Ostdeutschland

Verkauftes Dorf Alwine: So sieht es dort heute aus

Vor zwei Jahren wurde Alwine versteigert. Die Siedlung sollte ein Erfinderdorf werden. Daraus wurde aber nichts. Eine Spurensuche.

Das brandenburgische Dorf Alwine. 2017 wurde es verkauft.

Das brandenburgische Dorf Alwine. 2017 wurde es verkauft.

Foto: David Heerde

Alwine. Auf der Landkarte liegt Alwine zentral. Eine Stunde und 45 Minuten sind es mit dem Auto aus Berlin. Je eineinhalb Stunden von Leipzig und Dresden. Mittendrin also zwischen den wichtigsten Städten Ostdeutschlands.

Aber egal aus welcher Richtung man kommt, man muss verschlungene Landstraßen hinter sich lassen, plötzlich an Dorfstraßen abbiegen, dunklen brandenburgischen Wald durchqueren. Und am Ende rauscht man ziemlich sicher an Alwine vorbei.

Eine unvermittelte Abzweigung im Wald, sie führt von der L65 auf eine Lichtung, darauf stehen sieben Häuser, ein paar Schuppen und Garagen. Das meiste hier verfällt seit über 20 Jahren. Autowracks liegen herum, Matratzen saugen sich voll Regenwasser, Ziegel bröckeln aus Fassaden.

Sinnbild für Ausverkauf oder Aufschwung?

Zwei Jahre ist es her, da schaute ganz Deutschland auf Alwine. „Ganzes Dorf zu versteigern“, schrieb die „Bild“. Dann kam die „Süddeutsche Zeitung“, RTL, ARD, die „Zeit“, der „Spiegel“ … Alwine hat Wikipedia-Seiten auf Englisch, Farsi, Französisch. Es wurde zum Sinnbild für den Ausverkauf des Ostens. Oder kündigte sich hier ein verspäteter Aufschwung Ost an?

So viel steht fest: Am 9. Dezember 2017 fuhr Peter Kroll, Ortsvorsteher der Siedlung, die ein Ortsteil von Damsdorf ist, das wiederum zur Stadt Uebigau-Wahrenbrück gehört, welches im Landkreis Bad Liebenwerda liegt, dieser 75-jährige Ehrenamtler also fuhr ins Auktionshaus Karhausen nach Berlin und gab Interviews. Er sprach von Hoffnung, Instandsetzung, Zukunft. Mindestgebot waren 125.000 Euro. Erst wollte keiner. Dann kam ein anonymes Fax. 140.000 Euro. Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten. Verkauft.


Seither hat sich viel getan. In Berlin ist die vierte Regierung von Angela Merkel gebildet worden. Die hat Dinge wie den Kohleausstieg 2038 beschlossen. Im Landkreis wählten bei den Brandenburg-Wahlen 28,8 Prozent die AfD. Der Mauerfall jährte sich zum 30. Mal. Ein Amerikaner namens Elon Musk verkündete, er werde in einem anderen Wald in Brandenburg eine Giga-Fabrik für Elektro-Autos bauen.

Ein nackter Pfosten im Gras

Und Alwine? Kürzlich ist die Wahrscheinlichkeit noch mal gestiegen, einfach daran vorbeizufahren. Jemand hat das blaue Straßenschild mit der Aufschrift „Alwine 100–106“ mitgenommen. Jetzt ragt an der L65 nur noch ein nackter Pfosten aus dem Gras.

Peter Kroll trägt Cordhose und Lederjacke und führt zu Haus 103. Eine schwarz-weiß gefleckte Katze blickt aus einem Fenster. Das ist, wie alle Fenster im Haus, provisorisch mit Brettern und Pappen geflickt. Ein guter Ort um über die Geschichte der Siedlung zu sprechen.

Kroll sagt, dass er vor 75 Jahren in Lodz zur Welt kam, dass seine Mutter 1945 in einem Treck in diesen Wald kam und bei Minus 27 Grad zusammenbrach. Viele kamen nach dem Krieg aus den einstigen Ostgebieten in das traditionelle Bergbaugebiet, fanden Arbeit in der Zeche und in der Brikettfabrik in der Nähe. Im Haus 103 war die Arztpraxis. Drei Tage die Woche residierte er hier.

