Lausitzer Seenland

Das Lausitzer Kohlerevier wandelt sich zur Tourismusregion

Auch im Herbst lohnt sich eine Fahrt ins Lausitzer Seenland. Das Kohlerevier wandelt sich zur Tourismusregion.

Radfahrer vor der Landmarke im Lausitzer Seenland. Der markante Aussichtsturm ist ein beliebtes Ausflugsziel. Der aus Corten-Stahl bestehende Aussichtsturm wird aufgrund seines rostigen Aussehens auch 'Rostiger Nagel' genannt.

Radfahrer vor der Landmarke im Lausitzer Seenland. Der markante Aussichtsturm ist ein beliebtes Ausflugsziel. Der aus Corten-Stahl bestehende Aussichtsturm wird aufgrund seines rostigen Aussehens auch 'Rostiger Nagel' genannt.

Foto: Andreas Franke / BM

Lausitz. Die Temperaturen sollen in diesen Tagen noch einmal etwas höher klettern. Gerade richtig für einen Herbst-Ausflug nach Brandenburg. Besonders geeignet: das Lausitzer Seenland südöstlich von Berlin. Es ist in zwei Stunden mit Bahn oder Auto erreichbar. Radtouren und Spaziergänge sind möglich. Technik-Interessierte können riesige Maschinen und Anlagen aus der Bergbauindustrie in Augenschein nehmen. Aussichtstürme bieten einen weiten Blick in die Landschaft, die sich stetig wandelt. Einstige Bergleute, die heute Gästeführer sind, erzählen davon.

Heinz Müller, 70 Jahre alt, ist einer von ihnen. Er wuchs in der Nähe von Senftenberg auf. Als Schüler sah er die tiefe Grube des Tagebaus. Sie wurde von 1967 bis 1972 geflutet. Als Student half Müller mit, die Wege um den Senftenberger See anzulegen. Später arbeitete er als Automatisierungsingenieur in der Lausitzer Kohleförderung. Seit 2002 führt er Besucher durch Senftenberg und seine Umgebung. Auch um den See mit seinen Sandstränden, in dem Urlauber - bei den richtigen Temperaturen – baden können und Angler Barsche und Zander vom Haken holen. Das Gewässer ist etwa 1300 Hektar groß, der Rundweg 18 Kilometer lang. „Eine schöne Tour für Familien“, sagt Katja Wersch, Sprecherin des Tourismusverbands Lausitzer Seenland. „Am Ufer liegen viele Spielplätze.“

Mehr als 20 große neue Seen seien aus den alten Tagebauen entstanden, erzählt die Tourismus-Expertin. Einige werden derzeit noch geflutet. Andere sind bereits für Wassersportler erschlossen. Zehn Gewässer im Umfeld von Senftenberg sollen künftig durch Kanäle und Schleusen verbunden sein. Dann können Kanus sowie Motor- und Ruderboote von einem See zum anderen fahren. Im Jahr 2023 ist es voraussichtlich soweit. Dann stehen den Freizeitsportlern rund 7000 Hektar Wasserfläche offen.

Schon jetzt können sie vom Senftenberger See durch den Koschener Kanal zum Geierswalder See fahren, und seit Anfang Oktober durch den Barbara-Kanal, an der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen, zum Partwitzer See. Boote könne man sich in Senftenberg am Stadthafen oder im Hafencamp ausleihen, sagt Katja Wersch.

Guter Blick vom 30 Meter hohen Turm „Rostiger Nagel“

Noch nicht schiffbar ist der Sedlitzer See, nordöstlich von Senftenberg. Wie weit der einstige Tagebau Sedlitz bereits mit Wasser gefüllt ist, und wie sich die Landschaft entwickelt hat, ist von einem 30 Meter hohen Turm aus zu sehen. „Rostiger Nagel“ heißt er, weil er aus Cortenstahl erbaut wurde. Er ist per Rad, zu Fuß oder mit der Kleinbahn „Seeschlange“ zu erreichen. Auch am Steuer der Bahn sitzen Reiseführer wie etwa der ehemalige Bergbauingenieur Ulrich Smol, der vom Wandel der Region erzählt.

