Zuzug

Speckgürtel: Wie Berlin auch Brandenburg zum Boomland macht

Bernau und viele andere Gemeinden im Berliner Umland wachsen. Darauf muss eine neue Landesregierung reagieren.

Bernau wirbt bewusst mit seiner Nähe zu Berlin. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt.

Bernau wirbt bewusst mit seiner Nähe zu Berlin. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt.

Foto: Reto Klar

Bernau/Frankfurt (Oder).  Wer eine Vorstellung vom Wachstum im Speckgürtel bekommen will, sollte sich mit der S-Bahn auf den Weg nach Bernau machen. Lange stand die Nebenstelle des alten Heeresbekleidungshauptamtes leer, jetzt sind hier 640 Wohnungen entstanden. Mit 1,3 Kilometer Länge ist der Gebäudekomplex nach dem Flughafen Tempelhof in Berlin eines der größten zusammenhängenden Bauwerke im Osten Deutschland. Die Stadt wächst, und der Bürgermeister sieht den Zuzug als Chance. „Bernau bei Berlin“ steht auf den Ortseingangsschildern.

Wie in Bernau sieht es auch in Oranienburg, Velten, oder im Süden in Ludwigsfelde und Teltow aus: Es gibt keinen Wohnungsleerstand. Die Städte des Speckgürtels verwachsen immer mehr mit Berlin. In den 50 an Berlin grenzenden Städten und Gemeinden wohnt inzwischen eine Million Menschen. Allein im vergangenen Jahr zogen 15.600 Berliner ins Umland. Jedes Jahr werden es mehr. Die Menschen finden keinen passenden Wohnraum mehr in der Hauptstadt, oder entfliehen aus der lärmenden Großstadt.

Wenn es darum geht, die Vorteile seiner Stadt deutlich zu machen, dann redet sich Bernaus Bürgermeister André Stahl (Linke) regelrecht in Wallung. „Es gibt drei Argumente für Bernau: die Lage, die Lage und die Lage“, sagt er. Außerdem sei Bernau als Stadt wahrnehmbar. Eine schöne alte Stadtmauer umschließt den Kern fast vollständig.

Speckgürtel rund um Berlin wächst: Nachfrage nach Wohnraum steigt ständig

Aber nicht nur der Speckgürtel rund um Berlin wächst. Auch die sogenannten Städte der zweiten Reihe, Brandenburg an der Havel, Eberswalde oder Luckenwalde, ziehen immer mehr Menschen an. Die Bevölkerungsprognosen der vergangenen Jahre haben sich durchweg als falsch herausgestellt. Statt einer Stagnation oder eines vorhergesagten Bevölkerungsrückgangs, verzeichnen alle Städte mittlerweile stetigen Zulauf.

Die Brandenburger Landespolitik hat darauf lange nicht reagiert. Die Pendlerzüge sind voll, die gemeinsame Stadtplanung mit Berlin sieht vor, den Neubau an den Ausfallstraßen und Bahnlinien zu konzentrieren, um keine leblosen Vororte zu schaffen, in denen sich Einfamilienhaus-Siedlungen aneinanderreihen. Aber immer mehr Gemeinden und Kommunen fordern ein Umdenken der Landesregierung. Die Nachfrage nach Wohnraum steigt ständig, viele Gemeinden wollen bauen, dürfen aber nicht.

Das sieht auch René Wilke so. Der 35-Jährige hat vor zwei Jahren überraschend die Wahl für das Amt des Oberbürgermeisters in Frankfurt (Oder) gewonnen und regiert seitdem die Grenzstadt an der Oder. „Die Landesregierung bereitet sich nicht auf die Entwicklung vor“, sagt er. „Der Metropolenraum Berlin strahlt bis hierher nach Frankfurt aus.“ Gegenwärtig hat die Stadt 4000 Einwohner mehr, als vorausgesagt. „Wir müssten Zukunftsstrukturen errichten: Bauplätze ausweisen, Kitas, Schulen und Sportplätze bauen“, sagt Wilke.