Ein Schnäppchen allemal

Zur Zeit der Wiedervereinigung lebten laut Kroll noch rund 70 Menschen in Alwine. Dann ging es an die Treuhand und wurde in der Version des Ortsvorstehers für eine symbolische D-Mark an zwei Berliner verkauft. Wer recherchiert, stößt auf einen anderen Preis: 95.000 Euro. Ein Schnäppchen allemal.

Braunkohle wird hier lange nicht mehr aus den Stollen gefördert, die Brikettfabrik ist ein Museum. Haus 103 ist eine Ruine mit anliegendem Schrottplatz, die nächste Arztpraxis ist acht Kilometer entfernt. Die Sanierungsträume des Ortsvorstehers: sind wenige Wochen nach der Versteigerung geplatzt. Der Bieter hat sich als nicht zahlungsfähig erwiesen. Ein neuer Käufer musste gefunden werden.


Der ließ sich von Kroll durch die Siedlung führen. Er habe viel genickt und viel geschwiegen, erinnert sich Kroll. Und dann kam er mit einer Idee wieder. An einem Freitag im Mai 2018 war das. Große Präsentation in der ehemaligen Brikettfabrik. Der neue Besitzer brachte zwei Österreicher in weißen Kitteln mit. „Zwei Spinner“, sagen sie hier in Alwine. Einer trug eine Melone. Alwine sollte ein Erfinderdorf werden. Neue Technologien, noch nicht marktfähig und doch genial, sollten hier getestet werden: Gläserne Dachziegel, die Strom erzeugen. Smarte Fassadenfarbe. Drohnenlieferungen über die Dachluke.

Alles nur Show

„Alwine ist keine Musterhaussiedlung, sondern ein lebendiges Dorf mit Menschen und kann somit die Adaptation von neuen Technologien praxisorientiert und wirklichkeitsnah vorzeigen und umsetzen“, heißt es bis heute auf den Webseiten. „Alles nur Show“, sagt Kroll. Und damit tut er den zwei Spinnern noch mal Unrecht.

In einem schick sanierten Altbau in Prenzlauer Berg, in einem Laden im Erdgeschoss, kann man die zwei Männer treffen, die Alwine neu erfinden wollten. Sie heißen Gerhard Muthenthaler und Marijan Jordan. Sie beraten Erfinder beim Umsetzen und Vermarkten. Hier, in ihrem Erfinderladen, präsentieren sie die Produkte. Und verkaufen allerlei Krimskrams. „UnberechenBER - Das verrückte Flughafenspiel“. Ein Plastikring, der Serviettenhalter, Eieröffner und -becher zugleich ist. Ein solargetriebener Schlüsselanhänger, der Handys auflädt und LED-Licht spendet.

Etwas versteckt hängt eine blaue Modellskizze an der Wand: Es zeigt Alwine, mit eingezeichneten geometrischen Figuren ohne konkrete Funktion. Eine Vision. Über diesen Status kam das Erfinderdorf nie hinaus. Muthenthaler macht eine Schlussbewegung mit den Händen, sagt mit weichen Salzburger Konsonanten: „Das ist tot!“

Vom Scheitern und Gewinnen

Mit dem Erfindungen sei das ja so, erklärt der 48-Jähriger in Anzugweste: Beides, den Erfolg und das Scheitern, trügen sie immer schon von Anfang an in sich. Mal klappt es, mal nicht. Ein Spiel. Wichtig fürs Gewinnen: eine gute Story. Und die hatte man mit Alwine. Dass sie im Osten spielte, sagt Jordan, wäre eher gut für die Vermarktung gewesen. Sie seien nicht an den Ossis gescheitert, vielmehr an einem Berliner.

Mit dem neuen Besitzer habe man verabredet: Wir bringen die Zukunft nach Alwine, aber du musst das Dorf erst mal in die Gegenwart holen. Er sollte sanieren. „Für unsere Idee mussten wir die Bewohner gewinnen. Wir konnten die nicht in diesen Höhlen wohnen lassen“, sagt Muthenthaler. Nur habe der Besitzer, der später noch zu Wort kommen wird, irgendwann den Kopf in den Sand gesteckt, sei nicht mehr ans Telefon. Nichts sei passiert. Dann die Kündigung der Zusammenarbeit.

