Neue Studie

Antisemitismus gehört in der Mark zur Alltagserfahrung

Eine Studie zeigt subtile Formen des Antisemitismus auch in öffentlichen Einrichtungen Brandenburgs auf.

Laut Studie kam es in den vergangenen fünf Jahren zu 492 antisemitischen Vorfällen in Brandenburg.

Laut Studie kam es in den vergangenen fünf Jahren zu 492 antisemitischen Vorfällen in Brandenburg.

Foto: Fredrik von Erichsen / dpa

Potsdam. Hakenkreuz-Schmierereien an einem jüdischen Friedhof, rechtsextreme Fußballfans, die im Stadion „Zecken, Zigeuner und Juden raus“-Sprüche skandieren, ein Kippa-Träger, der auf der Straße bespuckt wird: Antisemitismus gehört für Juden in Brandenburg vielfach zur Alltagserfahrung. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS-BK).

Der untersuchte im Herbst 2018, wie oft und welchen Anfeindungen Juden in der Mark ausgesetzt sind. Dorina Feldmann führte Interviews mit Akteuren jüdischer Gemeinden und einem Kirchenvertreter. Zudem wertete sie polizeiliche Statistiken und Angaben ziviler Beratungsstellen zu Vorfällen zwischen 2014 und 2018 aus. Der Report, der am Donnerstag in Potsdam vorgestellt wurde, soll die Basis für die „Fachstelle Antisemitismus Brandenburg“ am Moses-Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam bilden, die das Land mit 200.000 Euro jährlich fördert.

Nur in einem von fünf Fällen erstatten Betroffene Anzeige

„Prävention, Bildung und Sensibilisierung sind Schlüssel im Kampf gegen Antisemitismus“, betont Fachstellenchef Peter Schüler. Auffällig sei, wie sehr es an Wissen über jüdisches Leben man­gele. „Antisemitismus zeigt sich daher häufig auch in subtiler Form, selbst in öffentlichen Einrichtungen“, bestätigt Feldmann. So habe ein Studienteilnehmer berichtet, dass ein Jobcenter seinen Antrag, am Sabbat nicht arbeiten zu wollen, als unbegründet abgelehnt habe.

Laut Studie kam es in den vergangenen fünf Jahren zu 492 antisemitischen Vorfällen in Brandenburg, davon 433 polizeilich registrierte Straftaten. Bei mehr als der Hälfte ging es um das Delikt der Volksverhetzung. „Aus den Daten lässt sich allerdings keine regionale Spezifik antisemitischer Straftaten ablesen“, sagt RIAS-BK-Geschäftsführer Benjamin Steinitz. Die Häufung in Oberhavel lasse sich mit der dort größeren Zahl an Gedenkstätten erklären.

Es sei davon auszugehen, dass die Dunkelziffer in ganz Brandenburg deutlich höher liege. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Betroffene nur in einem von fünf Fällen Anzeige erstatten oder sich beraten ließen. Steinitz plädiert für konsequente Strafverfolgung. „Antisemitismus gehört leider nicht der Vergangenheit an, sondern ist ein hochaktuelles Phänomen“, beklagt auch Staatskanzleichef Martin Gorholt und verweist auf jüngste Zahlen. Danach sei es in den ersten fünf Monaten 2019 bereits zu 51 antisemitischen Straftaten gekommen – gegenüber 38 im Vergleichszeitraum.