Immobilien in Brandenburg

Wie die Sanierer vom Oderbruch abbruchreife Häuser retten

Kiri Westphal und Matthias Ciupka sanieren alte Gebäude, bei deren Anblick wohl jeder andere resigniert abwinken würde.

Architektin Kiri Westphal und Zimmerer Matthias Ciupka widmen sich jetzt einem Mittelflurhaus von 1698. Es stand 50 Jahre leer.

Architektin Kiri Westphal und Zimmerer Matthias Ciupka widmen sich jetzt einem Mittelflurhaus von 1698. Es stand 50 Jahre leer.

Foto: Patrick Pleul / ZB

Altranft.. Wer vor dem großen, verfallenen Fachwerkhaus am Dorfanger von Altranft (Märkisch-Oderland) steht, käme wohl nie auf die Idee, es zu betreten. Denn das Mittelflurhaus ist bereits seit 1970 von der Polizei wegen Einsturzgefahr gesperrt. Das Denkmal macht den Eindruck, als würde es tatsächlich jeden Moment zusammenkrachen. Die löchrigen Lehmwände zwischen den mächtigen Kiefernholz-Balken bröckeln. Im Inneren sind Zwischendecken bereits teilweise heruntergefallen, die Bodendielen wirken morsch, überall liegt Schutt.

Ein Loch im Dach ist häufig der Anfang vom Ende

Architektin Kiri Westphal und Zimmerer Matthias Ciupka wollen das 1698 errichtete Gebäude dennoch sanieren. Ihrer Ansicht nach ist die verbliebene Substanz gesund – bis auf die Türschwelle.

Brandenburgs Landeskonservator Thomas Drachenberg freut sich über dieses Engagement. „Es ist eines der wenigen erhalten gebliebenen Häuser, die bereits vor der Trockenlegung des Oderbruchs im 18. Jahrhundert gebaut worden waren“, sagt er. Bei Westphal und Ciupka sieht er das Haus „in besten Händen“. Das Landesdenkmalamt könne Hausbesitzer nur beraten. Häuserretter hingegen seien erfrischend aktiv, wenn es darum gehe, alte Gebäude zu sichern.

Bereits seit Jahren sind die Architektin und der Zimmerer im Norden Brandenburgs aktiv, wenn Eigentümer nicht bekannt sind oder sich selbst nicht um die oftmals denkmalgeschützten Häuser kümmern. „Im Ortskern von Angermünde haben wir etliche Dächer wieder gedeckt, ebenso am Bahnhof Landin in der Uckermark“, erzählt Ciupka. Ein Loch im Dach sei meist der Anfang vom Ende eines ganzen Gebäudes.

Rechtlich erlaubt sei ihre Vorgehensweise sicher nicht, erfülle eher den Tatbestand des Hausfriedensbruchs, gibt Westphal zu, die vom Bodensee stammt. „Doch Eigentümer sind meist nicht vor Ort, und die Nachbarn sind froh, wenn mit der alten Ruine nebenan etwas passiert. Angezeigt hat uns so auch noch keiner“, ergänzt die 43-Jährige. Die beiden Häuserretter verstehen sich als „Lückenfüller“: Sie erhalten die historische Substanz, bis sich jemand findet, den sie bei der weiteren Sanierung gern beraten. So haben sie ein Vorlaubenhaus in Lüdersdorf (Barnim) vor weiterem Verfall bewahrt. Davon gibt es nur noch zehn in Brandenburg. „Um attraktive Dörfer zu behalten, müssen ihre historischen Strukturen und Charaktere erhalten werden“, erklärt Häuserretter Ciupka die Beweggründe für ihr Engagement. Der gebürtige Berliner hat eine Baufirma, macht viel in Eigenleistung. Was beide hauptberuflich verdienen, stecken sie in ihre „gelebte Leidenschaft“, wie sie sagen.

In Altranft waren offenbar vor Jahren umsichtige Menschen am Werk. Auf dem Sanierungsobjekt, das einst zum Freilichtmuseum Altranft gehörte, thront ein Wellblechdach. Die alten Dachsparren waren so nicht der Witterung ausgesetzt. Noch bis 2021 wird das Museum umgestaltet. „Da das neue Programmbüro keine Immobilien erwerben darf, sind wir in die Bresche gesprungen“, erzählt Westphal.

Landkreise seien häufig überfordert mit ihren alten Denkmälern und wollten sie loswerden. Für einen symbolischen Preis kauften beide das alte Mittelflurhaus von der Kreisverwaltung Märkisch-Oderland und verpflichteten sich, es in den nächsten fünf Jahren zu restaurieren – mit Eigenleistungen und Fördermitteln. „Ich bewundere ihren Mut, dass sie sich dieser schweren Aufgabe stellen und hoffe, dass alle beteiligten Behörden mit Augenmaß und Kompromissbereitschaft das engagierte Vorhaben unterstützen“, sagt Landrat Gernot Schmidt (SPD).

Selbst wohnen wollen Westphal und Ciupka in der Neuerwerbung nicht. Seit 2004 haben sie ein Bauernhaus in Gellmersdorf (Uckermark) saniert und zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht – es war der Anfang des Projekts Häuserrettung. Ihr jahrelanger Einsatz zeige Wirkung, meinen beide. „Inzwischen wenden sich Bauherren historischer Gebäude direkt an uns. Wir beraten und unterstützen. Und wir verhindern, dass Grundstücksspekulanten Grundstücke kaufen und die alten Häuser einfach abreißen. Da informieren uns die Nachbarn“, erklärt der 51-jährige Handwerker.

Das Haus in Altranft könnte nach der Sanierung vom Oderbruchmuseum genutzt werden, meint Kiri Westphal. „Wir könnten daraus eine historische Herberge machen – mit der offenen Küche, mit den Tieren unter einem Dach, ohne Waschmaschine und Dusche, dafür mit holzbeheiztem Badeofen.“ So könnten Gäste die damalige Lebensweise am besten nachvollziehen.