Museum Barberini

Die große Kraft von Caravaggio

Eine gelungene Ausstellung im Potsdamer Palais Barberini erforscht die „Wege des Barock“.

Der Blick in den Spiegel: Caravaggio (1571-1610), „Narziss“, 1597-1599.

Der Blick in den Spiegel: Caravaggio (1571-1610), „Narziss“, 1597-1599.

Foto: abb.: Galleri Nazionali di Arte Antica, Roma/Mauro Coen

Potsdam. Vielfältiger könnten sie wohl kaum sein, die Verbindungslinien, die das Potsdamer Barberini Museum mit seiner neuen Ausstellung „Wege des Barock“ zu dem gleichnamigen Palais Barberini in Rom zieht. 54 von 56 Meisterwerken sind aus dem Palazzo Barberini und der Galleria Corsini zu Gast in Potsdam. Es ist die erste Schau, die sich Alten Meistern widmet. Caravaggio steht im Mittelpunkt – sein Einfluss auf den italienischen Barock und auf ganz Europa.

Doch damit nicht genug: Tatsächlich stand der Palazzo Barberini in Rom Modell für die Errichtung des Potsdamer Barberini durch Friedrich II. Allerdings auf abenteuerliche Weise. Denn Friedrich II. hat Rom niemals besucht. Vielmehr ließ er sich von einem Kupferstich Giovanni Battista Piranesis zu dem Bau am Alten Markt inspirieren. Bewusster Stich Piranesis ist in der Ausstellung zu sehen und lässt erahnen, dass das römische Vorbild deutlich größer und barocker ist als sein Potsdamer Pendant.

Nicht nur der Bau der Barberini-Familie in Rom wurde Friedrich II. zum Vorbild, sondern der ganze Habitus der Familie rund um Maffeo Barberini, der ab 1623 als Papst Urban VIII. wirkte. Denn als anderswo der Dreißigjährige Krieg tobte, hatte sich dieser das ehrgeizige Ziel gesetzt, Rom zu einer kulturellen Blüte zu verhelfen, die der Renaissance in nichts nachstehen sollte.

Das Palais Barberini in Rom wurde zu einer Art Theater, in dem die Familie ihren Anspruch auf Macht formulierte und zur Schau stellte. Das veranschaulicht schon das Deckenfresko von Pietro da Cortona im Audienzsaal des Palazzos. Um die Bienen, Motive aus dem Wappen der Barberini, kreisen die Tugenden, mit denen sich die Familie schmücken wollte, Papst-Tiara und die Schlüssel Petri verweisen auf ihren großen Einfluss. Im Potsdamer Barberini ist das Fresco als riesige Deckenprojektion zu sehen. Porträts einiger Familienmitglieder in Herrscherpose unterstreichen ihren Stand.

Der Bruch mit dem Manierismus

Ganz im Zentrum der Kunst, die von den Barberinis gefördert wurde, steht Caravaggio als Wegbereiter des italienischen Barock. In der Ausstellung ist das zwischen 1597 und 1599 entstandene Meisterwerk „Narziss“ zu sehen. Caravaggio wollte mit dem damals vorherrschenden Manierismus brechen und schuf einen drastischen, realistischen Stil, der unmittelbar auf die Gefühlswelt des Betrachters wirken sollte. In Zeiten von Gegenreformation und Religionskriegen konnten in der Folge selbst altbekannte religiöse Motive mit großer Eindringlichkeit zu neuem Leben erweckt werden. Oft schufen die Maler rund um Caravaggio ihre Heiligen nach Modellen aus den ärmsten Vierteln Roms oder platzierten sie in häuslichen Szenen wie auf Carlo Saracenis Gemälde „Madonna mit Kind und die heilige Anna“ von 1611.

Der Einfluss Caravaggios schlug Wellen, erst in seinem unmittelbaren Umfeld, dann in ganz Italien, in der nächsten Generation in Italien und schließlich auch in Nordeuropa. Maler pilgerten aus den Niederlanden und Frankreich nach Rom, um Caravaggios Kunst zu studieren. Sie eigneten sich seine Techniken an, spielten mit dem Kontrast von Licht und Schatten und dem neuen Realismus. Die Themen interpretierten sie zum Teil neu.

Ein Gegenspieler von Caravaggio war Guido Reni. Er wollte nicht wie dieser einfach nur die Wirklichkeit abbilden, sondern sich an antiken Vorbildern schulen. Für seine „Büßende Maria Magdalena“ von vor 1633 studierte er keine Modelle, sondern antike Skulpturen. Für Papst Urban spielte dieser Zwist unter Künstlern keine Rolle, er förderte sowohl Caravaggio und dessen Nachfolger als auch die eher akademische Tradition Renis.

Dieser Strang des italienischen Barock wird im 18. Jahrhundert für Sammler in ganz Europa wesentlich, die sich als Mäzene am Vorbild des kunstsinnigen Papst Urban orientierten und systematisch Kunst kauften, erst zum privaten Vergnügen, später auch, um sie einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Besonders ansteckend war unter diesen Sammlern – darunter auch Friedrich II. – die Vorliebe schon der Barberinis für die anspielungsreiche Allegorie des Barock. Diese erlaubte es, sich subtil und nach eigenem Geschmack mit bestimmten Tugenden zu schmücken und damit Macht zum Ausdruck zu bringen.

Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung sind die beiden großformatigen Gemälde Artemisia Gentileschis aus dem Neuen Palais in Potsdam. Sie wurden eigens für die Ausstellung restauriert und erscheinen nun in neuen Glanz.

Artemisia Gentileschi ist die einzige weibliche Caravaggistin. Als erste Frau wurde sie an der Akademie der schönen Künste in Florenz aufgenommen und betrieb danach eine Werkstatt mit männlichen Gehilfen. Im Neuen Palais, das Friedrich II. ebenfalls erbauen und mit einer Galerie für italienische Gemälde ausstatten ließ, hängen ihre Bilder sonst zwischen denen von Guido Reni und Luca Giordano, die ebenfalls beide in der Ausstellung vertreten sind.

Damit schließt die wunderbare Ausstellung den Bogen vom Barberini in Potsdam zu seinem Vorbild in Rom.

Museum Barberini Potsdam, Alter Markt, Humboldtstr. 5-6, 14467 Potsdam. Telefon: 0331 236014-499. Täglich außer Di 10-19, erster Do im Monat 10-21. Bis 6. Oktober. Katalog 29,95. Euro