„Das war doch alles bla bla“, sagt Paul Urbanek in roter Jogginghose und zerschlissenen Turnschuhen vor dem Haus 104 in Alwine. Er ist ein ergrauter Hüne mit knolliger Nase und schwerer Zunge. Am 20. Mai 1987, das Datum hat er sofort parat, hat Urbanek zum letzten Mal gesoffen und geraucht. Damals habe er einen Riss in der Lunge gehabt. Dann ging auch noch die Ehe kaputt. Und so sei er aus seiner Heimat in Schleswig-Holstein nach Alwine geflohen. Seit acht Jahren lebt er hier, wird Paulchen genannt. Und hat gefunden, was er will: „Ruhe, einfach nur Ruhe.“

Tage zwischen Puzzles und Fernsehen

Seine Tage bringt Paulchen zwischen Puzzles, Fernsehen und Daimler-Benz zu, seinem schwarzen Mischlingshund. Sie streifen durch den Wald, sammeln Feuerholz für den Kachelofen („Wo kein Richter, da kein Henker“, sagt Paulchen), er kümmert sich um den Garten. Und um Erika, die Nachbarin. Sie ist 81, und sagt, Alwine werde sie nur tot verlassen. Paulchen fürchtet, dass es nicht mehr lange dauer könnte. Erika sei krank, die Beine offen, alle zwei Wochen komme der Arzt.

Seit der Versteigerung vor zwei Jahren hat sich die Zahl der Bewohner nahezu halbiert. Von 15 auf acht. In Haus 103, der Ruine mit Schrottplatz, ist der Vater verstorben, die Mutter ins Koma gefallen, so erzählen sie es hier. Vor drei Tagen, am Nikolaustag, wurden dann die restlichen Bewohner, jugendliche Vagabunden, zwangsgeräumt. Seit Jahren zahlt hier keiner Miete. In einem Zimmer hinterließen sie ein Babybett zwischen Essensresten und Plastikmüll.

Die restlichen Bewohner bekamen im August Briefe vom Vermieter. Wegen gestiegener Betriebskosten müsse er die Miete an das Entgelt in „vergleichbaren Orten“ anpassen. Heißt: 20 Prozent Mietsteigerung für alle.

Auf der Suche nach einer Story

Es scheint offensichtlich: Alwine ist widerspenstiger, als sein Käufer dachte. Er selbst will davon nichts wissen. Telefonieren kann man mit ihm nur, wenn man ihm zusichert, keinen Namen zu nennen. Ob er nicht mit dem Alwine in Verbindung gebracht werden will? „Nein, nein, ich habe es nicht so mit den Medien“, sagt der anonyme Besitzer. Und fragt fünf Minuten später, ob der Reporter nicht eine Idee habe, wie man mal wieder eine positive Story über die Siedlung schreiben könne.

„Mich interessiert es, Objekte zu kaufen, vor denen andere Angst haben“, sagt der Alwine-Besitzer am Telefon. Das mit dem Erfinderdorf sei ganz anders gewesen, Muthenthaler und Jordan hätten keine Investoren und Kooperationen an Land gezogen. Aber er betrachte den Kauf als „langfristige Investition“. Wie die sich je auszahlen soll, kann er nicht beantworten. Er denke da noch nach. Gewerbeansiedlung sei so eine Idee.

„Die Bewohner sind echt lustig“, sagt der Besitzer. Er möge sie. Aber das mit der Mieterhöhung sei nicht zu verhindern gewesen. Den Beweis schickt er per Whatsapp: ein enormer Anstieg des Wasserverbrauchs. Mehr als 1500 Euro Nachzahlung für ein Halbjahr. Ein Leck, kaputte Zähler? Das kann niemand genau sagen. Nur: Das Problem hat der Besitzer vermutlich bereits mitgekauft.

„Bin ich bescheuert?“

Paul Urbanek schlurft durch Alwine. Immerhin, im Moment wird das Dach der 104 neu gedeckt. Fledermäuse haben die Sanierung aufgehalten. Gesehen hat sie nie jemand. Aber ihr Kot wurde im Dachboden gefunden.

Paulchen schlurft durch Alwine, trifft Manfred Kern aus der 102, 75 Jahre alt. Mieterhöhung? „Von mir kriegt er keinen Cent mehr“, sagt Kern. „Wollen wir mal sehen“, sagt Paulchen.

Wer von den beiden Männern etwas über die Zukunft Alwines erfahren will, hört Antworten wie diese: „Unter der Erde vielleicht“, sagt Manfred Kern. Paulchen lacht. Ob er, im Sinne seiner geschätzten Ruhe, nicht mal überlegt hat, seine Wohnung zu kaufen? „Bin ich bescheuert?“, fragt Paulchen nur.

Der Besitzer von Alwine unterhält auch eine Website über die Siedlung.