen, ob es im Westhavelland wirklich so dunkel ist, dass hier mehr Sterne zu sehen sind als in fast jeder anderen Gegend in Deutschland – und ob es im Sternenanhänger, den der umtriebige Rathenower Hotelier Schönberg konzipiert hat, in einer Winternacht unter freiem Himmel auch bei Minusgraden noch kuschelig ist. Die Berliner Morgenpost macht die Probe aufs Exempel.

„In der modernen Gesellschaft wird viel künstliches Licht erzeugt, das den Himmel aufhellt und dadurch schwache Sterne, kosmische Gasnebel und die Milchstraße verschleiert“, erläutert Sven Schönberg bei unserer Ankunft im Hotel Sonnidyll. „Das Westhavelland ist eine der wenigen Regionen Deutschlands, die noch einen natürlichen Nachthimmel haben.“ Denn: Gute 70 Kilometer von Berlin entfernt, ist das Gebiet nur dünn besiedelt. Dadurch ist die Lichtverschmutzung gering – so gering, dass die International Dark Sky Association (IDA) das Westhavelland 2014 zu Deutschlands erstem Sternenpark ernannte. Spätestens seit jenem Jahr pilgern Sternenfreunde und Hobbyastronomen aus nah und fern in den 1380 Quadratkilometer großen Sternenpark unweit von Brandenburg an der Havel, um ihre Blicke gen Himmel zu richten.

Hobbyastronomen pilgern nach Brandenburg

Mit dem Thema Lichtverschmutzung habe er sich gar nicht beschäftigt, bis das Westhavelland zum Sternenpark wurde, erzählt Schönberg. Seit die IDA seine Heimatregion adelte, nahm der Hotelier an so mancher Führung mit den beiden astronomisch geschulten Sternenführern der Naturparkverwaltung teil. „Aber spätestens nach einer Viertelstunde tat mir immer der Nacken weh – vom ständigen Nach-oben-gucken“, erzählt der 49-Jährige. „Viel angenehmer ist es doch, das Firmament im Liegen zu betrachten.“

Das brachte Schönberg im vorigen Jahr auf die Idee: Er kaufte sich einen vier Meter langen und 1,80 Meter breiten Anhänger und baute ihn zum „Sternenanhänger“ aus. Mitten auf die Ladefläche stellte er eine gemütliche Doppelliege, legte den Hänger mit Kunstrasen aus und montierte Seitenwände, damit die Gäste vor Wind geschützt sind. Neun offizielle Punkte hat die Naturparkverwaltung ausgewiesen, die Amateurastronomen für eigenständige Himmelsbeobachtungen empfohlen werden. Besonders gute Möglichkeiten gibt es demnach in und nördlich der etwa 40 Quadratkilometer großen Kernzone des Sternenparks. Die dunkelste Region liegt somit etwa zwischen den Orten Parey, Joachimshof, Dreetz und Kriele.

Schönberg unterteilt die Besucher, die zum Sternegucken in die Region kommen, in Sternenfreaks und Sternenliebhaber. „Die Freaks fahren nach Gülpe“, sagt er, auf den Beobachtungsplatz nördlich des Gülper Sees. „Zu uns kommen die Sternenliebhaber“. Schönberg hat für seine Gäste zwei Plätze ausgeguckt. „Es ist ja alles Naturschutzgebiet, da darf man nicht überall hin“, erklärt er.

Kurz nach 19 Uhr steigen wir zu Schönberg in den Transporter, der Sternenanhänger ist angekoppelt. Erst geht es auf gut ausgebauter Straße in Richtung Norden, nach zehnminütiger Fahrt biegt Schönberg auf einen Feldweg ab. Keine Straßenlaterne mehr, kein Mond scheint, „der strahlt so heftig, der würde nur stören“. Zwei Hasen kreuzen die unbefestigte Fahrbahn, schlagen sich wieder ins Gebüsch. Dann, auf freiem Feld, heißt es aussteigen aus dem warmen Auto. Ziel erreicht, mitten in der Pampa.