Sie hat neben der Vielzahl der Seen auch riesige Maschinen und industrielle Anlagen aus der Kohleförderung zu bieten. Katja Wersch vom Tourismusverband empfiehlt das Besucherbergwerk F60 in Lichterfeld. Wer an einer Führung teilnimmt, kann die Abraumförderbrücke bis in etwa 75 Meter Höhe erkunden. „Dort hat man einen tollen Ausblick“, sagt Wersch. Die Förderbrücke F60 ist rund 500 Meter lang und 200 Meter breit. Sie gilt als eine der größten beweglichen Arbeitsmaschinen der Welt. Während der 90-minütigen Führung legen die Besucher etwa 1,3 Kilometer auf der stählernen Anlage zurück und steigen auf und ab, insgesamt rund 400 Stufen. Die schmalen Gänge sind mit Handläufen ausgestattet. Arbeiter, die bei Regen, Schnee und Eis auf der Förderbrücke unterwegs waren, konnten sich festhalten, wenn sich die riesige Maschine durch den Tagebau schob. Die F60 in Lichterfeld war nur 1991 und 1992 in Betrieb. Sie sollte verschrottet werden, als die Kohleförderung endete. Doch dann setzte sich die Idee durch, die Förderbrücke zum touristischen Highlight zu machen.

Mit dem Jeep unterwegs im Revier

Eindrucksvoll sei auch der Tagebau Welzow-Süd, sagt Katja Wersch. Man könne ihn im Mannschaftstransportwagen erkunden, „so wie die Bergarbeiter früher und heute“. Oder individuell, „im Jeep für ein oder zwei Stunden, mit einem Gästeführer“. In Welzow-Süd wird seit den 60er-Jahren Braunkohle abgebaut. 2018 wurden fast 23 Millionen Tonnen gefördert. Die Besucher erfahren, wie der Tagebau funktioniert. Sie gelangen bis zum Kohleflöz in 130 Meter Tiefe, zu den großen Schaufelradbaggern und der Abraumförderbrücke. Sie ist ebenfalls vom Typ F60 und seit 1972 in Betrieb.

Der Gästeführer betont, dass die Brücke innerhalb weniger Jahre und ohne Computer entwickelt und gebaut wurde. Er berichtet bei der Fahrt durch den Tagebau auch davon, wie Dorfbewohner in der DDR-Zeit umziehen mussten, weil ihre Häuser dem Kohleabbau im Weg waren. Viele bekamen ein neues Zuhause in Plattenbauten. Die waren zwar modern ausgestattet, konnten aber den heimischen Hof nicht ersetzen.

Auch die renaturierten Flächen werden bei den Tagebau-Exkursionen in Welzow-Süd gezeigt. Wiesen, Acker und Wald sind entstanden. Und der Wolkenberg, ein sechs Hektar großes Gelände, auf dem 2010 mehr als 25.000 Rebstöcke gepflanzt wurden. Roter Riesling, Grauburgunder, Weißburgunder und Cabernet wachsen in der Obhut eines Winzers aus dem sächsischen Meißen.

Auch Kunstinteressierten bietet sich ein seltener Anblick im Lausitzer Seenland. Mehr als 80 weltberühmte Gemälde sind als Kopien im sogenannten Fälschermuseum in Großräschen zu sehen, darunter da Vincis „Mona Lisa“, die „Sixtinische Madonna“ von Raffael, die „Nachtwache“ von Rembrandt und das „Schokoladenmädchen“ von Liotard. Das Museum befindet sich im Seehotel Großräschen, dem ehemaligen Ledigenwohnheim der Ilse Bergbau AG. Drei russische Maler, die Brüder Posin, haben die Kopien angefertigt.

Besucher fahren mit Aha-Erlebnissen nach Hause

Wo sich einst der Tagebau Meuro befand, erstreckt sich der Großräschener See. Seine Flutung ist abgeschlossen, im kommenden Jahr soll er zum schiffbaren Gewässer erklärt werden. Der Hafen, in dem künftig Sportboote festmachen werden, ist bereits angelegt. Die 66 Meter lange Seebrücke war Teil einer Abraummaschine und erinnert an die Zeit der Kohleförderung.

Gästeführer Heinz Müller verfolgt engagiert die Entwicklung im Lausitzer Seenland. „Ich freue mich, dass sich die Investitionen auszahlen, die hier getätigt wurden“, sagt er. Die Region habe einen starken Zulauf bekommen. Was er den Touristen zeigen und erklären kann, kommt gut an. „Die meisten fahren mit einem Aha-Erlebnis wieder weg.“

Informationen unter: www.lausitzerseenland.de