Doch das kann die Stadt allein nicht bewältigen. Seit 2002 steigt der Schuldenberg kontinuierlich an. Bei der Finanzierung ließ die Landesregierung die Gemeinden, Kommunen und kreisfreie Städte lange im Stich. In Frankfurt beträgt das Defizit in der Stadtkasse rund 130 Millionen Euro. Neue Kredite werden versagt. Fördermittel müssen geparkt werden, weil Eigenmittel fehlen. Für die Instandhaltung und Pflege der Infrastruktur kann die Stadt kaum das Nötigste aufbringen. „Wir sollten die Zeit nutzen, den Osten zu revitalisieren“, sagt Wilke. „Wir brauchen Beinfreiheit.“ Das sei der Schalter, den die neue Landesregierung unbedingt umlegen müsse, um die Entwicklungschancen in der Metropolenregion nicht zu verschlafen.

Zusammenarbeit zwischen Berlin und Brandenburg muss sich verbessern

Dazu gehört aus Sicht des Frankfurter Oberbürgermeisters auch eine bessere Zusammenarbeit zwischen Berlin und Brandenburg. Als der ehemalige Berliner Stadtentwicklungssenator und jetzige Vorstand der Stiftung Zukunft, Volker Hassemer, die Stadt besuchte, war er erstaunt über die deutsch-polnische Kooperation. „Frankfurt und Slubice kooperieren enger als Berlin und Brandenburg“, habe Hassemer verblüfft festgestellt, erzählt Wilke. Zwar hat sich das Verhältnis zwischen Berlin und Brandenburg in den vergangenen Monaten wieder etwas angenähert, richtig voran geht es aber noch nicht so recht. Berlin, so scheint es, kann mit dem großen Flächenland nichts so recht anfangen, Brandenburg fürchtet die Sogwirkung der Großstadt.

Bernau geht schon lange einen anderen Weg. Die Stadt setzt ausdrücklich auf die Nähe zu Berlin und wirbt um neue Bewohner aus der Hauptstadt. Deshalb setzt die Stadt an vielen Stellen auf Geschossbau statt auf Ein- oder Zweifamilienhäuser. Wem die Miete in Berlin zu teuer ist, kann nach Bernau in eine bezahlbare Wohnung ziehen. Der Bau von 2500 städtischen Wohnungen bis 2020 ist in Planung, dazu kommen 1200 Genossenschaftswohnungen. Die Zahl könnte sich noch verändern, nämlich dann, wenn der Investor der Nebenstelle der ehemaligen Kleiderkammer auch das Hauptgebäude übernimmt. Der Komplex liegt am Ortseingang Bernaus. Dort ist Platz für weitere 2500 Wohnungen.

In Bernau wird investiert, Schulen und Kitas sind neu

Dazu werden derzeit 100 Millionen Euro in das Gebiet rund um das Krankenhaus investiert. Für 26 Millionen Euro wird das Klinikum selbst saniert und 75 neue Betten eingerichtet. Das Krankenhaus verfügt bereits über ein Zentrum zur Epilepsieforschung. In der Nähe werden zudem eine evangelische und eine staatliche Grundschule neu gebaut sowie eine zweizügige Oberschule und ein Jugendzentrum errichtet.

Auch das sei ein Grund, aus Berlin in den Norden zu ziehen, sagt Stahl. Während im Umland lauter neue Kitas und Schulen entstehen, plage sich Berlin mit baufälligen Altbauten herum. Auch das spiele für junge Familien bei der Wohnortwahl eine Rolle. Gerade erst hat Stahl den 40.000. Einwohner begrüßt. Der 58 Jahre alte Jost Heyne zog vergangenen Sommer aus Pankow nach Bernau. Die Stadt sei ihm seit Jahren vertraut, deswegen fühle er sich bereits wie zu Hause, sagt der Neu-Bernauer.