Potsdamer Museen

Weggesperrt, doch nicht vergessen: Gedenken in Potsdam

Ein Pfarrhaus an der Leistikowstraße wurde im August 1945 zum Untersuchungsgefängnis des KGB umgebaut und bis 1991 genutzt. Ein Besuch.

Gedenkstättenleiterin Ines Reich vor der Tafel mit Fotos von ehemals an der Leistikowstraße Inhaftierten.

Gedenkstättenleiterin Ines Reich vor der Tafel mit Fotos von ehemals an der Leistikowstraße Inhaftierten.

Foto: Katrin Starke

Potsdam. Das Esszimmer im Pfarrhaus, das fast 30 Jahre lang Sitz der evangelischen Frauenhilfe in Potsdam war, ist mit einem Weihnachtsbaum geschmückt. Durch hohe Fenster fällt viel Licht. Zu sehen ist das auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie von 1943. Zwei Jahre später sind die Fenster bis auf einen schmalen Schlitz zugemauert, die Zimmertür lässt sich nur noch von außen öffnen. Aus dem Esszimmer ist eine Sammelzelle geworden, in der zeitweise 15 bis 20 Häftlinge eingepfercht waren.

Die Zelle gibt es noch. Ebenso wie alle weiteren Zellen des ehemaligen Untersuchungsgefängnisses der sowjetischen Spionageabwehr, das die Russen im August 1945 in dem Pfarrhaus einrichteten. Bis zur Auflösung des sowjetischen Geheimdienstes KGB 1991 war das Gefängnis in Betrieb, heute beherbergt das Gebäude die „Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam“. Originalobjekte und historische Fotos erinnern an die frühere Nutzung. An Medienstationen können Besucher Zeitzeugeninterviews hören, in denen ehemalige Insassen über ihre Festnahme, Verhöre und den Gefängnisalltag berichten.

Nachrichten mit Fingernägeln in die Wände geritzt

Die Ausstellungsräume sind kühl, es riecht muffig, grünliche Farbe platzt von den Wänden. Bewusst sieht alles noch so aus wie zu der Zeit, als Menschen unter unwürdigen Bedingungen hier eingesperrt waren. „Das nahezu authentisch erhaltene Gefängnisgebäude ist unser kostbarstes Exponat“, sagt Gedenkstättenleiterin Ines Reich. „Wir erzählen die Geschichte vom Haus aus, ohne dass wir etwas inszenieren mussten“, erklärt die promovierte Historikerin, die das Museum als Gründungsdirektorin mit aufgebaut hat.

„Während die beiden oberen Etagen den Zustand des Gefängnisses nach der Modernisierung in den 70er-Jahren zeigen, zeugen die kargen Zellen mit den Holzpritschen im Keller noch von den entbehrungsreichen Haftbedingungen der 40er- und 50er-Jahre.“ Im Keller befinden sich die meisten der erhalten gebliebenen Inschriften, die Häftlinge mit Fingernägeln oder Holzsplittern in die Zellenwände ritzten.

„Wir konnten 1500 Einzelbefunde sichern und sie 50 Personen zuordnen“, sagt Ines Reich. Darunter eine Zeichnung der damals 20-jährigen Pankowerin Elisabeth Reich, die ihrem ebenfalls inhaftierten Verlobten zudem eine Nachricht hinterließ: „Lieber Erich, ich warte auf Dich!“ Für Ines Reich sind die Inschriften „wie ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch, sie spiegeln Entrechtung und Verzweiflung der Insassen wider.“

Die (teilweise vermeintlichen) Vergehen reichen von Diebstahl bis Spionage

Ab Mitte der 50er-Jahre saßen ausschließlich sowjetische Soldaten und Zivilangehörige der Roten Armee in der Leistikowstraße ein, „wegen sogenannten Vaterlandsverrats, versuchter Fahnenflucht und krimineller Delikte wie Diebstählen oder Körperverletzung“. Davor hatte der KGB auch Deutsche in der einstigen Villa hinter Schloss und Riegel gebracht – wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Spionage, in den ersten Nachkriegsjahren waren auch ehemalige Wehrmachtsangehörige und Kriegsverbrecher unter den Gefangenen.

Es sei schwierig gewesen, an Informationen über das Gefängnis zu kommen, sagt Ines Reich. Einige Exponate hätten ehemalige Häftlinge oder deren Angehörige zur Verfügung gestellt, andere seien Fundstücke aus dem Haus oder dem ehemaligen sowjetischen „Militärstädtchen Nr. 7“, das das Gefängnis umgab. „Heutige Bewohner fanden Dinge bei Sanierungsarbeiten, eine Kollegin von mir entdeckte Dokumente in einem Ofen“, erzählt Ines Reich. Vieles habe man über Zeitzeugen rekonstruieren können. „Denn das Geheimdienstarchiv war für uns ja nicht zugänglich.“

50 Lebensgeschichten, die beeindrucken

Eine hilfreiche Quelle seien die Berichte und Fotos von Rafail Goldfarb gewesen, der aus einer jüdischen Arztfamilie in St. Petersburg stammte, mit den sowjetischen Truppen nach Deutschland kam und 1949 zum amerikanischen Militärgeheimdienst CIC überlief. Oder auch der Zeitungsbericht des einstigen Häftlings Waldemar Hoeffding, dem nach drei Jahren Gefangenschaft wegen Spionageverdachts 1948 die Flucht gelang. Im Februar 1949 veröffentlichte der Journalist seine Erinnerungen in der Neuen Zürcher Zeitung – nachzuhören an einer der Hörstation in der Gedenkstätte.

Die Schicksale der Häftlinge bilden den Schwerpunkt der Dauerausstellung in der Gedenk- und Begegnungsstätte. 50 Lebensgeschichten haben Ines Reich und ihr Team nachgezeichnet, 19 Häftlingsbiografien werden ausführlich vorgestellt.

Infos

Adresse: Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam, Leistikowstraße 1, 14469 Potsdam. Anfahrt mit Tram 92 oder Tram 96. Der nächstgelegene Parkplatz befindet sich am Schloss Cecilienhof (ca. 8 Gehminuten).

Öffnungszeiten: 1. April bis 31. Oktober Dienstag bis Sonntag 14.00-18.00 Uhr, 1. November bis 31. März Dienstag bis Sonntag 13.00-17.00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Mehr Infos unter www.leistikowstrasse-sbg.de