Schönberg koppelt den Hänger ab, richtet ihn aus, damit wir einen freien Blick nach Süden haben. Er schaltet die batteriebetriebene Heizdecke an, lässt uns auf der Doppelliege aufsitzen. Er hüllt eine Wolldecke um unsere Beine, eine zweite ziehen wir bis unter die Arme. Darüber breitet Schönberg noch einen Schlafsack aus – wegen der hohen Luftfeuchtigkeit. In einem Picknickkorb stehen Wein und Wasser bereit. Nun noch ein letzter Check, ob das Handy Empfang hat, damit wir Schönberg anrufen können, wenn wir wieder abgeholt werden möchten – und weg ist er.

Rasch löschen wir das LED-Leuchtband an der Hängerwand, damit sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Der Hotelier hat nicht zu viel versprochen: Noch nie haben wir so viele Sterne gesehen. Das macht das Firmament für uns Laien geradezu unübersichtlich. Überall leuchtende Punkte. Trotz der fluoreszierenden Sternenkarte, die er uns mitgegeben hat und die anzeigt, wo Kleiner und Großer Bär, Luchs, Drache oder Polarstern zu entdecken sind, finden wir letztlich doch nur die Sternbilder, die wir sowieso kennen.

Der Sternenhimmel bietet Entschleunigung pur

Macht nichts. Denn schon nach wenigen Minuten setzt der Effekt ein, von dem Schönberg – selbst bis heute auch kein Sternenexperte – gesprochen hat: Wir lassen die „unendlichen Weiten“ auf uns wirken, merken, wie die Hektik des Tages von uns abfällt. Entschleunigung pur. Und wenigstens die Milchstraße haben wir zweifelsfrei erkannt. Da, eine Sternschnuppe. Jetzt heißt es, sich schnell etwas zu wünschen. „Aber nicht verraten, sonst geht der Wunsch nicht in Erfüllung“, mahnt meine Begleitung. Fünf weitere Sternschnuppen sollen wir an diesem Abend noch sehen. Allein dafür lohnt der Ausflug in eine der dunkelsten Regionen Deutschlands.

Wobei: Ganz duster ist es auch hier nicht. Ein paar (nicht störende) Lichter am (nicht sichtbaren) Horizont signalisieren, dass sich dort ein Dorf befinden muss. Von dort kommt auch das Bellen, das alle paar Minuten anhebt. „Sicher zwei Hofhunde, die sich über Zäune oder Mauern hinweg verständigen“, mutmaßt die Begleitung. Längst nicht die einzigen Geräusche in dieser Winternacht: Schräg rechts vor uns beginnt unvermittelt ein „Geflügelkonzert“.

Ob das Enten sind, die im Dunkeln so wild schnattern? Oder Gänse? Zumindest scheinen die Tiere nicht müde zu werden: Obwohl es schon fast halb elf ist, lassen sie in ihrem Gesang nicht nach. Eine kurze Schrecksekunde: Im Tiefflug streicht ein Bussard über uns hinweg, verschwindet wieder in der Tiefe der Nacht. Größere Tiere lassen sich nicht blicken. Auch nicht die Rehe, die laut Schönberg oft bis an den Hänger herankommen. Vielleicht, weil wir uns viel unterhalten und das Wild verschreckt haben – anders als die Pärchen, die still romantische Stunden unter freiem Himmel verbringen und die das Gros der Schönbergschen Gäste ausmachen.

Mittlerweile fangen wir ein wenig an zu frösteln, trotz der Mummel-Decken. Auf den Seitenwänden des Hängers hat sich eine Eisschicht gebildet. Aber die beste Zeit zur Sternenbeobachtung ist nun einmal zwischen Herbst und Frühjahr, im Sommer ist es zu dunstig. „Sie können sich jederzeit abholen lassen, auch wenn es vier Uhr in der Früh ist“, hat Sven Schönberg gesagt, als er sich von uns verabschiedete. So lange wollen wir nicht auf unserem Beobachtungsposten ausharren, freuen uns nun aufs kuschelig-warme Hotelbett – und sind froh, als wir kurz nach 23 Uhr in der Ferne zwei Scheinwerfer aufblinken sehen. Der Abholservice kommt. Der Kälte zum Trotz sind sich meine Begleitung und ich einig: ein wahrlich lohnender Ausflug.

Mehr Infos unter: www.sonnidyll.de