Klimaproteste

Auf Konfrontationskurs in der Lausitz

Hunderte beteiligten sich an den Protesten in der Braunkohleregion. Das Kraftwerk Jänschwalde wurde heruntergefahren.

Umweltschutzaktivisten dringen am frühen Morgen in den Tagebau Jänschwalde ein.

Umweltschutzaktivisten dringen am frühen Morgen in den Tagebau Jänschwalde ein.

Foto: Patrick Pleul / dpa

An Verständigung ist in Koppatz nicht zu denken. Mit weißen Staubschutzanzügen und heiseren Kehlen laufen die Demonstranten zwischen den Klinkerbauten in Richtung Bahnübergang. Am Straßenrand steht eine Handvoll Dorfbewohner. Da ist Mario Kahle, ein Mann mit dickem, gräulichem Schnauzer. Er hält sein Handy vor sich, filmt die Aktivisten. Sie kommen aus Berlin, Dresden, Leipzig. Sie rufen: „Eine andere Welt ist möglich!“ Und: „Wessen Straßen? Unsere Straßen!“ Auf Englisch. Manche haben Staubmasken über ihr Gesicht gezogen.

Die Koppatzer bleiben stumm. Schütteln die Köpfe. Dann reicht es Kahle, beenden solle die Polizei diesen Schachsinn. Ein Aktivist baut sich vor Kahle auf. Warum er filme? Bald passen nur noch wenige Zentimeter zwischen Kahles Schnauzer und der weißen Staubmaske des Aktivisten. Ein Polizist geht dazwischen, der Aktivist verschwindet in der Menge. Großer Jubel am Bahnübergang. Den hält „Ende Gelände“ seit Stunden besetzt.

Auf der Wiese, etwa hundert Meter entfernt steht eine Kette Menschen, Männer und Frauen, halten ein Transparent in Schwarz-Rot-Gold: „Black-Out-Lausitz. Nicht mit uns!“ Wer die Menschen seien, fragt einer? Nazis, sagt ein anderer. Nachfragen wird keiner. In der Lausitzer Braunkohlerevier haben am Freitag Tausende Aktivisten demonstriert, sind in Tagebaugelände eingedrungen, haben die Kohlezufuhr für Kraftwerke gekappt, sich an Bagger gekettet.

Bündnis fordert von der Politik den sofortigen Kohleausstieg

Die Polizei, Politiker, Kohlekumpel, mahnten zur Gewaltlosigkeit. „Was die Bundesregierung nicht hinkriegt, nehmen wir hier selbst in die Hand“, sagt Nike Mahlhaus, Sprecherin von „Ende Gelände“. Das Bündnis fordert den sofortigen Kohleausstieg. Gleich mehrere, große Konflikte unserer Zeit entladen sich an diesem Wochenende in der Lausitz. Da treffen Großstädter auf die Landbevölkerung, Stromverbraucher auf Stromerzeuger, die Angst vor der globalen Klimakatastrophe auf die Angst vor der lokalen Wirtschaftskatastrophe.

Um 5.39 hat sich eine der ersten Gruppen auf den Weg gemacht. Gut 200 Aktivisten, Studenten, Angestellte für Klima NGOs, Filmemacher sind darunter. Oder der klimapolitische Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus. „Selbstverständlich“ sei es für ihn, die Aktivisten zu unterstützen. Vom Ostkreuz nach Peitz-Ost, direkt unter den weißen Wolkenberge des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde. Bei Sonnenaufgang sind die Schienen besetzt, breiten die Aktivisten Isomatten aus, halten sich mit Tee und Rettungsdecken warm, Rennen immer wieder hin und her. Erst mit der ersten Sonne steigt das Thermometer über die Null-Grad-Marke.

Die Polizei zieht ihre Kräfte zusammen, kreist die Aktivisten ein, ein Hubschrauber knattert am Himmel. Es würden zwar Straftaten begangen, aber so lange es friedliche bleibe, beobachte man, sagt ein Beamter. Das Kraftwerk ist vom Kohlenachschub abgeschnitten, hat auf Minimalleistung runtergefahren, um die Wärmeversorgung für Cottbus und Umgebung sicher zu stellen.

Etwas ruppiger geht es wenige Kilometer entfernt zu, als gegen acht Uhr etwa 400 Aktivisten den Brandenburger Tagebaue Jänschwalde stürmen. Rund 200 Kohle-Gegner versuchen parallel, auf das Gelände des Kraftwerks einzudringen. Die Polizei sichert das Areal mit einem großen Kräfteaufgebot ab, versucht, die Protestierer hinauszubringen. Dabei kommt es zu Rangeleien, laut Polizei werden drei Beamte leicht verletzt. Die Klimaaktivisten warteten danach weiter rund um das Kraftwerk ab. Der Betreiber LEAG erstattet Anzeige. Gegen 10 Uhr dann dringen etwa 500 Aktivisten in den Tagebau Welzow ein und blockieren Großbagger. Weitere Bahnstrecken werden blockiert. Der Brandenburger SPD-Bundestagabgeordnete Ulrich Freese sagte der Berliner Morgenpost: „Was hier stattfindet, ist Terrorismus“. Es werde gewaltsam besetzt.

Fragt man die Aktivisten, ob die Ängste der Lausitzer vor der Abschaltung des einzigen großen Arbeitgebers in der Region verstehen könnten, dann nicken die meisten. Man protestiere nicht gegen die Menschen vor Ort, sondern gegen das System – und eine untätige Politik. Am Bahnübergang in Koppatz erzählt Marlene Sasso, eine 18-Jährige Berlinerin, dass das schon ein geiles Gefühl war, als sie mit Pyros zur Blockade gelaufen sind. Und der schwarze Menschenkette auf der Wiese, die mit dem Schwarz-Rot-Goldenen Banner? Interessiere sie nicht. Will man mit den Menschen auf der Wiese sprechen, werde einem Rücken zugedreht. Nur einer sei dürfe mit der Presse sprechen: Toralf Smith, der sich als Gesamtbetriebsratsvorsitzender der LEAG vorstellt. Die Gruppe nennt er die „Die Lausitzer“ und findet es respektlos, was da auf den Gleisen passiert. „Wir sorgen dafür, dass die in Berlin ihre Handys aufladen können“, sagt Smith. Der Kohlekompromiss, das Ausstiegsjahr 2038 sei Herausforderung genug – und ein demokratischer Beschluss. Im Gegensatz zu Blockaden, sagt er.

Die ganze Region würde in die Abgrund gestürzt, wenn die Forderungen der Aktivisten war würden. Fragt man Marlene Sasso, was aus der Region würde, weiß sie auch nicht so recht. Nur: wenn man nicht jetzt den Klimawandel aufhalte, müsse man dieselbe Frage für die ganze Welt stellen.

Gegen 15 Uhr löst sich die Blockade auf, werden die meisten Aktionen von „Ende Gelände“ beendet. Der Tag in der Lausitz blieb weitestgehend friedlich. Auch am Sonntag solle der Protest im Braunkohlerevier weitergehen. Und wenn es nichts bringt? „Dann kommen wir wieder“, sagt Ende Gelände-Sprecherin Mahlhaus.